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wegner Nils Wegner


»Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß…« – Sezession 70!

umschlag_70.inddAls mit „Widerstand“ das Thema der 16. Winterakademie des IfS bekanntgegeben wurde, sorgte das für viele hochgezogene Augenbrauen. Nun, es gab in Schnellroda keine Sitzblockade-Übungen; die bleiben weiterhin dem einen oder anderen AStA überlassen. Tiefergehende Überlegungen zu Sinn und Form des Widerstands versammelt nun die 70. Sezession im entsprechenden Themenheft. Mag das Titelbild auch einige Irritation auslösen – diese Dame muß wohl nicht von sich aus »eine Armlänge Abstand« zu irgendwem einhalten…

+ Während sich Götz Kubitschek in seinem Geleitwort mit dem Widerstand auf der Mikroebene – und der wohl allen vertrauten Beißhemmung gegenüber unverschämten Zeitgenossen – auseinandersetzt,

+ betrachtet Felix Menzel in der Folge die immer brüchiger werdenden, »hypermoralischen« Einhegungen des Widerstandspotentials im Volk angesichts des Flüchtlingsansturms.

+ Ein dickes Brett bohrt Martin Lichtmesz mit seinem Charakterporträt des traditionalistischen Erzbischofs Marcel Lefebvre (1905–1991), Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X. und fast 30 Jahre lang unbeugsamer Streiter wider die Verweltlichung und Liberalisierung der katholischen Kirche infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils. Den besonderen Zwiespalt Lefebvres faßt Lichtmesz in eine Beschwörung: »Wie er müssen wir zu Desperados um des Gesetzes willen, zu Revolutionären um der Ordnung willen werden.«

+ Auf der Winterakademie gingen die Meinungen über angemessene Weisen des Widerstands (sofern man ihn denn überhaupt befürwortete) anfangs weit auseinander. Kubitscheks ursprünglich als Abschlußvortrag geplante, dann aber auf Freitagnachmittag vorgezogene Überlegungen zur thymotischen Qualität unserer Lage schafften frühe Klarheit: Der Widerstand ist eine Frage von Zorn und von Zeit; wo beides zusammenfällt und das menschliche Selbstachtungsbedürfnis berührt wird, ist – statt »neblig-distanzierender« Wochenkost – Großes zu erwarten.

+ Ebenso am thymós orientiert ist Michael Wiesbergs Meditation über die »“Feldkräfte“ des Widerstands«. Ausgehend vom antikommunistischen Freiheitskampf der baltischen „Waldbrüder“ und rumänischen „Partizanii“ (vgl. die intensive Beschäftigung mit Ion Gavrilă Ogoranu in Tristesse Droite) vollzieht der Autor einen Sprung zurück zum caudillo Francisco Franco und schließlich wieder weit vor zur PEGIDA-Bewegung (!) – und deren Mangel an Identifikationsfiguren.

+ Martin Sellners Akademievortrag »Polarisierung und Wende« befaßte sich mit der Strahlkraft der aktuellen nationalpolitischen Entwicklungen in Ungarn. Eingehend betrachtet, liefert das dortige strategische Vorgehen von Fidesz und assoziierten Gruppen von 2002–2010 eine Art Blaupause des erfolgreichen Vorgehens gegen eine Regierungsclique, die den galoppierenden Ausverkauf des eigenen Landes betreibt – in seinem Beitrag nennt Sellner es Viktor Orbáns »konservative Revolution«.

+ Der rheinische Historiker Arne Freiwald widmet sich gleich zweierlei Widerstand: Wer in den jetzigen Zeiten der Flüchtlingsflut und des Silvesterfanals von Köln etc. der Meinung ist, die nun angestimmten Töne in Politik, Medien und auf der Straße seien ein immenser Schwenk, der wird angesichts der 1970er Parolen des deutschen Maoismus (!) wohl in Ohnmacht fallen. Kleinstparteien wie KPD/AO und KPD/ML verfochten damals einen höchst radikal antiimperialistischen, neutralistischen und einheitsorientierten Kurs: Befreiungsnationalismus in Reinkultur.

