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Norbert Borrmann: „Warum rechts? Vom Wagnis, rechts zu sein“

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von Manfred Kleine-Hartlage

2011 war ein guter Bücherjahrgang. Dass ich mein eigenes Buch „Neue Weltordnung“ für besonders lesenswert halte, versteht sich ja sozusagen von selbst, aber auch Martin Lichtmesz‘ „Die Verteidigung des Eigenen“ verbindet Esprit mit Angriffslust und ist ein Lesegenuss ersten Ranges.

Schwer vorstellbar, dass irgendjemand, der bis drei zählen kann und Lichtmesz gelesen, d.h. das intellektuelle Äquivalent einer erlesenen Vorspeisenplatte bei einem Sternekoch genossen hat, noch fähig ist, weiterhin den faden Schleim herunterzuwürgen, der uns täglich von den regimekonformen Großküchen serviert wird, ob auf Papptellern, wie in der „Bild“-Zeitung, oder mit Kaviar garniert, wie in der „Zeit“.

Was für Lichtmesz gilt, gilt auch für Norbert Borrmanns „Warum rechts? Vom Wagnis, rechts zu sein“. Das Buch (hier kann man es bestellen) beansprucht, „eine Streitschrift“ zu sein, und genau das ist es auch. Es ist aber mehr als nur dies: Es ist auch eine Aufklärungsschrift.

Der herrschenden Ideologie zufolge (die auch vom bürgerlichen Surrogatkonservatismus etwa der Unionsparteien eilfertig wiedergekäut wird) ist der Unterschied zwischen Links und Rechts ungefähr wie folgt zu definieren: Linkssein heißt für Gerechtigkeit, Menschheitsverbrüderung, Demokratie, Aufklärung, Solidarität zu sein; Linke sind kritisch, nonkonformistisch, tolerant und haben insbesondere „Zivilcourage“. Linkssein heißt Gutsein. Rechtssein ist von alldem das Gegenteil.

Borrmann geht den tatsächlichen Gegensätzen zwischen Links und Rechts auf den Grund. Schon die Kapitelüberschriften sprechen für sich: Linke Etabliertheit und rechte Opposition, linke Monokultur und rechte Kulturenvielfalt, linker Kapitalismus und rechter Antikapitalismus, linker „Fortschritt“ und rechte Überzeitlichkeit, linker Machbarkeitswahn und rechte Begrenzung, linke Gesinnungsethik und rechte Verantwortungsethik, linke „Toleranz“ und rechte Freiheit, linke „Zivilcourage“ und rechter Mut, linke Vergangenheitsbewältigung und rechte Zukunftsbewältigung, linke Lügen und rechte Wahrheiten, linke Naturferne und rechte Lebensgesetzlichkeit, linker Formverfall und rechter Formwille.

Was zunächst klingen mag wie selbstgerechte Schwarzweißmalerei, entfaltet sich Seite für Seite als ideologiekritische Abrechnung mit den Prämissen, Implikationen und Konsequenzen linker Ideologie:

Sprachlich ist der Zusammenhang von „rechts“ mit „Recht“, „Gerechtigkeit“ und „richtig“ eindeutig, ebenso wie der von „links“ mit „linken“, „linkisch“ und „link“ im Sinne von „falsch“.
(…)
„Seltsam, wie man sich ‚links‘ nennen kann, da links doch von altersher als Synonym für das Fehlgehende gilt. Man heftet sich ein Zeichen des Verhexten und Verkehrten an“, bemerkte Botho Strauß. Und doch ist es diesem „Linken“, gleichsam in einer „Umwertung aller Werte“ gelungen, sich lauthals als etwas Positives, Gutes, „Richtiges“ zu vermarkten.

Indem der Linke sich „links“ nennt, spricht er unfreiwillig eine Wahrheit aus, nämlich daß sein Weltbild buchstäblich ver-kehrt ist. Dies ist denn auch nahezu die einzige Wahrheit, die man von ihm vernehmen wird, und je mehr die Linke in ihrer Umwertung aller Werte voranschreitet, je mehr sie die Gesellschaft zersetzt, die Familie zerstört, die Völker in den Selbstmord treibt, die Religion entkernt, desto stärker wird sie von Folgewirkungen ihres eigenen Handelns heimgesucht, die in der linken Ideologie nicht vorgesehen sind, deshalb nicht existieren dürfen und folgerichtig der Rechten in die Schuhe geschoben werden, und dies umso aggressiver, je offensichtlicher es nicht stimmt. Was bei jedem Einzelnen als aufrichtiger Irrtum begonnen haben mag, wandelt sich zunächst zum Selbstbetrug und schließlich zur Lüge.

