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Aus der Druckausgabe Autor


Parteigänger verlorener Sachen – Nicolás Gómez Dávila

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Die politische Wirklichkeit läßt sich deshalb auch im Schema von challenge und response, von Herausforderung und Antwort verstehen:

„Die Ideen der Linken rufen Revolutionen hervor, die Revolutionen erzeugen die Ideen der Rechten.“ Und weil die Revolutionen den besten Anschauungsunterricht für das liefern, was die Konsequenzen der linken Ideologie sind, rekrutierten sich Gómez Dávila zufolge die Reaktionäre aus den Zuschauern in der ersten Reihe einer Revolution. Denn nicht die Tatsache, daß die Linke andere Ergebnisse als das von ihr Proklamierte hervorbringt, ist das Problem. Das Problem bestehe gerade darin, daß die Linke durchsetzt, was sie proklamiert. „Das wahre Desaster der Linken wird offenbar“, so sagt er, „wenn sie hält, was sie verspricht.“ Der Linke, der die Realität so sieht, wie sie ist, wird daher leicht und konsequenterweise zum Reaktionär: „Den Linken, der gleichermaßen gegen die Verbrechen der Rechten wie der Linken protestiert, nennen seine Genossen mit Recht einen Reaktionär.“ Und in einem weiteren Schritt folgt daraus: „Der überzeugteste Reaktionär ist der reuige Revolutionär, das heißt: derjenige, der die Realität der Probleme kennengelernt und die Lügenmärchen der Lösungen erkannt hat“. Politische Reife besteht denn auch für Gómez Dávila darin, gegen den utopischen Impuls der Linken jedes Ziel zurückzuweisen, das sich nicht operationalisieren läßt, von dem also nicht angegeben werden kann, ob und wann und wie es zu erreichen ist.
Heißt das nun, daß Gómez Dávila ein Rechter sei, wie er im Buche steht? Mitnichten. Denn die Rechte ist in den Augen des Reaktionärs eine höchst zweifelhafte Angelegenheit, wie wir sehen werden. Nun kann es keinem Zweifel unterliegen, daß Gómez Dávila in seinen Pariser Jugendjahren offenbar stark unter dem Einfluß der Schriften rechter Theoretiker oder Ideologen wie Charles Maurras stand. Indes hat Gómez Dávila keines Denkers oder Schriftstellers Ideen ohne Abstriche übernommen. Maurras etwa lehnte die Romantik entschieden ab, während Gómez Dávila sie entschieden bejahte und in ihr eine der großen geistesgeschichtlichen Epochen reaktionären Gehaltes sah. Aber auch der Rechte ist Teil und Erbe jener spezifisch modernen Politik, die man als ideologische Politik bezeichnen muß. Das Faktum von Ideologien, die die Massen ergreifen und zur materiellen Gewalt werden, ist dem Reaktionär ein Greuel, und zwar unabhängig davon, ob die solchermaßen verbreitete ideologische Interpretation des Menschen und seiner Geschichte als „rechts“ oder „links“ figuriert. Gómez Dávila versucht, die Position des Reaktionärs im Verhältnis zur Linken und Rechten anschaulich zu machen: „Der Linke nennt jene Leute Rechtsparteiler, die bloß rechts von ihm sitzen. Der Reaktionär befindet sich nicht auf der rechten Seite von der Linken, sondern gegenüber“. Der Reaktionär nimmt demnach eine Position ein, die gleichsam von außen auf die Programme und ideologischen Alternativen blickt und so deren Schwächen ans Licht bringt: „Die Alternative, die derjenige anpreist, der mit der Linken nicht konform geht, ist ebenso unannehmbar wie die, die er verwirft“. Er bedauert, daß den Reaktionären von den Linken die Ideen und von den Rechten das Vokabular gestohlen werde. Dies aber besagt nichts anderes, als daß die Übereinstimmung des Reaktionärs mit der Rechten auf der Erzeugung eines unzutreffenden Scheines beruht, nicht auf einer tieferen Gemeinsamkeit gedanklicher oder weltanschaulicher Art.

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