+ Im Anschluß geht es Freiwald dann um Ernst Niekischs Widerstand und insbesondere die Rolle des »wahren Waldschrats« (Friedrich Hielscher) A. Paul Webers. Kombiniert mit einer Auswahl der bekannten Federzeichnungen des Künstlers im Bildteil ergibt sich eine Facette kreativ-ästhetischer Widerständigkeit im Angesicht überwältigender Drangsal.

+ Die juristischen Aspekte der Widerstandsthematik beleuchten Dr. Dr. Thor v. Waldstein und Prof. Dr. Karl Albrecht Schachtschneider: Während ersterer soeben eine Analyse Zum politischen Widerstandsrecht der Deutschen nach Art. 20 IV Grundgesetz vorgelegt hat und deren Schlußfolgerungen in zehn Thesen zusammenfaßt, ist zweiterer just durch seine Verfassungsbeschwerde gegen die Einwanderungspolitik der Bundesregierung hervorgetreten, deren Volltext sich im Heft findet.

+ Unter dem Eindruck der Anschläge in Paris vom 13. November 2015 hat Alain de Benoist dem Netzportal Boulevard Voltaire zwei Interviews zur politischen Lage in Frankreich und Europa gegeben, deren Quintessenz Martin Lichtmesz unter dem Titel »Der Frieden ist eine fragile Sache…« zusammenfaßt.

+ Benedikt Kaiser hat den neoleninistischen, medial derzeit sehr gefragten Philosophen Slavoj Žižek von rechts gelesen und dessen interessanteste Gedanken zur Unterfütterung einer konservativen Kulturkritik aufbereitet.

+ Mit der »erweiterten, berichtigten und kommentierten« zweiten Auflage von 2015 liegt Carl Schmitts berühmtes Glossarium endlich in vollständiger Form vor. Dr. Erik Lehnert hat das Werk aus diesem Anlaß auf’s Neue zur Hand genommen und auf die Widerständigkeit des Staatsrechtlers hin durchgemustert; wenig scheint dafür ertragreicher als das Denktagebuch Schmitts aus den Jahren 1947–1958, in denen der Alte von Plettenberg, just aus amerikanischer Haft entlassen, »in der Sicherheit des Schweigens« Unmengen an geistigem Sprengstoff aufhäufte.

+ Der Literaturwissenschaftler Dr. Michael Rieger sorgte mit seinem Vortrag über den literarischen Widerstand der vergangenen 80 Jahre in Deutschland für eine rege Diskussion – vor allem zur Frage, ob im erweiterten Westdeutschland nach 1989 noch wirklich widerständige Schriftsteller vorhanden oder überhaupt denkbar (gewesen) seien. Von Reinhold Schneider über Uwe Johnson bis hin zu Botho Strauß spannt Rieger im 12. Teil der Reihe »Vor dem Bücherschrank« den Horizont eines Nicht-Abfindens mit den jeweils aktuellen „Sachzwängen“ auf.

+ Die Rezensionen umfassen unter anderem Angela Rohrs Lebensroman Lager, Andreas Lombard, den Versuch einer Ehrenrettung Houston Stewart Chamberlains, Neuerscheinungen zum Werk Carl Schmitts, Herfried Münklers Kriegssplitter, die Beitragssammlung einer Dresdner Tagung zum Thema »Linker Kitsch« sowie die neuen kaplaken-Bände Gelassen in den Widerstand und Metapolitik.

Abonnenten sollten das Heft spätestens heute oder morgen erhalten; Einzelbestellungen und die Einsicht in das Inhaltsverzeichnis sind hier möglich. Ein Jahresabonnement kostet innerhalb Deutschlands und Österreichs 50 Euro, ermäßigt für Nichtverdiener 35 Euro (jeweils inkl. Porto); drei ältere Hefte gibt es zudem als Prämie.

28 Kommentare zu „»Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß…« – Sezession 70!“

  1. Schopi

    …in seinem Beitrag nennt Sellner es Viktor Orbáns »konservative Revolution«….

    die konservative Revolution sieht dann so aus.

    http://www.pesterlloyd.net/html/1505halbierungsozialhilfe.html

    alles auch immer eine Frage des Blickwinkels.

