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Umerziehung von oben – Stefan Scheils „Transatlantische Wechselwirkungen“

von Karlheinz Weißmann

Auf dem Vorsatz des neuen Buches von Stefan Scheil findet sich ein Zitat von Max Horkheimer: »Man muß eine Elite schaffen, die ganz auf Amerika eingestellt ist. Diese Elite darf andererseits nicht so beschaffen sein, daß sie im deutschen Volk selber kein Vertrauen mehr genießt und als bestochen gilt.«

Der Verfasser – ehemaliges Mitglied der KPD, führender Kopf der »Frankfurter Schule«, dann Emigrant jüdischer Herkunft, Berater der US-Regierung während des Zweiten Weltkriegs, Remigrant, einflußreicher Hochschullehrer der Bundesrepublik und einer der »Väter« von ’68 – und der Text – ein Memorandum für den amerikanischen Geheimdienst, erarbeitet zwecks dauerhafter Niederhaltung Deutschlands nach dem alliierten Sieg – können als eine Art knappe Zusammenfassung dessen gelten, worum es im folgenden geht. Denn Scheil behandelt auf knapp zweihundertfünfzig Seiten die organisatorischen wie intellektuellen Voraussetzungen und ersten Realisierungsformen dessen, was man reeducation – »Umerziehung« oder reorientation – »Umorientierung« genannt hat.

Obwohl es ausgeschlossen ist, dieses komplexe Thema auf so knappem Raum erschöpfend zu behandeln, konturiert er doch sehr eindrucksvoll, wie vor allem die Vereinigten Staaten nicht nur den militärischen Kampf gegen Deutschland vorbereitet haben, sondern auch Pläne für das Danach entwickelten. Lange bevor die Wehrmacht kapitulierte, wußte man in Washington schon, was am folgenden Tag zu tun sein würde. Die Fehler, die man nach dem Ersten Weltkrieg gemacht hatte, sollten sich nicht wiederholen. Dieses Mal würde Deutschland vollständig niedergeworfen, vollständig besetzt und dann der Gesellschaftskörper vollständig durchdrungen.

Das eindrucksvolle Spektrum der Maßnahmen reichte von den »Lageruniversitäten« für Kriegsgefangene über die Rekrutierung des Exils, von der Einziehung der deutschen Lehrbücher nach der Okkupation des Reichsgebiets bis zur Säuberung der Kollegien an Schulen und Hochschulen, von der Bereitschaft zur taktischen Zusammenarbeit mit bürgerlichen und vor allem christlichen Kräften bis zur strategischen Absicht, eine totale Neuausrichtung der nationalen Kultur an democracy zu erreichen und eine »liberale« Politische Klasse zu kreieren, deren erste Loyalität immer dem »Westen« gehört. Scheil ist nüchterner Historiker genug, um als Ursache ein Ineinander von Ideologie und Interesse auszumachen, aber auch mutig genug, deutlich hervorzuheben, daß die Geschichte Nachkriegsdeutschland – also der Bundesrepublik, der DDR und Österreichs – deshalb terra incognita ist, weil die Herrschenden das so wollen, jedenfalls kein Interesse daran haben, die tatsächlichen Vorgänge, die tatsächlichen Verbrechen und die tatsächlichen Absichten der Alliierten und ihrer Verbündeten im Land erkennbar zu machen.

Bestellen:  Transatlantische Wechselwirkungen. Der Elitenwechsel in Deutschland nach 1945, Berlin: Duncker & Humblot 2012, 275 S., 28.00 €

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