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Toleranz – Die 9. Todsünde der zivilisierten Menschheit

pdf der Druckfassung aus Sezession 28 / Februar 2009

Sezession 281973 veröffentlichte Konrad Lorenz Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, eine kulturkritische, pessimistische Analyse der gesellschaftlichen Verfallserscheinungen und Zivilisationskrankheiten seiner Zeit. Er schrieb diese Analyse entlang der wissenschaftlichen Grundsätze der Ethologie, der von ihm mitbegründeten und ausdifferenzierten Lehre vom Verhalten der Tiere und Menschen. Dieses Verhalten kann in seinem rezenten, also jeweils aktuellen Zustand beobachtet und als die Funktion eines Systems beschrieben werden, »das seine Existenz wie seine besondere Form einem historischen Werdegang verdankt, der sich in der Stammesgeschichte, in der Entwicklung des Individuums und beim Menschen, in der Kulturgeschichte abgespielt hat« (Konrad Lorenz).

Es steht also die Frage im Raum, warum wir Heutigen uns so oder so verhalten, und Lorenz betont an mehreren Stellen seiner Analyse, daß er erst über die Deformierung menschlichen Verhaltens zu der Frage gelangt sei, welche Notwendigkeit eigentlich hinter dem So-Sein des Menschen stehe: »Wozu dient der Menschheit ihre maßlose Vermehrung, ihre sich bis zum Wahnsinn steigernde Hast des Wettbewerbs, die zunehmende, immer schrecklicher werdende Bewaffnung, die fortschreitende Verweichlichung des verstädterten Menschen usw. usf.? Bei näherer Betrachtung aber zeigt sich, daß so gut wie alle diese Fehlleistungen Störungen ganz bestimmter, ursprünglich sehr wohl einen Arterhaltungswert entwickelnder Verhaltens-Mechanismen sind. Mit anderen Worten, sie sind als pathologisch aufzufassen.«

In acht Kapiteln wirft Lorenz seinen ethologisch geschulten Blick auf anthropologische Konstanten und zeitbedingte Entwicklungen und kommt zu verheerenden Ergebnissen: Rundumversorgung und Massenkonsum, Verweichlichung und Überbevölkerung, Indoktrinierbarkeit und genetischer Verfall – all dies trage dazu bei, aus den Menschen eine degenerierende, leicht manipulierbare Masse zu machen. Vom Wunsch einer Höherentwicklung und Veredelung menschlicher Möglichkeiten bleibt nicht viel übrig.

»Maßlos«, »Wahnsinn«, »Fehlleistungen«, »pathologisch«: Man hat Lorenz die Verwendung solcher Vokabeln vorgeworfen und beanstandet, er werte bereits durch seine Wortwahl den Gegenstand, den er doch zunächst bloß zu beobachten habe. Der Vorwurf stimmt: Lorenz weist sich mit seinen Todsünden als konservativer Kulturkritiker aus, der dem Menschen als Masse nicht viel abgewinnen kann und aufgrund seiner Alltags- und Fallstudien einen Niedergang aus einstiger Höhe konstatieren muß. Was aber ist an der Beschreibung von Lorenz anders als an den vielen Kritiken und Analysen, die bis heute das konservative Feuilleton füllen?

Lorenz hat als Naturwissenschaftler harte Fakten zur Hand, mit denen er seine Beobachtungen und Ableitungen stützt. Er geht als Ethologe von Dispositionen aus, die den Menschen wie ein Korsett umklammern. Seinen Genen, seinen Antrieben, Reflexen und phylogenetischen Dispositionen kann er nicht entfliehen, er ist in Zwangsläufigkeiten eingesperrt wie in einen Käfig. Auf Seite 56 in diesem Heft ist das unter dem Begriff »Ver­hausschweinung« einmal polemisch durchdekliniert: Die acht Todsünden sind voll von weiteren Beispielen. Wenn Lorenz etwa die dem Menschen typische Erhöhung der ökonomischen Umlaufgeschwindigkeit und die daraus resultierende Rastlosigkeit in Konsum und Bedarfsbefriedigung als »Wettlauf mit sich selbst« bezeichnet, stellt er als Erklärungsmodell das Prinzip des Regelkreises daneben und zeigt, warum lawinenartige Prozesse aufgrund ausschließlich positiver Rückkoppelung ins Verheerende und letztlich ins Verderben führen. Dasselbe gilt auch für die Überbevölkerung, die Lorenz als die zentrale Todsünde an den Anfang stellt und von der her er die meisten anderen Fehlentwicklungen ableitet, etwa auch »Das Abreißen der Traditionen«: Lorenz beschreibt, wie gefährlich es für die Entwicklung eines Kindes ist, wenn es bei seinen Eltern und in seiner nahen Umgebung vergebens nach rangordnungsmäßiger Überlegenheit sucht und in seinem Streben und seiner Entwicklung ohne (verehrungswürdiges) Ziel bleiben muß. Lorenz macht das Verschwinden unmittelbar einleuchtender Hierarchien zum einen an der modernen Arbeitswelt fest: Die Austauschbarkeit von Mutter und Vater am Schreibtisch ist ein revolutionärer Vorgang der letzten zwei Generationen. Der andere Grund liegt in der Übertragung einer Gleichheitslehre vom Menschen auf möglichst alle Lebensbereiche: »Es ist eines der größten Verbrechen der pseudodemokratischen Doktrin, das Bestehen einer natürlichen Rangordnung zwischen zwei Menschen als frustrierendes Hindernis für alle wärmeren Gefühle zu erklären: ohne sie gibt es nicht einmal die natürlichste Form von Menschenliebe, die normalerweise die Mitglieder einer Familie miteinander verbindet.«