  2. Heinrich Brück

    @ Schopi
    Die Zigeuner in Ungarn sind der Demokratisierung zum Opfer gefallen. Im Sozialismus waren die arbeitstechnischen Anforderungen nicht so hoch. Müssen auch noch Kindergelder in voller Höhe ausbezahlt werden, lohnt es sich eher ein Kind zu zeugen – was sie (und Sie) natürlich wissen. Aber der Deutsche ist halt ein Sozi.
    Die Deutsche Willkommensunkultur ist auch nicht gerade hilfreich; weil Arbeit auch hier keine vorhanden ist, dafür aber Kindergeld und die deutschen Innenstädte.

  3. Nero

    @ Schopi

    Ich hoffe, dass die Sozialhilfe wirklich halbiert wurde und das keine Ente ist. Orban ist genial.

    Es ist den Ungarn nicht genommen, privat zu helfen.
    Das stärkt die Gemeinschaft. Und auch das Pflichtgefühl der Empfänger.
    Gleichzeitig hält man Subjekte fern, die sich im Windschatten eines Umverteilungsstaates breit machen. Und sich sogar dauerhaft darin einrichten.

    Schopi, erklären Sie mir bitte warum es Menschen schlechter gehen soll, wenn sie weniger staatliche Hilfe bekommen?
    Das kann doch privat alles kompensiert werden. Es steht den Ungarn frei, kostenloses Essen anzubieten. Kostenlos die Kinder zu unterrichten, kostenlos einquartieren usw.

    Vor der Rentenversicherung haben sich die Knappschaften und Genossenschaften um die Wohlfahrt gekümmert.
    Die Okkupierung durch den Staat hatte nur politische Gründe.
    Um das Wohl des Menschen ging es dabei nicht und die Konditionen haben sich auch verschlechtert.
    Was Orban macht ist die Rückführung auf das Lokale, auf das Subsidiäre, auf die wirkliche NÄCHSTENliebe.

  4. Peter Schmitz

    Schopi -

    Das Verhindern einer staatlich alimentierten Unterschicht mit starkem finanziellen Reproduktionsanreiz – wie das in linksregierten Staaten immer der Fall ist – ist tatsächlich eine Art konservative Revolution.

    Obwohl selbst Sarrazin in seinem Klassiker diesen Standpunkt vertritt – und der ist in der SPD…

  5. panther rei

    Den Einwand des Mitforisten Schopi gegen die angebliche „konservative Revolution“ in Ungarn verstehe ich nicht.

    Eine nicht formal diskriminierende Kürzung der Sozialhilfe, die aber effektiv eine ethnische Gruppe trifft, sollte doch in diesem rechtsgerichteten Forum auf Beifall stoßen.

    Grundsätzlich muss man bei dieser Diskussion unterscheiden zwischen der Abgrenzung und der Solidarität. Ich nenn das mal (grob vereinfachend) ein Spektrum geschlossen-offen und ein Spektrum sozial-unsozial. In beiden Punkten kann eine Partei dafür oder dagegen sein. Damit kommt man auf vier Kombinationen, die alle logisch denkbar sind (aber nicht notwendigerweise in der Realität machbar).
    Die USA sind dann von mir aus offen-unsozial, wohingegen Deutschland offen-sozial ist. Der klassische europäische Faschismus war geschlossen-sozial (was mir auch die Position der Front National in Frankreich zu sein scheint). Bleibt noch geschlossen-unsozial. Das scheint die Position Ungarns zu sein. Kann man richtig oder falsch finden, ist aber logisch möglich. (Und, man muss es nicht übertreiben, sicher, aber der Position würde ich auch zuneigen. Vor der Flutung war das die Position der Bundesregierung. Gegenüber den Eingeborenen ist es auch heute noch die Position der Bundesregierung. Halt bloß gegenüber den Flüchtlingen nicht.)

  6. Kofiya

    Ganz knapp: „Wer nicht will deichen, muss weichen.“

  7. nobody

    Die Ordensburg Vogelsang in der Eifel wird Asylheim.

  8. Schopi

    Ganz kurz noch zu Ungarn (Thema ist ja eher die Vorstellung des neuen Heftes).
    Sozial und ein geschlossenes System wäre eher wünschenswert. Wie viele Roma dort betroffen sind, weiß ich nicht. Es ist schwer bis unmöglich zu urteilen. Die Forderungen von offen sozialen Ländern an Ungarn sind anmaßend. Hier liegt der Durchschnittsverdienst unter deutschem Sozialhilfeniveau.

