Udo Ulfkotte: Gekaufte Journalisten – eine Rezension

(Rezension aus Sezession 63 / Dezember 2014)

von Christian Marschall

Über Udo Ulfkotte mag man die Augen verdrehen. Der Mann, Jahrgang 1960, ist ein Vollblutjournalist, gestern schrieb er an vorderster Front für die Leitmedien, lange Jahre für die FAZ, später für Gruner + Jahr, heute reüssiert er als »unbequemer Aufdecker« im Hochfrequenzbereich. Mit schmissigen Titeln wie SOS Abendland, Albtraum Zuwanderung und Vorsicht Bürgerkrieg hat er sich als Leserschaft ein Paralleluniversum zur BildZeitung erworben.

Einen aka­de­mi­schen Genuß will man auch die neu­es­te Ver­öf­fent­li­chung des zor­ni­gen Viel­schrei­bers kaum nen­nen. »Unse­re Alpha-Jour­na­lis­ten haben einen tota­len Black­out … Ganz dicht schei­nen die dort nicht mehr zu sein«, so tönt es von der ers­ten Sei­te. Das klingt nach extre­mer Ein­füh­lung in den Stamm­tisch­be­su­cher. Jedoch: Ers­tens nimmt die sprach­li­che Qua­li­tät von Gekauf­te Jour­na­lis­ten im Ver­lauf des Buches zu, zwei­tens sind es in der Tat haar­sträu­ben­de Zustän­de, von denen Ulfkot­te zu berich­ten weiß. Er tut es aus ers­ter Hand, und er ver­packt sei­ne wirk­lich tief­grei­fen­de Medi­en­schel­te in die Form einer Selbst­be­zich­ti­gung: Er betont wie­der­holt, daß (und inwie­fern) er über lan­ge Jah­re Teil jenes Zir­kels gewe­sen sei, den man Medi­en­ma­fia wird nen­nen dür­fen – und daß er (der bei vie­len Auf­trä­gen immer­hin sein Leben emp­find­lich aufs Spiel gesetzt hat) sich heu­te dafür schä­me. Die­ses Buch ist mit­nich­ten eine Pau­schal­wat­sche gegen die »Main­stream­m­e­di­en«, son­dern ein akri­bisch recher­chier­ter, durch aus­führ­li­che Anmer­kun­gen sowie ein Per­so­nen­re­gis­ter zusätz­lich auf­ge­wer­te­ter Sün­den­ka­ta­log aus der Feder eines Innenseiters.

Unter den fünf Kapi­teln ist das ers­te (»Simu­lier­te Pres­se­frei­heit: Erleb­nis­se bei Ver­la­gen«) das längs­te. Ulfkot­te berich­tet hier vor allem aus sei­ner Zeit bei der FAZ, wo er sieb­zehn Jah­re als Redak­teur im Res­sort Außen­po­li­tik ange­stellt war. Er (damals ein »eit­ler FAZ­ke«) schil­dert, inwie­fern Kor­re­spon­den­ten mit poli­ti­schen Lob­by­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­floch­ten sind, wie US-För­der­gel­der bereit­ste­hen, um deut­sche Medi­en­nut­zer im pro­ame­ri­ka­ni­schen Sin­ne zu beein­flus­sen, wie mit Mit­ar­bei­tern ver­fah­ren wer­den kann, die sich wei­gern, mit dem Bun­des­nach­rich­ten­dienst zusam­men­zu­ar­bei­ten, und wie das »anrü­chi­ge Sys­tem« funk­tio­niert, das hin­ter Jour­na­lis­ten­prei­sen steht. Kei­nes­falls han­delt es sich hier­bei um Ver­schwö­rungs­pro­sa: Ulfkot­te braucht kei­ne obsku­ren Netz­sei­ten zu zitie­ren, er nennt Roß und Rei­ter. Im zwei­ten, viel zu kur­zen Kapi­tel wid­met er sich anhand der bei­spiel­haf­ten Bericht­erstat­tung zu Thi­lo Sar­ra­zin und zu der Arbeits­markt­öff­nung für Rumä­nen und Bul­ga­ren (»heu­te-jour­nal«, jubelnd: dies sei­en »die Preu­ßen des Bal­kans«) den Mecha­nis­men der gleich­ge­schal­te­ten Mei­nung. Für das Kapi­tel »Alpha-Jour­na­lis­ten auf Linie mit den Eli­ten« hat Ulkot­te tabel­la­risch zusam­men­ge­stellt, wel­che Vor­schrei­ber mit wel­chen ein­fluß­rei­chen Orga­ni­sa­tio­nen (Bil­der­berg, Atlan­tik-Brü­cke, Atlan­ti­sche Initia­ti­ve, Ame­ri­can Jewish Comit­tee) ver­bän­delt waren oder sind.