Während nun das gender mainstreaming – das Lorenz noch nicht so nennen konnte – Orgien der Gleichheit zelebriert, Mann und Frau also weiterhin auf Ununterscheidbarkeit getrimmt werden, scheint es mit der pseudo-demokratischen Doktrin nicht mehr überall so aussichtslos gut zu stehen, wie Lorenz es noch vermuten mußte. Wenn sich ihr Zeitalter in der großen Politik seinem Ende zuzuneigen scheint, hat man doch bis in den Kindergarten hinein die Durchsetzung des Abstimmungsprinzips bei gleicher Stimmgewichtung von Erwachsenem und Kleinkind festzustellen. Dies alles scheint einem Abbau der Notwendigkeit einer Entscheidung zu folgen: Wenn die Zeit keine in ihrer Besonderheit wirksam herausmodellierten Männer und Frauen, sondern vor allem in ihrem Einheitsgeschmack und ihrer Funktionstüchtigkeit herausmodellierte Verbraucher erfordert, verhält sich die zivilisierte Menschheit wohl so, wie sie sich derzeit verhält. Und wenn es nichts ausmacht, ob die Fähigen (etwa: die Erzieher) oder alle (etwa: die Kleinkinder) mitentscheiden, dann hat man tatsächlich alle Zeit der Welt und kann die Konsequenzen von Fehlentscheidungen immer wieder ausbügeln – und die beim Ausbügeln neu entstandenen Falten wiederum, und so weiter.

An Beispielen wie dem vom Verlust der Rangordnung und am Hinweis auf eine pseudo-demokratische Doktrin hat sich die Kritik festgebissen. Neben vielen Reflexen gibt es bedenkenswerte Einwürfe, etwa den von Friedrich Wilhelm Korff, der eine Neuausgabe der Todsünden mit einem Nachwort versah. Er schreibt mit viel Sympathie über Lorenz’ provozierendes Buch und weist den Leser auf eine seltsame Unstimmigkeit, ein Pendeln zwischen zwei Ebenen hin. Auf der einen Seite nämlich lasse die aus dem unerbittlichen stammesgeschichtlichen Verlauf herrührende Fehlentwicklung der zivilisierten Menschheit keinerlei Raum für Hoffnung: Etwas, das qua Gen oder Arterhaltungstrieb so und nicht anders ablaufen könne, sei nicht aufzuhalten und nicht korrigierbar. Auf der anderen Seite finde sich Lorenz eben nicht mit der Rolle des kühl diagnostizierenden Wissenschaftlers ab, sondern gerate ins Predigen und formuliere pro Kapitel mindestens einen Aufruf, aus der Kausalkette der zwangsläufigen Entwicklung auszusteigen. Lorenz selbst hat diese Verwischung der Kategorien »Wissenschaft« und »Predigt« in einem »Optimistischen Vorwort« für spätere Ausgaben aufzufangen versucht, indem er etwa auf die Breitenwirkung der Ökologie-Bewegung hinwies, von der bei Verfassen seiner Schrift noch nicht viel zu bemerken war. Im Grund aber bleiben die Todsünden bis heute ein starkes Stück konservativer Kulturkritik.

Was also versuchte Konrad Lorenz mit seinem Buch? Er versuchte auf den permanenten Ernstfall hinzuweisen, den der »Abbau des Menschlichen« (auch ein Buchtitel von Lorenz) verursacht: Das Erlahmen der Abwehrbereitschaft ist der Ernstfall an sich, und der Beweis, daß es längst ernst war, wird durch den tatsächlich von außen eintretenden Ernstfall nur noch erbracht: Kluge Prognosen konnten ihn lange vorher schon absehen.

Es gibt kaum ein besseres Beispiel für dieses Erlahmen der Abwehrbereitschaft als die Umdeutung des Wortes »Toleranz«. Die heutige Form der Toleranz ist die 9. Todsünde der zivilisierten Menschheit. Ob sie in der Notwendigkeit ihrer stammesgeschichtlichen Entwicklung liegt, vermag nur ein Ethologe zu sagen. Festzustehen scheint, daß ihr trotz vielstimmiger Warnrufe und glasklarer Fakten nicht beizukommen ist. Vielleicht ist diese weiche, pathologische Form der Toleranz tatsächlich ein wichtiger Indikator für einen an das Ende seiner Kraft gelangten Lebensentwurf, hier also: den europäischen.