  9. Coon

    Orban ist hier erwa so konservativ wie Erdogan. Raus mit den Kostgängern, die aus Mitteln leben, die der Staatsapparat lieber für sich und seinesgleichen verwenden möchte. Dreimal dürfen Sie raten, wo die Ausweichbewegung der Getroffenen geografisch enden soll und wird. Erdogan wird sich tüchtig ärgern, muss er sich doch erst die Kohle von Angie überweisen lassen, bevor er Taten folgen lassen kann. Ich kann verstehen, dass die türkische Administration in die EU strebt…

  10. Waldschrat

    Gerade das Heft aus dem Zeitungsrohr gezogen. Leider beim flüchtigen Suchen keinen Hinweis auf das eindrucksvolle Titelbild gefunden. Habe den Reflex, es sauber gerahmt ins Zimmer meiner sechsjährigen Tochter hängen zu wollen: Vorbildfunktion. Aber was ist da eigentlich abgebildet? Résistance?

  11. Feuerturm

    @Schopi:

    Orbán hat die Sozialleistungen tatsächlich zurückgeschraubt. Ein wirklich herber Schlag ist das aber nur für die Arbeitslosen, für die arbeitende Bevölkerung wurden zahlreiche Anreize geschaffen.

    Neben der Kürzung der Sozialhilfen wurde auch ein soziales Arbeitsprogramm auf die Beine gestellt (auf Ungarisch: „közmunkaprogram“), an dem alle Sozialhilfeempfänger teilnehmen müssen (auch wenn die Wertschöpfung dieser Arbeiten relativ gering ist und die Arbeiten selbst sich oft im Säubern von Straßengräben erschöpfen). Aber: ohne Arbeit kann nichts mehr beansprucht werden. Das signalisiert einen Wandel der Mentalität.

    Hier eine kleine Übersicht dessen, was sich in Ungarn seit Mai 2010 getan hat (dies sind meine persönlichen Eindrücke, ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

    eine neue Verfassung, die sich auf Gott beruft, Besteuerung der Banken, Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft in privaten Rentenzusatzversicherungen (neben der normalen staatlichen Altersvorsorge), Ausweitung des Rechts auf Selbstverteidigung und Verschärfung des ungarischen SGB, enorme steuerliche Begünstigung kinderreicher Familien (zumeist in Form von Steuergutschriften), Intensivierung der Familienförderung (CSOK-Darlehen: großzügige Familiendarlehen ab Jan. 2016 für Großfamilien sowie für Kleinfamilien/Kinderlose, die sich bereiterklären, (weitere) Kinder in die Welt zu setzen), Aufstellung von Bürgerwehren in ländlichen Regionen, Kindergartenpflicht für Kinder ab dem 3. Lebensjahr (insbesondere zwecks Integration gewisser integrationsunwilliger Bevölkerungsschichten), Möglichkeit der Frührente für Frauen mit 40 Beitragsjahren, Kleinsteuerzahlerregelung für Selbstständige (KATA-Regelung: mit einem monatlichen Festbetrag von 50.000 HUF/ca. 170 EUR sind alle Steuern und Sozialabgaben abgegolten, alle Einnahmen darüber gehen in die eigene Tasche), Anhebung der Pädagogen-Gehälter um durchschnittlich 30-40 % seit 2013, staatliches Programm für Ferienaufenthalte von Kindern aus sozial schwachen Familien („Erzsébet program“), sinkende Staatsverschuldung, erhebliche Erleichterung der Vergabe der ungarischen Staatsbürgerschaft an Auslandsungarn usw. usf.

  12. Sugus

    @ Waldschrat
    Na, sieht ja alles sehr slawisch aus, auch die MP ist glaube ich russisch. Russische Partisanin/Soldatin?

  13. Andreas Walter

    Was Ihr macht, liebe Sezessionisten, ist wahrlich ein Hoffnungsschimmer, weil darum zumindest noch ein paar Menschen in Deutschland gegen Diskriminierung und Polarisierung Widerstand leisten, gegen das säen von Zwietracht und Hass gegen Andersdenkende mit der tatsächlichen Absicht der Spaltung, Entzweiung und Verzweiflung, der Schwächung und Abschaffung Deutschlands:

    „Die Frau Petry ist und bleibt unerwünscht“

    http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/afd-chefin-petry-in-augsburg-die-frau-petry-ist-und-bleibt-unerwuenscht/12954690.html

    Kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor?

    http://www.radiobremen.de/fernsehen/buten_un_binnen/themen/ausstellung192_v-panorama.jpg

    Genauso hätte das Handelsblatt auch schreiben können:

    Kauft nicht bei Deutschen!

