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lichtmesz Martin Lichtmesz


Der politische Sinn der Gedenkveranstaltung

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Ein kritischer, aber grundsätzlich wohlwollender Leser kommentierte meinen satirischen Eintrag zu der Berliner Gedenkveranstaltung „für die Opfer der Zwickauer Terrorzelle“ folgendermaßen:  „Dass die Veranstalter mit allen überlieferten Trauerritualen aufwarteten, kann kein Grund sein, das Ritual an sich lächerlich zu machen.  Zu präsent sind mir da jene Momente, in denen es genau diese ritualiserten Formen der Trauer sind, die einem über Schlimmes hinweghelfen.“

So ähnlich haben einige weitere Leser dieses Blogs argumentiert, und so hört man es auch aus dem Kommentar von Dieter Stein im Blog der JF heraus, der in der Veranstaltung vorrangig eine „Ächtung politischer Gewalt“ sehen will (es ging natürlich, entgegen seinen Hoffnungen, ausschließlich um solche „rechtsextremistischer“ Provenienz). Jedoch:

Dennoch bleibt ein unguter Eindruck: Tatsächlich hat offensichtlich der Verfassungsschutz bei den Ermittlungen gegen die Täter geschlampt, ihre Motive und Querverbindungen zu Sicherheitsbehörden sind bislang nicht vollständig aufgeklärt. Und es drängt sich bei einigen Äußerungen von Politikern der bittere Eindruck auf, daß die Taten innenpolitisch instrumentalisiert werden sollen.

Ein Dilemma, das sich offenbar einigen Konservativen bot: eine Seite im Inneren reagiert, wie es den eigenen Werten entspricht, mit Pietät und Respektabstand, eine andere hat ein merkwürdig „ungutes“ Gefühl, daß hier doch nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Wie ich bereits ausführlich erläutert habe, halte ich es für einen gutgläubigen Irrtum, zu denken, es gäbe nun eine ehrenwerte Trauer- und Gedenkveranstaltung auf der einen Seite und eine fragwürdige politische „Instrumentalisierung“ und Ausschlachtung auf der anderen. Man darf sich hier von den Kulissen nicht täuschen lassen. Der oben erwähnte Kommentator schrieb: „Auf dem Friedhof muss man dem Teufel keine Nase drehen.“ Richtig, aber ich habe keinen Friedhof gesehen, kein Grab und auch kein Begräbnis. Wohl aber den Bocksfuß!

In Wirklichkeit gibt es hier nichts auseinanderzudividieren. Die gesamte Veranstaltung war von vornherein eine effektvoll inszenierte „Instrumentalisierung“ mit geschicktem Casting, die mit landesweiten Maßnahmen wie Gedenkminuten in Schulen und Betrieben sowie mit breiter Rundfunkauswertung und Lautsprecherdurchsagen im Nahverkehr von Berlin und Hamburg (dort sogar am Flughafen) unterstrichen wurde.  Daß meine Deutung der symbolpolitischen Ebene dieses Hochamts völlig richtig war, bestätigte sich gestern, als auf den Titelseiten der Zeitungen die Ernte der Schau eingefahren wurde.

Doch zuerst die Punkte, an denen ich stutzig wurde: Wundert sich niemand, daß überhaupt die ganze Geschichte per Staatsakt kanonisiert wird, ehe noch eine Gerichtsverhandlung stattgefunden hat, Täter verurteilt wurden, und zahllose Details, die auf eine Verwicklung von Staatsorganen hindeuten, geklärt sind? Die Geschichte, die, wenn sie sich so zugetragen hat, in jeder Hinsicht bizarr, abenteuerlich und präzedenzlos ist, wird vermutlich deshalb derart bereitwillig und kritiklos aufgesogen, weil sie sich ausgezeichnet in die gängigen Muster deutscher Selbstwahrnehmungen fügt: die mutmaßlichen Täter (so heißt es immer noch offiziell), sind nicht einfach drei degenerierte Psychopathen, nicht einfach drei obskure Außenseiter, die selbst mit ihren eigenen politischen Kreisen keinen Kontakt mehr hatten und von diesen mehrheitlich abgelehnt werden, nein, sie sind in Wirklichkeit Repräsentanten des „ewigen Hitler in uns“, des ewigen „häßlichen Deutschen“, die Spitze des Eisbergs einer immer noch durch und durch „rassistischen“ Volksgenossenschaft.  Eine Art perverses „Wir sind NSU“ klang in zahllosen Kommentaren zu dem Phänomen durch.