Toleranz ist nämlich zunächst ganz und gar nichts Schwaches, sondern die lässige Geste eines Starken gegenüber einem Schwachen. Während ich hier sitze und vermessen den acht Todsünden von Lorenz eine neunte aufsattle, toleriere ich, daß eine meiner Töchter im Zimmer über mir trotz angeordneter Bettruhe vermutlich einen Tanz einstudiert. Von Toleranz diesen rhythmischen Erschütterungen gegenüber kann ich nur sprechen, weil ich a) einen klaren Begriff von angemessenem Verhalten in mir trage und die Störung als Abweichung von dieser Norm erkenne, b) in der Lage wäre, diese Abweichung nicht zu tolerieren, sondern sie zu beenden, c) sie tatsächlich im Verlauf meines Vater-Seins schon unzählige Male nicht toleriert habe.

Zur Verdeutlichung hilft es, mit allen drei Kriterien ein wenig zu spielen: Wer a) nicht hat, also Angemessenheit und Norm nicht kennt, muß nicht tolerant sein: Er wird jede Entwicklung hinnehmen und sich einpassen oder verschwinden, wenn es gar nicht mehr geht; wer b) nicht kann, der empfundenen Störung und Beeinträchtigung also hilflos gegenübersteht, kann keine Toleranz mehr üben: Er kann bitten und betteln und sich die Haare raufen oder über das Argument und die Mitleidsschiene den anderen zur Rücksichtnahme bewegen. Das Kräfteverhältnis hat sich jedoch verschoben, und wenn der Störer keine Rücksicht nehmen will, bleibt dem Schwächeren nur übrig, sich mit seiner Unterlegenheit abzufinden. Und c)? Toleranz kann kein Dauerzustand sein. Wer den Regelverstoß dauerhaft toleriert, setzt eine neue Regel, weitet die Grenze des Möglichen aus, akzeptiert eine Verschiebung der Norm. Zur Toleranz gehört der Beweis der Intoleranz wie zur Definition des Guten das Böse.

Toleranz ist also eine Haltung der Stärke, niemals eine, die aus einer Position der Schwäche heraus eingenommen werden kann. Wer schwach ist, kann nicht tolerant sein; wer den Mut zur eigentlich notwendigen Gegenwehr nicht aufbringt, kann seine Haltung nicht als Toleranz beschreiben, sondern muß von Feigheit, Rückzug und Niederlage sprechen: Er gibt Terrain auf – geistiges, geographisches, institutionelles Terrain. Es kann – das versteht sich von selbst – ab einem bestimmten Zeitpunkt sinnvoll sein, sich zurückzuziehen und neue Grenzen der Toleranz zu ziehen. Solche Korrekturen und Anpassungen an den Lauf der Dinge hat es immer gegeben, und starre Gebilde haben die Neigung zu zersplittern, wenn der Druck zu groß wird. Aber eine Neuordnung in diesem Sinn ist ein Beweis für Lebendigkeit und nicht einer für Schwäche und das oben beschriebene Erlahmen der Abwehrbereitschaft.

Auch der Spiegel-Kolumnist und Wortführer einer »Achse des Guten« (www.achgut.de), Henryk M. Broder, hält Toleranz für ein gefährliches, weil sprachverwirrendes Wort. In seinem jüngsten Buch übt er die Kritik der reinen Toleranz und schreibt gleich im Vorwort Sätze, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassen: »In einer Gesellschaft, in der ein Regierender Bürgermeister die Teilnehmer einer SM-Fete persönlich in der Stadt willkommen heißt; in einer Gesellschaft, in der ein rechtskräftig verurteilter Kindesmörder Prozeßkostenbeihilfe bekommt, um einen Prozeß gegen die Bundesrepublik führen zu können, weil er noch nach Jahren darunter leidet, daß ihm bei einer Vernehmung Ohrfeigen angedroht wurden; in einer Gesellschaft, in der jeder frei darüber entscheiden kann, ob er seine Ferien im Club Med oder in einem Ausbildungscamp für Terroristen verbringen möchte, in einer solchen Gesellschaft kann von einem Mangel an Toleranz keine Rede sein. Dermaßen praktiziert, ist Toleranz die Anleitung zum Selbstmord. Und Intoleranz ist eine Tugend, die mit Nachdruck vertreten werden muß.«