    Die AfD ist euer Unglück! Darum wählt Liste 1!

    http://www.mdr.de/unternehmen/gesamtkonzept-berichterstattung100-download.pdf

    Warum müssen manche Deutsche immer von einem Extrem ins Andere fallen? Was haben sie darin mit anderen Fanatikern, Extremisten gemeinsam? Mit der Religion des Islam zum Beispiel, oder mit dem Judentum. Fing das womöglich darum auch erst mit der Verbreitung des Christentums im Herzen Europas an? Mit dem Glauben an nur den einen Gott und sonst Keinen? Oder nur der einen Religion und sonst keiner? Ist der Marxismus auch ein Erlösungsversprechen? Auch ein absolutistisches „gut“, eine totalitäres „richtig“? Erliegen darum auch viele Atheisten als auch Humanisten immer wieder einem Ideal, welches mit der weltlichen und menschlichen Wirklichkeit zwangsläufig kollidieren muss?

    Lautet das neue „Ideal“ darum lediglich nur nicht das Grossdeutsches Reich, oder Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, sondern die Grosseuropäische Union? Vom Atlantik bis zum Donbass und vom Nordkap bis zum Po, Euros Euros über alles denn das Geld regiert die Welt.

    Nieder daher mit dem Imperialismus, egal in welcher Form! Auch eine Währung wie der Dollar oder zuviel Eigentum in den Händen weniger ist Imperialismus. Ebenso wie Monopole, auch die des Geistes, dienen lediglich der Ausbeutung und Unterdrückung, der Entmündigung und Versklavung, der Bevormundung und dem Missbrauch. Volksbefreiung und Volksverhetzung sind eben zwei unterschiedliche Dinge, und Ersteres beginnt bei einem Selbst.

  14. Ein gebürtiger Hesse

    @ Waldschrat
    Sie stellen eine schöne Frage. Wir können ja mal versuchen die Zeit, zu der das Titelfoto gemacht wurde, einzugrenzen. Ich würde sagen, wir sind hier in den 1950ern. Das Gesicht der jungen Dame ist eines der Art, „wie sie heute nicht mehr gemacht werden“. Der zugleich entschiedene wie etwas verhangene Blick, die Weichheit der Miene, die recht eigenartig mit dem in Anschlag gebrachten Maschinengewehr korrespondiert, erscheint mir etwas „undeutsch“ (meine ich keineswegs despektierlich), eher osteuropäisch. Was das Gewehr angeht, Bauart usw., werden andere mehr wissen.

  15. Der Gutmensch

    Ja, ich wundere mich auch, dass Altkanzler Schröder und Sarrazin immer als Konservative gepriesen werden. Hauptsache, es geht gegen den „Sozialstaat“, dann darf der Altkanzler auch unangefochten einen Teil unseres Erbes, nämlich die Rechtschreibung, reformieren und Sarrazin nimmt es keiner übel, wenn er die richtigen Rahmenbedingungen schafft, damit in den Schulen niemand mehr etwas lernt.

    Konservativ war auf jeden Fall das gestufte System mit Sozial- und Arbeitslosenhilfe und Arbeitslosengeld.

    Es fungierte faktisch als Mindestlohngarantie; darunter ist eben niemand arbeiten gegangen – und fertig. Das drückte die Renditen der großen Unternehmen und deshalb wurde Hartz4 eingeführt, das Sozial- und Arbeitslosenhilfe zusammenführte und den gesellschaftlichen Konsens kündigte, der dafür gesorgt hatte, dass die Leute kein auf Kosten der Allgemeinheit übersteigertes Sicherheitsbedürfnis entwickelten (Verarmungsangst, Entfachen von Gier). Weiter trug Hartz4 dem Umstand Rechnung, dass viele Gastarbeiterfamilien überdurchschnittlich vom vorigen System profitiert hatten. Dafür nahm man die Entvölkerung Ostdeutschlands in Kauf.