Dies kann auch nicht anders sein: Linkssein heißt, von der Utopie her zu denken, also nicht zu beobachten, wie Menschen wirklich sind und wie Gesellschaft tatsächlich funktioniert, sondern umgekehrt eine selbstgebastelte Vorstellung davon, wie sie sein sollen zum politischen Maßstab zu erheben, und diese Utopie gegen die Wirklichkeit auszuspielen. Jede Zivilisation muss schlecht aussehen, wenn der Maßstab, nach dem sie beurteilt wird, nicht der jederzeit drohende Absturz in die Barbarei ist, sondern ein wirklichkeitsloses, am Reißbrett entwickeltes Ideal, dessen Realisierbarkeit bestenfalls unbewiesen ist, in dessen Namen aber alles zerstört wird, worauf Zivilisation basiert.

Linke Ideologie ist die Negation des wirklichen Menschen im Namen des fiktiven und des wirklichen Lebens im Namen des gedachten. Sie ist im tiefsten Sinne des Wortes menschenfeindlich und menschenverachtend. Es liegt in der Natur der Sache, daß gerade dies die Eigenschaften sind, die Linke ihren Gegnern andichten. Linke Sprache ist nämlich Orwell-Sprache: Man spricht von „Toleranz“ und meint Zensur; man spricht von „Zivilcourage“ und meint Konformismus; man ruft den „Aufstand der Anständigen“ aus und meint das Denunziantentum von Blockwarts- und IM-Typen; man spricht von „Vielfalt“ und meint den weltweiten kulturellen Einheitsbrei; man spricht von „Demokratie“ und entsorgt den Demos.

Die Lüge ist unvermeidlich, weil strukturell bedingt. Eine Ideologie, deren Prämissen in sich unwahr sind, insofern sie nicht einmal den Anspruch erheben, Wirklichkeit zu beschreiben, kann, konfrontiert mit der Wirklichkeit, nur zur Lüge Zuflucht nehmen: zu Hilfshypothesen, deren Absurdität immer neue Hilfshypothesen erfordert, die zu einem halsbrecherisch wackligen System zusammengeschraubt werden, das bei dem geringsten Luftzug in sich zusammenfallen würde. Also wird es gegen Luftzug geschützt und denen der Mund geknebelt, denen es einfallen könnte zu pusten. Gerechtfertigt wird diese Knebelung damit, dass die zu Knebelnden böse Menschen seien, was man schon daran erkenne, dass sie sich weigern, die wirklichkeitslosen, aber par ordre du mufti apodiktisch als „gut“ markierten Prämissen linker Ideologie zu übernehmen. Der Gulag war alles andere als ein Betriebsunfall der „Emanzipations“-Geschichte: Er war ihre notwendige und idealtypische Konsequenz. Wer einer Ideologie folgt, die ihn zwingt, die Wirklichkeit systematisch zu entstellen, muß die Welt und die Menschen so lange „verändern“, bis sie vielleicht doch zur Utopie passen. Der Erfolg eines utopiekompatiblen Menschen bleibt notwendig aus, nicht aber der „Erfolg“, eine Gesellschaft von verkrüppelten Seelen zu schaffen, in der der Mensch nicht etwa des Menschen Wolf, wohl aber des Menschen Bluthund ist, der bei Bedarf von der Kette gelassen wird.

Eine Gesellschaft, die sich linke Ideologie als Leitideologie aufschwatzen läßt, handelt so töricht wie der Autofahrer, der sich von seinem Navigationssystem auf eine nichtvorhandene Brücke führen läßt, statt aus dem Fenster zu sehen, und prompt ins Wasser fällt. Die strukturelle linke Lüge führt den, der ihr glaubt, in den Abgrund – ein Sachverhalt, den Borrmann wortgewaltig und an Dutzenden von Beispielen erläutert.

Die Stärke der Linken ist nicht die Wahrheit, sondern ihr Weihnachtsmannprogramm. Sie versprechen alles, halten wenig, und das von ihnen Verkündete trifft im Regelfall in gänzlicher Umkehrung ein – so betrachtet, lassen sich linke „Prophezeiungen“ durchaus mit Gewinn studieren.

Der „Antiamerikanismus“ der Achtundsechziger-Linken führte zu einer nie dagewesenen Amerikanisierungswelle, ihr „Antikapitalismus“ zu kapitalistischen Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Das ist auch nicht weiter verwunderlich: Rechten Denkern war die Affinität von Liberalismus und Marxismus, von Kapitalismus und Sozialismus schon immer aufgefallen, und je weiter die Entwicklung voranschreitet, desto weniger lassen sich die vermeintlichen Todfeinde unterscheiden und desto bizarrer werden die Hybridmonster, die die Ehe dieser beiden linken Hauptutopien hervorbringt. Borrmann beschreibt die westliche Gesellschaft treffenderweise als „Linkskapitalismus“, bei dem die Linken die Finger von der Wirtschaft lassen, von der sie nichts verstehen, dafür aber dem internationalen Kapitalismus das Konsumvieh zurechterziehen, das er braucht.
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