Das sind klare Worte, die außerdem Broders Montagetechnik veranschaulichen. Sein Buch ist theoretisch schwach und lebt von Fundstücken aus Presse und Internet – mal ausführlich beleuchtet, mal bloß aneinandergereiht. Jeder Schnipsel belegt den bestürzenden Zustand der Verteidigungsbereitschaft selbst der banalsten Werte unseres Volkes, unserer Nation, unseres kulturellen Großraums. Nicht ohne Grund stellt unsere Zeitschrift ihre Begriffsdefinitionen auf der letzten Seite unter ein Motto von Konfuzius: »Zuerst verwirren sich die Worte, dann verwirren sich die Begriffe und zuletzt verwirren sich die Sachen.« Broders Kritik der reinen Toleranz kann als Sammlung gefährlicher Wort- und Begriffsverwirrungen gelesen werden, etwa wenn er neben die Toleranz ein anderes ruiniertes Wort stellt: Zivilcourage. Jeder will ja diese Eigenschaft besitzen, will im entscheidenden Moment »Sophie Scholl« sein (jedoch ohne Fallbeil). Leute wie Wolfgang Thierse aber haben das Wort Zivilcourage bis auf weiteres kaputtgemacht, indem sie während eines Massenauflaufs gegen »Rechts« jedem Teilnehmer Zivilcourage attestierten. Neben einhunderttausend anderen Leuten zu stehen und eine Kerze zu halten, ist jedoch kein Beweis für Mut, es ist allenfalls ein Vorsatz, beim nächsten beobachteten Glatzen-Angriff auf einen schwarzen Mitbürger intolerant zu reagieren. »Toleranz ist gefühlte Zivilcourage, die man nicht unter Beweis stellen muß«, schreibt Broder etwas verwirrend, aber er meint das Richtige, nämliche dasselbe wie Armin Mohler, der stets und vehement davon abriet, Leute schon für ihre guten Vorsätze zu prämieren.

Das Gebot der Stunde ist also die Intoleranz, oder besser: das Lehren und das Erlernen der Intoleranz dort, wo das Eigene in seiner Substanz bedroht ist. Hier können wir ein seltsames Phänomen beobachten: den Sieg der Erfahrung über die Theorie. »So ist es nicht der klassische Spießer, der überall sein fürchterliches Gesicht zeigt, sondern der chronisch tolerante Bildungsbürger, der für jede Untat so lange Verständnis äußert, wie sie nicht unmittelbar vor seiner Haustür passiert« (wiederum Broder). Dann aber! Dann aber! Dann kann man nur hoffen, daß aus Erfahrung klug wurde, wessen Vorstellungsvermögen nicht hinreichte, die Lage des Ganzen (etwa: der Nation) zu seiner eigenen Sache zu machen.

Broders Buch, Ulfkottes neue Schrift oder die Zurüstung zum Bürgerkrieg von Thorsten Hinz: Die Beispiele für die verheerende Auswirkung der reinen Toleranz auf die Verteidigungsbereitschaft und -fähigkeit auch nur unserer eigenen Nation sind längst gesammelt und können gelesen und ausgewertet werden. Aber die Flucht in die 9. Todsünde, die Toleranz, scheint zu süß zu sein, und sie ist wohl angemessen für den Teil der Welt, der »schon Hemmungen hat, sich selbst ›zivilisiert‹ zu nennen, um die anderen nicht zu kränken« (ein letztes Mal: Broder).

16 Kommentare zu „Toleranz – Die 9. Todsünde der zivilisierten Menschheit“

  1. Nun, es scheint doch ganz so, als sei die allgegenwärtige und sich ins Unendliche erstreckende Toleranz für alles und jeden der letzte Schubser, um den (Sozial)Darwinismus ins endgültige Aus zu befördern.

    Wo alles erlaubt ist, alles geht und alles hingenommen wird, ist ein Lernen durch „Trial and Error“ nicht mehr möglich, eine Entwicklung durch Scheitern wird verwehrt, kurzum: Die Masse ist zur blanken Stagnation und zum Niedergang (intellektuell, soziokulturell, politisch) verdammt.

    Selbstgemachtes Leiden, möchte man meinen. Doch sollte man sich an dieser Stelle doch fragen: Wo liegen die Wurzeln des Übels? Doch wohl nicht am „europäischen Geist“, der gleich dem antiken Rom nun an seiner eigenen Dekadenz zugrunde geht – denn eigentlich ist er nicht dekadent. Die Dekadenz wurde ihm von der „Neuen Welt“ aus übergestülpt.

  2. Leo

    Was fehlt: Begriffsklärung.

    „Toleranz“ heißt auf Deutsch „Duldsamkeit“.

  3. Johannes

    Der Kern der 9. Todsünde ist die Erhebung der Toleranz zur deutschen Primärtugend. Da man ja mit den traditionellen Primärtugenden nach bundesrepublikanischer Ansicht auch „gut ein KZ leiten könne“, soll die Toleranz die entstandene Lücke füllen und fungiert vor allem im Lager der Christdemokraten zugleich als Alibi für das scheinbare Anknüpfen an als positiv referenzierte preußisch-deutsche Wertkultur.
    Gerade im brandenburgischen Kontext neigt die offizielle Geschichtsschreibung, beispielsweise Knopp oder Fest, dazu die „Toleranzedikte“ von 1685 oder 1847 als primäre Errungenschaft des brandenburgisch/preußischen Staates darzustellen. Vergessen wird dabei, dass solch eine Toleranz eben nur in einer Phase der innenpolitischen Stabilität sinnvoll sein können.
    Diese innenpolitische Stabilität kann in Deutschland aber langfristig nicht garantiert werden, damit wird die Toleranz zur Pharse und eben folgerichtig zum auf Dauer gestellten staatlichen Selbstmord.

