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lichtmesz Martin Lichtmesz


Alexander Dugin – Der postmoderne Antimoderne (1)

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Auch Dugins Gegner vermuten in ihm einen „Rasputin Putins“, der entscheidend daran beteiligt ist, mit den EU-kritischen Rechtsparteien Europas eine finstere Allianz gegen den US-amerikanischen Hegemon (aka „Demokratie und Menschenrechte“) auszuhecken. Exemplarisch für diese Sicht ist etwa der aktuelle Beitrag Richard Herzingers für die Juli/August-Ausgabe der Zeitschrift Internationale Politik.

Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem russischen Politologen, Publizisten und Politiker Alexander Dugin zu. Hatten seine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entwickelten aggressiv antiwestlichen, großrussisch-nationalistischen Theorien zunächst nur sektiereri
sche und esoterische Randgruppen erreicht, stieg er in den
vergangenen Jahren zum vielleicht einflussreichsten Intel
lektuellen Russlands auf, der bis in höchste Regierungskrei
se hineinwirkt. Wie weit er direkt das Ohr des Kreml-Herrn erreicht, ist indes strittig. Doch in Reden und Erklärungen Putins finden sich in jüngster Zeit immer häufiger Formulierungen und Wendungen, die wortgleich auch von Dugin gebraucht werden. Nicht zuletzt Putins Projekt einer „Eurasischen Union“ ist von Dugins Ideologie des „Neo-Eurasismus“ inspiriert.

Dessen spekulativer kulturphilosophischer Kern ist die Vorstellung von einer fundamentalen Gegnerschaft zwischen erdverbundenen „Eurasiern“ und entwurzelten, seefahrenden „Atlantikern“, womit im Wesentlichen die angelsächsische Welt und namentlich die USA als Ausgeburt einer „kosmopolitischen und antinationalen Zivilisation“ gemeint sind. Diesen angeblich seit Jahrtausenden die Weltgeschichte bestimmenden Gegensatz sieht Dugin jetzt in einen „Endkampf“ eintreten, wobei Russland als einer Art Erlösermacht die Mission zukomme, die Welt von der vermeintlich wertezersetzenden Überformung durch den „Amerikanismus“ zu befreien.

Der Clou bei Herzinger besteht darin, daß er diese skizzierte Ansicht im Grunde spiegelbildlich teilt, nur mit einer umgekehrten Wertung versieht: es gibt in Deutschland wohl kaum einen emsigeren und rechtgläubigeren Propagandisten der globalen Welterlösungsmission der USA als ihn.

Besonders amüsant und aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang die Titelgrafik, die Herzinger für seinen Blog „Die freie Welt“ gewählt hat: sie sieht aus wie ein Filmplakat aus den Fünfziger Jahren, mit entsprechender Schrifttype und mit Marilyn Monroe als fröhlicher Quasi-Hure-Babylon, die den Erdball unter den ikonisch hochflatternden Rock gucken läßt.Womit die Quintessenz der sogenannten „westlichen Werte“  wohl auch trefflich zusammengefaßt wäre.

schoenfreiehollywoodnuttenwelt„Hey you, what do ya see? Something beautiful or something free?“

Das ganze macht den Eindruck eines nostalgisch versteinerten Care-Paket-Syndroms, das in einer ewigen Fünfziger-Jahre-Zeitschleife steckengeblieben ist, noch bevor sich die Liberalisierung des Landes zum totalen Hedonismus radikalisierte und im Gefolge der 68er-Bewegung paradoxer- aber nicht unverständlicherweise in linken Antiamerikanismus und Terrorismus umschlug.

Marilyn Monroe als Wappenheilige der „freien Welt“ à la Herzinger! Das erscheint geradezu putzig „konservativ“. Unsere heutigen Babylonhuren sind da schon um einiges weiter heruntergekommen. Vielleicht sollte Herzinger das Bild „updaten“ und Marilyn Monroe durch zeitnähere Pendants ersetzen, etwa durch die zur antirussischen „Toleranz“-Freiheitsstatue aufgebaute Kunstfigur „Conchita Wurst“ oder das Pop-Nüttchen Miley Cyrus mit ihren psychotisch-lasziven Borderline-Flair-Videos.

1977 hat Hans-Jürgen Syberberg in seinem Film „Hitler – Ein Film aus Deutschland“ seinem Ekel vor der Nachkriegswelt des amerikanischen Befreierliberalismus drastischen Ausdruck verliehen. Sie trug für ihn die Fratze einer Pornopuppe mit klaffendem, kreisrundem „Mund“, der sich in ein schwarzes Loch öffnet, ein Nichts, in das die letzten Menschen ejakulieren dürfen.

In einer Szene kettete er die Puppe an eine KZ- oder Bombenkriegsleiche aus Kunststoff, und ließ die beiden Figuren in obszöner Vereinigung vor Projektionen von Speers „Germania“-Entwürfen baumeln, als infernalische Symbole eines „Endsiegs“ ganz anderer Art. Dazu ließ der Regisseur unter anderem folgenden Text einsprechen:

Wie sagte Thomas Mann am Jahreswechsel 37/38? „Gott helfe unserem verdüsterten und mißbrauchten Lande und lehre es, seinen Frieden zu machen mit sich und seiner Welt.“ Was würde er sagen, heute? Oder unsere Kinder, morgen? Sehend, was wir mit unserer Freiheit gemacht haben, und aus uns?

keinemenschlichengesichter„Und sie schufen sich Götter nach ihrem Bilde…“

 

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