    Ich stelle natürlich in Rechnung, dass der Altkanzler außenpolitisch unter Druck geraten war und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft als Ganzes verbessern musste. Darüber hinaus hatte das Ganze aber keinen moralischen Mehrwert und ist von konservativ im Sinne von „werterhaltend“ weit entfernt:

    Es hat die Gutsituierten reich und selbstgefällig gemacht und das Problem auf Kosten derer, die bereits mit viel schlechteren Ausgangsbedingungen nur wenige Jahre vorher in den Wettbewerb gegangen sind, gelöst. Die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West, wie sie das Grundgesetz vorsieht, wurde auf diese Weise ebenfalls behindert. Deshalb hat sich der Altkanzler so ein System ja auch jemand einfallen lassen, der sich gewisse Dienstleistungen von Gewerkschaften sponsern ließ.

    Konservativ war übrigens auch die Koppelung von Amt und Vermittlung des Grundkonsens, zu dem Lesen, Schreiben und Rechnen gehört, mittels Schulpflicht.

    Sarrazin aber hat den Beamtenapparat im Schulwesen angegriffen und bei der Besetzung der Ämter die Auslese der Besten auf Auswärtige verengt. Das belastete den Berliner Haushalt mit Sozialabgaben und schuf die idealen Ausgangsvoraussetzung für eine ungestörte neue schulische Prioritätensetzung, die nicht mehr die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern die unbeschränkte Toleranz in den Mittelpunkt stellt. Mit gut abgesicherten Beamten und dem schwerfälligen alten Amtsschimmel im formalen Besetzungstrott wären diese Veränderungen verzögert worden.

    Auch hier ist kein moralischer und erst recht kein konservativer Mehrwert zu erkennen; wenn man Kinder schon elf Jahre lang beschult, gebietet es schon der volkswirtschaftliche Verstand, die Zeit nicht ungenutzt zu lassen, sondern die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die jungen Leute in der Regel mindestens alphabetisiert und mit mathematischen Grundkenntnissen die Schule verlassen; idealer Weise auch mit einer loyalen Einstellung gegenüber dem Staat. Das ist zu einem großen Teil nicht mehr gewährleistet und resultiert in einem volkswirtschaftlichen Schaden durch junge Menschen, denen die Voraussetzung für eine weitergehende Ausbildung fehlen oder die schlechter integriert sind, als es möglich gewesen wäre.

    Konservativ ist im übrigen auch immer eine Politik der inneren Sicherheit. Wenn man eine Bevölkerungsschicht finanziell in einem bestimmten Maß abhängt, wird sie aber notgedrungen in die Kleinkriminalität ausweichen, was dieses Ziel konterkariert.

    Konservativ ist weiterhin das Schaffen stabiler politischer Verhältnisse, um gute Voraussetzungen für wirtschaftliche Investitionen zu schaffen. Wenn man eine Bevölkerungsschicht finanziell in einem bestimmten Maß abhängt, trägt man zu Unruhen unter der Bevölkerung bei und setzt Investitionen einem erhöhten tatsächlichen und politischen Risiko aus.

    Konservativ ist es auch, den Menschen die Möglichkeit zu lassen, sich ihren Lebensunterhalt selber zu verdienen. Sie arbeiten zu lassen und ihnen Sozialhilfe dafür auszuzahlen, grenzt an Sklaverei. Denn die Menschen haben ja i. d. R. keine Ausweichmöglichkeit; sie können nicht in den Wald ziehen und sich eben selber versorgen, weil wir das verboten ist. Dem Verbot muss aber eine Verantwortung gegenüberstehen, alles andere hat auch nichts mit „konservativ“ zu tun. Sklaverei ist jedenfalls nichts Preußisches; wer das gerne möchte, muss sich wohl an anderen Kulturen orientieren – so, wie das offensichtlich der Altkanzler mit dem Programm „Fördern und Fordern“ getan hat.

    Unterm Strich: Ein Konservativer sein und ein Arschloch sein, ist einfach nicht dasselbe. In welche Orbán fällt, darüber bin ich mir nicht sicher, aber das ist auch nur unter einem Aspekt interessant – nämlich, inwiefern seine Politik deutsche Interessen berührt. Und die gehen einfach nicht konform.

    d. G.