    Unsere Aufgabe muss es richtigerweise sein, den schwammigen Begriff der Toleranz seiner beliebigen Interpretation zu entziehen. Dies wird m.E. in diesem Artikel sehr gut durchdekliniert. Es wäre interessant, die preußische Definition der Toleranz der kontextlosen bundesdeutschen Uminterpretation gegenüberzustellen. Toleranz kann eben nur zum Erhalt des Ganzen beitragen, wenn sie in Begleitung anderer, primärer Tugenden auftritt. Und darunter kann wohl kaum die gängige Vorstellung von „Zivilcourage“ fallen.

  4. Rudolf Stein

    @ Nils Wegner
    „Wo alles erlaubt ist, alles geht und alles hingenommen wird, ist ein Lernen durch „Trial and Error“ nicht mehr möglich, eine Entwicklung durch Scheitern wird verwehrt, kurzum: Die Masse ist zur blanken Stagnation und zum Niedergang (intellektuell, soziokulturell, politisch) verdammt.“

    Ja. Aber ich befürchte, dass „Alles Hinnehmen“ nicht nur zum intellektuellen, soziokulturellen und politischen Niedergang führt. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, wo der kulturelle Lack auf unseren 3 Mrd. alten Genen Risse bekommt und das hervordrängt (besser: heraufdrängt), was uns die Evolution mitgegeben hat, nämlich Intoleranz gegenüber all dem, was uns physisch, psychisch und sozial als Mitglied einer historisch gewachsenen Gesellschaft verbiegen und damit letzten Endes zerstören will. Von da an ist der Krieg der Kulturen unabwendbar.

  5. Bezüglich der Geschichte mit Helmut Schmidt und dem „KZ“ finde ich es etwas obszön, die polemischen Entgleisungen eines Oskar Lafontaine, dieses linkspopulistischen Schmierfinken, zur „bundesdeutschen Ansicht“ zu erheben.
    GANZ soweit sind wir NOCH nicht, glücklicherweise. Und es ist an uns, dafür zu sorgen, dass es nicht irgendwann doch noch dazu kommt.

  6. Allzuwahr, auch wenn ich es eigentlich anfangs nicht so krass formulieren wollte.

    Mir persönlich stellt sich an der Stelle allerdings die Frage, ob besagter „Krieg der Kulturen“ denn überhaupt noch abwendbar sein könnte… Denn auf rein politischer Ebene lassen sich die Verwerfungen der letzten dreißig bis vierzig Jahre sicherlich nicht mehr ausbügeln.

  7. Johannes

    @ Rudolf Stein

    Dieses Szenario setzt einen Grad der Bedrohung voraus, der – sollte man schreiben bedauerlicherweise? – in der BRD noch nicht gegeben ist. Der bundesdeutsche Leviathan übt sich in Regulierungswut und lenkt die Intoleranz auf massentaugliche Gesetzgebungen um (Nichtrauchergesetz, Umsetzung der europäischen Anti-Diskriminierungsrichtlinien usw.). Unabhängig von deren mit fortschreitender Umsetzung sich als immer untauglicher erweisenden Charakters schluckt die Öffentlichkeit die dadurch aufgeheizten Debatten, die von den eigentlich wichtigen Orten einer notwendigen Intoleranz ablenken. Simpel geschrieben: während in den Banlieus die Autos brennen, diskutiert das Abendland über die Normlänge der Bananen und schwadroniert in bestem Zweckoptimismus über Obamas „Yes we can“.
    Man muss befürchten, dass der Grad der Bedrohung der Mehrheit erst deutlich wird, wenn der gutgehegte Vorgarten mit Zierpflanzenarrangement zertrampelt wird. Oder sogar erst dann, wenn aufgrund des Geburtenwachstums bei MigrantInnen die Sozialleistungen gestrichen werden. Aber offenbar hat das bundesdeutsche Schuldenbarometer auch weiterhin eine gute Ausdauer… In diesem Sinne kann man nur hoffen, dass es allein schon aus strategischen Gründen und dem auferlegten Zeitfenster für das Abendland nicht erst eines über Majoritäten formulierten politischen Willens bedarf. Mir stellt sich bloß die Frage, welche staatlichen Instutionen hier zu genüge vom Ernst der Lage beseelt sind/ wie diese Instutionen eingenommen werden können. Dazu passt die These Jüngers aus „Über die Linie“:

    „Vorausgesetzt wird lediglich, daß die Ordnung abstrakt sei und also geistig – hierher gehört in erster Linie der durchgebildete Staat mit seinen Beamten und Apparaturen, und das vor allem zu einem Zeitpunkt, an dem die tragenden Ideen mit ihrem Nomos und Ethos verloren gegangen oder in Verfall geraten sind, obwohl sie vielleicht im Vordergrunde in erhöhter Sichtbarkeit fortleben. Es wird dann an ihnen nur noch beachtet, was zu aktualisieren ist, und diesen Zustand entspricht eine Art von journalistischer Geschichtsschreibung.“