Die komplementäre Projektionsfläche sind die ausländischen Opfer. Diese stehen in der Opferhierarchie bekanntlich höher als andere, sofern die Täter Deutsche waren. Das sind dann quasi die Alpha-Opfer, und jene, auf die sich die Medien am liebsten stürzen. Daß es diese Hierarchisierungen gibt, ist wohl allseits bekannt. Deutsche Opfer ausländischer Täter – zur Zeit sind es mehrere Dutzend pro Jahr – bekommen bekanntlich weitaus weniger Presse, Publicity und öffentliche Krokodilstränen zugebilligt.  Aber auch ausländische Opfer ausländischer Täter stehen nicht gerade hoch im Kurs:  laut dieser Studie kamen in Deutschland innerhalb von zehn Jahren an die 100 Menschen durch „Ehrenmorde“ ums Leben ( „Wir schätzen die mögliche Gesamtzahl der Ehrenmorde auf etwa zwölf pro Jahr, davon drei Ehrenmorde im engeren Sinne.“)  Das sei aber halb so wild, so die Autoren der Studie, denn:

Angesichts einer Gesamtzahl von ca. 700 Menschen, die pro Jahr in Deutschland bei einem Tötungsdelikt sterben, darunter viele in Familien und Partnerschaften, sind Ehrenmorde quantitativ sehr seltene Ereignisse.

Bedenkt man all dies, dann wirkt folgende, typisch merkeltriefige Prosa aus der Gedenkrede besonders ekelerregend und heuchlerisch:

Wir vergessen zu schnell – viel zu schnell. Wir verdrängen, was mitten unter uns geschieht; vielleicht, weil wir zu beschäftigt sind mit anderem; vielleicht auch, weil wir uns ohnmächtig fühlen gegenüber dem, was um uns geschieht.

Oder auch aus Gleichgültigkeit? Gleichgültigkeit – sie hat eine schleichende, aber verheerende Wirkung. Sie treibt Risse mitten durch unsere Gesellschaft. Gleichgültigkeit hinterlässt auch die Opfer ohne Namen, ohne Gesicht, ohne Geschichte.

Auch um die Opfer des „Dönerkillers“ hat sich bisher niemand groß gekümmert: sie waren, salopp gesagt, stinknormale Ermordete unter tausenden anderen, um die niemand außerhalb der Familien trauerte, schon gar nicht eine Merkel. Nachdem nun das „Zwickauer Trio“ als mutmaßliche Täter identifiziert wurde, ist ihr Tod in einen quasi sakralen Kontext gehoben, und sie werden zu wahren Märtyrern erklärt. Ich bitte um Entschuldigung (ha!), wenn das in manchem sensiblen Ohr immer noch zu brutal oder zynisch klingt, aber dies ist eben der Vorgang: hier wird das Simulakrum einer öffentlichen Trauer, der sich jedermann anschließen soll, erst künstlich fabriziert, und zwar allein deswegen, weil es einen Widerhall in einem höheren sinnstiftenden Konzept findet. Und hierin wiegen manche Leben eben schwerer, sind wertvoller als andere.

Und all dies trat nun bei der Merkelschen Gedenkfeier klar heraus. Man mußte dazu nicht einmal besonders feine Ohren haben. Oder doch? Als ich die Überschrift „Merkel bittet Angehörige um Verzeihung“ las, war mir klar, wohin der Hase läuft. Im Wortlaut heißt es:

Einige Angehörige standen jahrelang selbst zu Unrecht unter Verdacht. Das ist besonders beklemmend. Dafür bitte ich sie um Verzeihung.

Deutsche Politiker sprechen heute bekanntlich sehr gerne von ihren Gefühlen, und Politik ist für sie eine Sache, in der man etwa nicht „die Gefühle von Menschen in diesem Land verletzen“ (Merkel apropos Sarrazin) darf. Man sentimentalisiert und verkitscht und emotionalisiert, man gibt sich „verletzlich“ und „offen“ und „menschlich“. Und vor allem: die deutschen Politiker entschuldigen sich gerne, wie Guttenberg oder Wulff, sagen mit zerknirschter Reuige-Sünder-Stirn: „Ich habe einen schweren Fehler begangen“, und gucken einen dann auf Pressefotos mit neuen Frisuren und mit streng-geläutertem „Aber nun können Sie mir vertrauen, versprochen, ehrlich“-Blick an.  Vor allem aber entschuldigen sie sich mit Vorliebe bei Franzosen, Polen, Russen, Italienern, Griechen, Hereros, Pygmäen usw. usf. für den ersten, zweiten und dritten Weltkrieg, und das gehört inzwischen fix zu ihrem Amt und seinen Ritualen. Um „Verzeihung zu bitten“ ist die zweite Natur des deutschen Politikers geworden. In diesen Resonanzraum wird auch das neue Merkel’sche Lied gesungen.

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