  16. Gerwin Weiß

    @Sugus, Waldschrat
    Die Maschinenpistole ist sowjetisch (PPSch-41), und auch die Jacke (Telogrejka?) dürfte es sein. Das Mädchen aber ist eine Ungarin, die fünfzehnjährig beim Aufstand von 1956 gefallen ist. Hier ist noch ein anderes Foto, auf dem ihr Nebenmann eine dünne Armbinde in mutmaßlich den ungarischen Nationalfarben trägt. Vielleicht kennt jemand das Gebäude im Hintergrund?

  17. Ein gebürtiger Hesse

    @ Heinrich Brück

    Exzellente Aufklärung der oben gestellten Frage. Das zweite Foto trifft einen wie ein Schlag.
    Müssen wir, manche von uns, den Weg dieser tapferen jungen Ungarin wohl auch gehen? Wenn ja, dann soll es ein Gutes haben.

  18. Waldschrat

    Verdammt noch mal. Jetzt werde ich wohl wirklich einen passenden Rahmen suchen müssen. Danke für die Aufklärung.

  19. wbenz

    @Gutmensch

    Wer einmal beim Sozialamt vorsprechen musste , weiss das sich für die Ex Sozialhilfeempfänger einiges gebessert hat und das sind etwa 75 Prozent der Hartz VI ler.
    Am lautesten schreien die Ex Arbeitslosenhilfeempfänger aber das ist die Minderheit. Warum wohl kam kaum jemand zu den Protesten?
    Vorteile: mehr Geld ,keine Sippenhaft mehr, würdigere Behandlung auch wenn Jobcenter lustig klingt.

  20. Schopi

    @ der Gutmensch

    man sollte noch ergänzen:

    Konservativ ist es, wenn ein Staat anstrebt durch geeignete Maßnahmen so in das Wirtschaftsgefüge einzugreifen, daß es möglichst vielen Menschen möglich ist, ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu bestreiten /Arbeit in diesem Sinne bedeutet nicht unter Zwang Mc Ronalds Müll, Bierdosen etc aus dem Strassengraben aufzusammeln und auch nicht einen sog. Eineuro Job (was für eine Wortkonstruktion) auszuführen.

    „Hartz“ gehört zu Buntheit, Globalisierung, Masseneinwanderung und Imperialismus.

    Die Steigerung von Hartz wäre „bedingungsloses Grundeinkommen“ – also eine gigantische Umverteilung von unten nach oben – nicht zufällig sind hierbei die größten Fürsprecher Unternehmer oder ihre Hilfstruppen.

  21. Hansi Dampf

    # Monika

    zu Punkt 16:

    das halte ich für unglaubwürdig,
    nach dem Kuss auf den Koran
    und das gemeinsame sogenannte Gebet.

    es sind die kleinen Zeichen,
    die die Menschen verunsichern
    und ihnen das Gefühl geben,
    dass man das Mäntelchen
    nach dem Wind hängt.

    jetzt ist halt ein lange
    erwartetes Gespräch mit
    einem Islambekämpfer geführt worden:
    man passt sich an.

  22. Der Gutmensch

    wbenz:
    Das ist gut möglich, da kenne ich mich nicht aus. Mir ging es in der Tat eher um die ehemaligen Arbeitslosenhilfeempfänger, die sich ihrerseits ja eben nicht vor der Sippenhaft fürchten mussten (vor Hartz4). Warum die nicht protestieren, ist eine noch häßlichere Frage. – Aber jedenfalls hätten wir es heute nicht mit dem Mindestlohn zu tun, hätte das alte System Bestand gehabt. Der Mindestlohn muss nun die Ausbeutung bremsen (Wählerstimmen sichern) und bringt dabei die kleinen Unternehmen, die eben nicht soviel zahlen können (aber auch keine Lobby haben, sich eine Ausnahme zu ergaunern) in Schwierigkeiten. Das nenne ich mal neoliberal und imperialistisch; ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

    Schopi: Ich stimme zu und ich traue dem propagierten Frieden keine Sekunde. Vom angeblich „bedingungslosen“ Grundeinkommen bis zur Idee, Arbeit zur absoluten Grundvoraussetzung eines sinnvollen Lebens zu erklären, ist es vermutlich ein kleinerer Schritt, als es sich die Anhänger dieser Utopie heute erhoffen. Auf die häßlichen Nebeneffekte des Grundeinkommens kann man ja fest bauen, die werden nicht auf sich warten lassen – und dann ist der Weg frei, sich Asche auf den Kopf zu streuen und „korrigierend einzugreifen“, ohne dass sich darüber noch jemand beschwert. Das ist eine Einladung fürs machtgierige Übersteuern.