    In der alltäglichen Berichterstattung wird das nur zu gut bestätigt, man denke nur über die genüsslich zerkauten Meldungen über Althaus‘ Skiunfall. So banal das klingen mag, aber wird hier die politische Instution und ihr Träger nicht zum Stofflieferanten für Klatschmeldungen degradiert?
    Uns fehlt die Macht, in irgendeiner noch so geringen Form auf die „vierte Gewalt“ Einfluss zu nehmen, die Toleranz oder noch eher: Beliebigkeit gegenüber dem Verfall der politischen Instutionen verrät m.E. einiges über den Zustand eines Staates. Aber die urkonservative Frage müsste in diesem Fall auch lauten: muss man diese verfallenden Instutionen erhalten und ihnen gegenüber – abgesehen von strategischer Notwendigkeit – Toleranz üben? (ohne dabei die mühseelige rechte Debatte um die richtige Staatsform auslösen zu wollen)

  8. Fritz

    Toleranz und Intoleranz – wann, wo, weshalb, wozu? Wo ist die Grenzziehung? Schwierig, schwierig. Quo vadis, Germania?
    Dieser Tage kam mir der bekannte Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt in den Sinn, und sein weltberühmtes Stück von 1956, „Der Besuch der alten Dame“, eine Tragikomödie, die mancherlei Interpretationen zulässt. Dürrenmatt war wie Lorenz ein Menschenkenner, der uns auch heute eine Menge zu sagen hat. Man lese Dürrenmatt und die alte Dame, wirkt desillusionierend, aber vielleicht reale Phänomene erklärend?
    http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Besuch_der_alten_Dame
    http://www.alex-hartmann.net/duerrenmatt/OldMrs.html

    Götz Kubitschek:

    „Es steht also die Frage im Raum, warum wir Heutigen uns so oder so verhalten, und Lorenz betont an mehreren Stellen seiner Analyse, daß er erst über die Deformierung menschlichen Verhaltens zu der Frage gelangt sei, welche Notwendigkeit eigentlich hinter dem So-Sein des Menschen stehe.“

    Wie kann also die persönliche Authentizität bewahrt werden? Tante Wikipedia definiert: Angewendet auf Personen bedeutet Authentizität, dass das Handeln einer Person nicht durch externe Einflüsse bestimmt wird, sondern aus der Person selbst stammt (wenn bei einer Person allerdings die Eigenschaft, dass ihr Handeln durch externe Einflüsse bestimmt wird, aus der Person selbst stammt, spricht man von einer authentischen Inauthentizität, auch von der Authentisch inauthentischen Persönlichkeit). Gruppenzwang und Manipulation beispielsweise unterwandern persönliche Authentizität.

    Konrad Lorenz:

    „Bei näherer Betrachtung aber zeigt sich, daß so gut wie alle diese Fehlleistungen Störungen ganz bestimmter, ursprünglich sehr wohl einen Arterhaltungswert entwickelnder Verhaltens-Mechanismen sind. Mit anderen Worten, sie sind als pathologisch aufzufassen.“

    Dem Kommentator Johannes ist zuzustimmen: „

    Es wäre interessant, die preußische Definition der Toleranz der kontextlosen bundesdeutschen Uminterpretation gegenüberzustellen. Toleranz kann eben nur zum Erhalt des Ganzen beitragen, wenn sie in Begleitung anderer, primärer Tugenden auftritt.“

    Ja, und über machtpolitische Ränke und „Zivilcourage“ ohne Courage wollen wir lieber ganz schweigen.

  9. juliusevola

    Nils Wegner
    „Nun, es scheint doch ganz so, als sei die allgegenwärtige und sich ins Unendliche erstreckende Toleranz für alles und jeden der letzte Schubser, um den (Sozial)Darwinismus ins endgültige Aus zu befördern.

    Wo alles erlaubt ist, alles geht und alles hingenommen wird, ist ein Lernen durch „Trial and Error“ nicht mehr möglich, eine Entwicklung durch Scheitern wird verwehrt, kurzum: Die Masse ist zur blanken Stagnation und zum Niedergang (intellektuell, soziokulturell, politisch) verdammt.

    Selbstgemachtes Leiden, möchte man meinen. Doch sollte man sich an dieser Stelle doch fragen: Wo liegen die Wurzeln des Übels? Doch wohl nicht am „europäischen Geist“, der gleich dem antiken Rom nun an seiner eigenen Dekadenz zugrunde geht – denn eigentlich ist er nicht dekadent. Die Dekadenz wurde ihm von der „Neuen Welt“ aus übergestülpt.“

    Di, 3. Februar 2009, 23:01 |

    Werden hier nicht der Naturwissenschaft zugehörige Begriffe mit solchen außerevolutiver Herkunft vermischt ?
    „Toleranz“ und „Darwinismus“ können sicher zum Klären der Problematik herangezogen werden, dann aber nicht auf e i n e r Ebene.