Frei­lich erscheint nicht rest­los alles, was hier als Skan­dal offen­bart wird, als wirk­lich skan­dal­träch­tig oder offen­ba­rungs­wür­dig. Das ist des­halb scha­de, weil dadurch die Kon­tu­ren jener Ange­le­gen­hei­ten ver­wischt wer­den, die als him­mel­schrei­en­de Miß­stän­de ange­se­hen wer­den müs­sen. Bei den auf­ge­zähl­ten Mis­se­ta­ten eines Alex­an­der von Schön­burg etwa (der »Ziga­ret­ten schnorr­te«, wie­wohl er ein Buch übers Nicht­rau­chen geschrie­ben hat; der ein­mal Hei­lig­abend mit dem 25. Dezem­ber ver­wech­sel­te und dem Ulfkot­te vor­wirft, er habe sich auf­grund sei­ner Adels­kon­tak­te »ein­kau­fen« las­sen) darf man ver­mu­ten, daß hier eine Pri­vat­feh­de aus­ge­tra­gen wird.

Auch daß die FAZ neue Bücher von FAZ-Redak­teu­ren redak­tio­nell erwähnt, wird man nicht als unred­lich emp­fin­den müs­sen; des wei­te­ren bleibt Ulfkot­te einen Nach­weis schul­dig, inwie­fern Bur­schen­schaf­ten (Mit­glie­der bei­spiels­wei­se: Mar­kus Söder, Kai Diek­mann, Rez­zo Schlauch) als rele­van­te Netz­wer­ke tätig sind. Was schlägt der Autor vor? Orga­ne der Des­in­for­ma­ti­on kün­di­gen, Staats­fern­se­hen (ARD und ZDF strei­chen jähr­li­chen 7,5 Mil­li­ar­den Zwangs­ge­büh­ren ein!) abschal­ten, den ver­ant­wort­li­chen Her­aus­ge­bern und Redak­teu­ren die Grün­de dafür schrei­ben. Viel­leicht ist auch dies ein hoff­nungs­lo­ses Unter­fan­gen: Ulfkot­te zitiert aus einer Schrift des Lon­do­ner Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums. Dem­nach sei es gut denk­bar, daß man gar nicht mehr aus­schal­ten kön­ne. Pro­gnos­ti­ziert wird – und zwar nicht vom Buch­au­tor, son­dern von den Mäch­ti­gen aus Lon­don! –, daß um das Jahr 2035 jedes Kind mit einem implan­tier­ten Chip ver­sorgt sein werde.

Udo Ulfkot­te: Gekauf­te Jour­na­lis­ten. Wie Poli­ti­ker, Geheim­diens­te und Hoch­fi­nanz Deutsch­lands Mas­sen­me­di­en len­ken, Rot­ten­burg: Kopp 2014. 336 S., 22.95 € – hier bestellen

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Kommentare (1)

Ein Fremder aus Elea

24. Dezember 2014 10:00

Prognostiziert wird – und zwar nicht vom Buchautor, sondern von den Mächtigen aus London! –, daß um das Jahr 2035 jedes Kind mit einem implantierten Chip versorgt sein werde.

Das ist erstens schick gruselig und zweitens linear fortschreitend gedacht.

Würde man es ernstnehmen, müßte man Fragen derart stellen, wie die Funktionsweise des menschlichen Nervensystems von derartigen Einrichtungen beeinträchtigt wird.

Wenn Sie so wollen, kann man dieses Phänomen "Offenbarungszynismus" nennen. Ist ziemlich weit verbreitet - aus verständlichen Gründen.

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