    Andererseits: Eine Arbeit zu machen, bei der man sich nicht moralisch verbiegen muss, die aber auch nicht so grausam schlecht bezahlt wird, das zum Arbeitsschluss noch etwas von einem übrig ist, ist sicherlich nicht das Schlechteste für viele Menschen. Ich habe z. B. viele Jahre nebenbei in meinem Ausbildungsberuf gearbeitet (neben dem Studium) und rückblickend war das auch wirklich in Ordnung so.

    d. G.

  23. Grau

    Ihr bloßen Widerstandsschwätzer habt kein Recht auf Titelbilder von Menschen, die für ihren Widerstand den höchsten Preis gezahlt haben.

  24. Der Gutmensch

    Ach Grau …

    bei Verstand bleiben, ich meine – beim eigenen Verstand bleiben! – ist doch schon Widerstand genug heutzutage. Seien Sie nicht so ungnädig!

    d. G.

  25. Gustav

    @ Grau

    Und wieso weilen Sie dann noch unter den Lebenden????

    Grau? Ah ja, grau ist alle Theorie!

  26. Stil-Blüte

    Widerstand ist, daß ich dafür sorge, daß…

    der 13. Februar 1945,

    jener Tag als angloamerikanische Bomben sinnlos und besinnungslos Dresden bombardierten, in den Worten lebt: ‚Nie wieder‘:

    Aus dem wunderbaren, wundersamen Kleinod ‚Zeltbuch von Tumilad‘ von Erhart Kästner zitiert:

    Und immer wieder gerieten unsere nächtlichen Wandelgespräche {im Gefangenenlager in der libyschen Wüste nach ‚45} auf das Verlorene…
    ‚Ich habe keine Angst vor den Trümmern‘, sagte er oft ‚…Es wird gehen. In vielem wird es besser sein als das Herkömmliche, das ja doch keinen sicheren Grund mehr hat und auf Täuschung beruht. Es wird ordentlich drunter und drüber gehen. Ich freue mich drauf.‘
    ‚Ich nicht‘, erwiderte ich. ‚Es gibt ein Verlieren, das so viel vom Eigenen wegnimmt,… Es git ein Gefühl der Treue zu dem,, daß es vollkommener war; es erscheint sinnlos, übrigzubleiben. Mir kommt mein Weiterleben oft vor wie getohlen.‘
    ‚Das ist nichts Neues‘, entgegnete Paul. ‚Immer hat man nicht als die Wahl, dem Geliebten in den Abgrund zu folgen oder den Blick von ihm abzuwenden auf Kommendes hin. Es ist die alte Geschichte von der Frau Lot. Man kann nur zurückblicken und zum Salzhäufchen werden, oder sich wenden und weitergehen.‘
    ‚Es ist aber doch so, wiederholte ich, daß im Zurückblicken und Mituntergehen Treue und Standhaftigkeit liegt.‘
    ‚Aber das ist doch töricht und irr!‘ rief Paul aus. Damit wäre der Wille der zerstörenden Mächte ja gerade erfüllt und du hättest ihe Macht nur vermehrt! Für mich ist das keine Versuchung… wenn ich vor die Wahl gestellt bin, halte ich ohne Besinnen mit dem, was ist und was kommt. Mit der Zukunft vor allem.‘
    Das ist eine Sache des Lebenswillens‘, erwiderte ich, ‚der nicht Verdienstvolles hat. Je stärker er ist, desto leichter stellen sich Gründe ein, das Verlieren erträglich zu machen und das Weiterleben dazu…‘
    ‚Aber die großen Urheber der Werke, deren Untergang zu beklagst… wollten ja gar nicht für die Ewigkeit bauen. Es ist doch bekannt, daß der Zwinger so flüchtig gebaut war, daß man die größte Not hatte, seine Lebenszeit zu verlängern. Aus dem billigsten Sandstein war er gemacht…

    (Fortsetzung folgt)

Diskussion geschlossen. :-)

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