    Wenn ein genpool – unser Volkstum biologisch gesehen – keinem Selektionsdruck natürlichen und unterschiedlichen Umfelds mehr ausgesetzt ist, weil „alle Völker der Erde mit gleichen Mitteln in Wettbewerb treten“ ( K. Lorenz, Gesammelte Arbeiten, Piper 1978, S. 353 ), dann verschwinden „alle feineren Differenzierungen, alles wird mit erschreckender Geschwindigkeit immer häßlicher.“ ( ebenda, S. 353 )

    Toleranz ( besonders ausgeuferte ) befördert also nicht Darwinismus ( gemeint wohl Weiterentwicklung aufgrund kreativer Selektion – wie Lorenz sagt – ) ins endgültige Aus, sondern die Aufhebung des zufälligen Laufs der Evolution ist der erste Schritt, welchem mehr kulturell zu definierende Begriffe wie Toleranz pp. mit ihren Folgewirkungen aufgrund „Entartung“ nachfolgen.

    Lorenz schildert es sehr schön: “ Diese Gefahr ( des Absinkens der menschlichen Evolution, jul.evola ) ist mit der Entstehung des menschlichen Geistes untrennbar verbunden. Es war unvermeidlich, daß der menschliche Geist aller ihm feindlichen Einflüsse der umgebenden Welt Herr wurde. Damit hat er auch jene Macht ausgeschaltet, die ihn erschaffen hatte, die kreative Selektion.“ ( Lorenz, ebenda, S. 354 )..Mit dieser Befreiung aber hat der Mensch die Verantwortlichkeit für sein weiteres Werden übernommen. Es steht ihm gleicherweise frei, zu verkommen oder zu ungeahnten Höhen emporzusteigen ( ebenda, S. 355 )

    Wenn also – und das bezieht sich auch auf den Kubitschek – Beitrag – ein Begriff wie Toleranz herangezogen wird, so sollte er zunächst einmal nicht Verwendung finden ohne Rückgriff auf naturwissenschaftliche Zusammenhänge, umsomehr dann, wenn Konrad Lorenz „8 Todsünden“ in der Diskussion sind.

    Zur Frage, wie der Begriff „Toleranz“ mit der Ethologie zuzuordnenden Begriffen korrespondiert und wie er letztlich unter Berücksichtigung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, insebesondere solcher der Neurowissenschaften, zu definieren ist, sollte gesondert geklärt werden.

  10. Johannes

    Noch ein Beitrag zur Debatte (wieder Ernst Jünger „über die Linie“):

    Das gilt besonders hinsichtlich der notwendigen Destruktion. Die konservative Haltung, in ihren Vertretern der Achtung, ja oft der Bewunderung würdig, vermag die wachsende Bewegung nicht mehr aufzufangen und abzudämmen, wie das nach dem ersten Weltkrieg möglich schien. Der Konservative muß sich ja immer auf Teilgebiete stützen, die noch nicht in Bewegung gekommen sind, wie auf die Monarchie, den Adel, die Armee, das Land. Wo aber alles ins Gleiten kommt, verliert sich der Ansatzpunkt. Entsprechend sieht man die jungen Konservativen von statischen zu dynamischen Theorien übergehen: sie suchen den Nihilismus in seinem Felde auf.

    Ja, wenn alles ins Gleiten kommt… dann KSA!?

  11. juliusevola

    @Johannes:

    KSA ist j e t z t in Ordnung, wo man noch den Versuch machen kann, Begriffe zu erwidern, Verhalten zurechtzurücken, Vorwürfe zurückzuweisen, Lügen zu entlarven…

    Wenn a l l e s ins Gleiten kommt, dann „hilft nur noch ein Gott“ oder Menschen, deren Denken und Verhalten ganz Deutschland, ja die ganze weiße Welt umfaßt..

  12. Johannes

    Natürlich, man darf sich diesbezüglich keine Illusionen machen: schon jetzt ist die KSA im Vergleich zu Dutschkes Subversiver Aktion eine publizistische Randnotiz. Deshalb wurde letzter Satz von mir auch eher als rhetorische Frage denn als relevante Lösung des Problems formuliert. Gerade darin aber liegt auch die Stärke der KSA: sie muss vorerst nach innen wirken, die eigenen Form-ationen erhalten und ausbilden.
    Apokalyptische Stimmungsmache ist m.E. weder sinnvoll noch rechts, die Erde dreht sich weiter. Die Frage, ob sie das mit den abendländischen Nationen tut, bleibt natürlich weiterhin bestehen.

    Für diesen Zeitpunkt kann jetzt nur vorgearbeitet werden. Was heißt das? Milieus stärken und ausbilden, Traditionskompanien schaffen, Familie und Sprachrohre/ publizistische Organe gründen.
    An Menschen, deren Denken die ganze Nation umfasst, fehlt es heute nicht. Diese müssen sich bloß auf den einen Moment des Sprungs ausrichten, das Zeitfenster welches uns kurz vorm Schachmatt den König in die Hände gibt.

  13. Sehr gut formuliert. Glücklicherweise ist es wohl jedem gegeben, über gewisse Netzwerke (und besonders in Milieus wie dem korporationsstudentischen ist das ein Leichtes) entprechende Kontakte zu knüpfen, gemeinsam theoretische Arbeit zu leisten und sich gemeinsam darauf vorzubereiten und in Bereitschaft zu halten, wenn es irgendwann plötzlich einmal „Sprung auf, marsch marsch!“ heißt.

