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Thorsten Hinz: Der Weizsäcker-Komplex – eine Rezension

(Rezension aus Sezession 51 / Dezember 2012)

von Stefan Scheil

„Über’s Niederträchtige niemand sich beklage. Denn es ist das Mächtige, was man dir auch sage.“ Wer – Goethe zitierend – mit diesen Worten beginnt, der signalisiert seine Bereitschaft, an Grenzen zu gehen. Bereits seit Jahren führt Thorsten Hinz eine facettenreiche intellektuelle Auseinandersetzung mit der Familie Weizsäcker.

Das gilt besonders für die beiden bekannten Amtsträger dieses Namens: Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär im Auswärtigen Amt von 1938-1943 und Richard von Weizsäcker, Bundespräsident von 1984-1994.

Jetzt hat Hinz ein Buch vorgelegt, das den Weizsäcker-Komplex gründlich aufarbeitet. Mit diesem Begriff sind sowohl eine verwickelte und umfangreiche Angelegenheit als auch ein mentales Defizit angesprochen. Die Weizsäckers haben für Hinz die deutsche Zeitgeschichte und das defizitäre Nationalbewußtsein der Gegenwart an prominenter Stelle mitgeprägt. Sie stellen gewissermaßen ein Symbol für die ganze Misere dar.

Wie tief dies in der Familiengeschichte angelegt war, zeigte sich 1945. Ernst von Weizsäckers Chef Ribbentrop war damals bereit, Verantwortung zu übernehmen. Nicht für die verlogenen Vorwürfe, mit denen ihn die Alliierten vor Gericht überzogen, aber allgemein. Millionen Menschen seien in diesem Krieg gefallen, schrieb er angesichts des drohenden Todesurteils im Nürnberger Prozess an seine Familie. Er sei daher – Siegerjustiz hin oder her – innerlich bereit, ebenfalls zu fallen. Einen solchen Gedanken des Tributs an die eigene Verantwortung und Teilhabe am Schicksal der Nation entwickelten die Weizsäckers offenbar zu keinem Zeitpunkt. Das Ziel von Vater und Sohn war es, aus dieser Veranstaltung buchstäblich „nicht nur sauber, sondern rein“ herauszukommen. Kaum irgendwo trifft die Formel von den „Persilscheinen“ besser zu. Das Netzwerk um Ernst v. Weizsäcker stellte sie sich großzügig gegenseitig aus.

Zu den faszinierendsten Kapiteln gehört es deshalb, wenn Hinz den Andeutungen, den kleinen Unwahrheiten und den vielen Erinnerungslücken nachgeht, die von den Weizsäckers in ihren Selbstdarstellungen hinterlassen wurden. Eine kleine Unwahrheit war es, wenn der Sohn dem Vater attestiert, „zu Beginn des Jahres 1933″ sein Amt als Botschafter in der Schweiz angetreten zu haben. Das klang nach einer Entscheidung, die nicht die Regierung Hitler gefällt haben konnte. Tatsächlich trat Ernst von Weizsäcker sein Amt erst im August 1933 an. Richard von Weizsäckers Angaben widersprechen der Chronologie und „wohl auch seinem Wissen“, wie Hinz trocken anmerkt.

In den Bereich der Lücken gehört das Schweigen der Weizsäckers über die Vorgeschichte des „Admiral“, jenes kleinen Palais, in das die Familie 1939 einziehen „mußte“, wie der Vater in seinen Erinnerungen schrieb. Ein „Berliner Haus“, das 1943 leider einem Bombenangriff zum Opfer fiel, wie der Sohn ergänzte. Daß dieses prachtvolles Gebäude mit großem Garten und allerteuerster Lage dem jüdischen Bankier Hans Fürstenberg gehörte, bis der 1938 das Land zu verlassen und das Haus an den deutschen Staat zu verkaufen gezwungen war, schrieb und sagte keiner von beiden. Die „erinnernde Reflexion“, die Weizsäckers wortreich von den Deutschen einfordern, macht, so Hinz, an der eigenen Türschwelle halt.

Er spürt auch den Widersprüchen über die berufliche Laufbahn von Vater und Sohn nach, die sich bei genauem Hinhören aus deren eigenen Angaben erschließen lassen. Ernst von Weizsäcker scheint in seiner Laufbahn bei der kaiserlichen Marine mehrfach zurückgesetzt, wenn nicht sogar formal degradiert worden zu sein. Seine Nachkriegsübernahme in den Dienst des Auswärtigen Amts erfolgte ohne die erforderliche Qualifikation und als absoluter Einzelfall. Das läßt Protektion vermuten.

Nicht eindeutig geklärt sind auch die Umstände von Richard von Weizsäckers Verhalten bei Kriegsende 1945. Hinz zeichnet von Weizsäckers fragwürdige Selbstdarstellungen zu diesem Thema nach, die zu dessen Präsidentenzeit zu einer öffentlichen Debatte führten. Hinz vermutet, Weizsäcker sei wegen seines prominenten Namens von seinem Vorgesetzten die Chance gegeben worden, sich aus Ostpreußen abzusetzen und sei dann der Truppe ferngeblieben – weniger schön gesagt: desertiert. Weizsäcker selbst hielt an der Version fest, er sei wegen einer Verwundung evakuiert und dann von Potsdam zur Erholung an den Bodensee geschickt worden, wo er sich ordnungsgemäß „selbst demobilisiert“ habe und irgendwie um die Kriegsgefangenschaft herumkam. Dieser Version fehlt jede Plausibilität.

Man legt das Buch beeindruckt aus der Hand. Beeindruckt zum einen von der Leistung des Autors und der Qualität seiner Arbeit. Hinz geht in der Tat an Grenzen, bleibt aber jederzeit souverän. Beeindruckt bleibt man aber auch von den Mitgliedern der Familie Weizsäcker und ihrem zähen Festhalten am eigenen, „geheuchelten Elite-Anspruch“ (Hinz). Es ist ihnen möglich gewesen, den Mantel so fein justiert nach dem Wind zu hängen, daß lange Zeit der Eindruck von Noblesse zurückblieb. Das ist eine Leistung eigener Art. Im Wirbel der Kollektivschuldvorwürfe an das Deutsche Volk, durch deren Begünstigung Richard von Weizsäcker seiner Präsidentschaft Glanz verlieh, wird sie vergehen.

(Thorsten Hinz: Der Weizsäcker-Komplex, hier bestellen.)

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