  14. Fritz

    Deep Fritz is calling. Politics seen with other, especially open eyes. Today George Orwell’s point of view. We know his famous book „Animal Farm“. He has written an important Preface to it. Please read: http://home.iprimus.com.au/korob/Orwell.html

    Für Schachjünger und andere Denker: Erkenne die Lage! Manchmal patzen auch Weltmeister. Der Kuss des Todes durch die Dame auf der F-Linie (but no f-words, please!): http://www.sueddeutsche.de/sport/578/387375/text/
    Ein wahrlich unangenehmer Damen-Besuch bei Wladimir Kramnik, und ein dürres Matt.

  15. Irma

    Ja. In Ergänzung: Auf gut Deutsch heißt ‚tolerare‘ ‚dulden‘, ‚erdulden‘. Womit wir uns heute so jämmerlich herumschlagen, ist der Passiv. Goethe erkannte darin etwas ganz anderes: das Gönnerhafte. Diese Moral von „oben herab“ verpflichtet den Menschen nach einer Zeit der Duldung zur Entscheidung, sogar zum Bekenntnis: JA oder NEIN. Das JA kommt unter großen Leiden (und Zweifeln) vom Kreuz, das NEIN kommt von Nietzsche, Lorenz, Jünger… Zu missbrauchen sind, wie alles, alles in der Welt, beide Antworten: Das JA: stumpfsinniges Gut-Menschentum, Scheinheiligkeit, Sittenverfall; das NEIN: Selektion im weitesten Sinne: Schlachtfeld, KZ. Wobei der ‚Missbrauch‘ beim NEIN dem Prinzip der Intoleranz (gegen die Intoleranz), der Ächtung unterliegt und sich somit bereits entschieden hat. Was fehlt, ist das klare NEIN aus ethischer, moralischer Sicht, die nicht vom Miss-Brauch/Rechts-Bruch, sondern vom Brauch, vom Recht ausgeht. Wie können wir mit diesem Paradoxon leben (ich meine ‚leben‘, nicht ‚umgehen‘)?

  16. Dieser Imperativ, mit dem Toleranz heute eingefordert wird, ist nicht vom Himmel gefallen. Er ist auch nicht das Programm einer bestimmten politischen Partei. Wenn das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend jährlich 19 Mio. € in die Hand nimmt, um „die Zivilgesellschaft zu stärken, Toleranz und Demokratie zu fördern“, dann muß man fragen, auf welcher Grundlage die das machen. Selbst ausgedacht haben die sich das ja nicht. Juristisch gesehen ergibt sich die Idee, daß man solche Erziehungsprogramme auflegen müßte, aus der Ratifizierung UN Antirassismuskonvention.

    Solange man keine Konzeption entwickelt, wie man sich aus dem ideologischen Klammergriff der dafür verantwortlichen überstaatlichen Institutionen freischwimmen kann, sind die Reflexionen hier über den Toleranzbegriff also irrelevant.

    Zuerst gilt es zu realisieren, daß alles, was es seit Ende des zweiten Weltkrieges an überstaatlichen Einrichtungen und Vorgaben gibt, an einem einzigen Punkt aufgehängt ist. Aufgrund seiner Bedeutung ist dieser Punkt hochheilig, so daß es einen Tabubruch darstellt, wenn man ihn hinterfragt.

    Der Punkt findet sich in Artikel 1 der 1948 erklärten allgemeinen Menschenrechte. Darin steht:

    Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

    die Gleichheit der Würde Aller und der Imperativ zur Brüderlichkeit sind im Grunde die ideologische Basis der Toleranzforderung. Wenn man den Artikel genau liest, stellt man jedoch fest, daß er bezüglich der gleichen Würde nur sagt, daß die Menschen zum Zeitpunkt der Geburt gleich sind. Dem kann man problemlos zustimmen, weil damit ja keine Aussage über Jugendliche oder Erwachsene gemacht wird. Spielraum beim Umgang mit dem Begriff der Menschenwürde ist also durchaus vorhanden. Nutzen muß man ihn aber!

    In der Russischen Erklärung zu den Menschenrechten wird genau das gemacht. Es heißt darin:

    Indem es gute Werke vollbringt, erhält das Individuum Würde. … Würde ist erworben

    das ist weitaus vernünftiger und immer noch vereinbar mit den allgemeinen Menschenrechten. In Bezug auf die Toleranzfrage gibt einem das die Freiheit nüchtern festzustellen, daß nirgendwo geschrieben steht, daß man würdeloses Verhalten zu tolerieren hätte. Im Sinne einer richtig verstandenen Brüderlichkeit kann man dann auch argumentieren, daß es eine Pflicht darstellt, am Erhalt und am Wachstum der Würde des Nächsten zu arbeiten und daß Intoleranz mitunter durchaus geboten sein kann, um diesem Ziel näher zu kommen.

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