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Die Wulffs dieser Republik

von Martin Höfer

Nicht etwa der Rücktritt des Staatsoberhauptes selbst, sondern vielmehr die kaum faßbare Unerheblichkeit dieses Vorgangs stimmt dieser Tage nachdenklich. Herr Wulff gehört dem Schlage jener eigenschaftslosen Berufsklassensprecher an, unter denen die repräsentative Demokratie zunehmend leidet. Nun wird er ersetzt. Punkt.

Daß Medien und Politik die Rücktrittsforderungen allein auf den Verdacht der Vorteilsnahme stützten, ist weiter nicht verwunderlich, fehlen doch eben diesen beiden Gruppen schon seit geraumer Zeit die Sensoren für politische Skandale, die diese Bezeichnung tatsächlich verdient hätten. Ein Bundespräsident beispielsweise, der den Islam als Teil der vaterländischen Identität anerkennt und sich darin gefällt, die „Bunte Republik Deutschland“ zu begrüßen, hätte schon längst aus dem Amt gejagt werden müssen.

Die großen Meiner und deren Protokollanten stehen sich dieser Tage nur scheinbar gegenüber, Medienkampagnen stellen nichts als reine Geplänkel dar. Die Medien berichten in großen Lettern über Kleinigkeiten, während die tatsächliche Katastrophe, nämlich der Ausverkauf nationaler Interessen und willfähriger Verrat des Eigenen galant übersehen oder dessen kritische Erwähnung gar unter Verdacht gestellt werden, wodurch Politiker freie Bahn erhalten.

Nichts offenbarte diesen Schulterschluß zwischen Medien und Politik deutlicher als der Inhalt der letztjährigen Weihnachtsansprache des Präsidenten sowie die hierauf ausbleibende Kritik. Mit dem Inhalt der Ansprache, die zum wiederholten Male das Volk zu mehr Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit aufrief, wurden erneut all jene unter Verdacht gestellt, die diesbezüglich freundliche Zurückhaltung üben und verfemte konkludent die wenigen, die noch öffentlich die Meinung zu äußern wagen, daß Fremdenfeindlichkeit wohl eines der geringsten Probleme darstellt und der Präsident in einer gesunden Republik wenigstens mit gleichem Nachdruck die Deutschenfeindlichkeit junger Zuwanderer hätte anprangern müssen.

Subtiler indes ging man bei der Inszenierung des Pressephotos vor, dessen Tragikkomik kaum in Worte zu fassen ist.

In der Mitte ist der Präsident dabei zu beobachten, wie er mit hochgezogenen Schultern seinen Worten Gewicht zu verleihen sucht. Dabei wird er von den möglichst diversifiziert ausgewählten Statisten umringt.

Der Eindruck auf den Zuschauer dieser Darstellung ethnischer Mehrheitsverhältnisse, die um Jahre vorgreift und dem Volk der Deutschen seine baldige Ablösung durch eine multiethnische Bevölkerung dank gelenkter Bevölkerungsentwicklung vor Augen führt, soll offenbar durch die lebensfremd anmutende Platzierung möglichst blonder Kinder in der Bildmitte gemildert werden. Den Einheimischen, unter ihnen die Gattin des Präsidenten und ein älterer Herr im Hintergrund, fallen zu dieser erbärmlichen Szenerie neben einem naiven Lächeln nichts ein. Ein weiteres Detail: Zwei Trachten sind im Bild, eine arabische und eine afrikanische. Für das traditionelle Deutschland reicht es in der Bunten Republik leider nicht einmal mehr zur Staffage.

Doch obwohl derzeit die Selbstvergessenheit der deutschen Eliten grenzenlos erscheint, besteht Grund zu leiser Hoffnung. Je größer nämlich der Gegensatz von Alltagserfahrungen auf der einen und offensichtlichem Autismus veröffentlichter Meinung auf der anderen Seite wird, desto deutlicher treten auch dem Unbedarften die Untauglichkeit des derzeitigen Kurses und die Orientierungslosigkeit der Steuermänner vor Augen. Die wirtschaftsgläubigen Karrieristen in der Politik, aber auch die ehemaligen Steinewerfer, die mittlerweile als fleißige Schreiber den Kurs der Politik unabhängig vom Wahlausgang entscheidend mitbestimmen, mögen über Macht verfügen, doch leiden sie an einem entscheidenden Nachteil: Ihre Talente eignen sich allenfalls zum Niederreißen gesellschaftlicher Fundamente, deren vollständige Abtragung bald abgeschlossen sein wird; über die Fähigkeit, entsprechend den Regeln gesellschaftlicher Statik ein tragfähiges Pendant zu errichten oder ein vorhandenes zu erhalten, verfügen sie indes nicht.

Das Kartenhaus, das nach Beendigung der Abrißarbeiten übrig zu bleiben droht, dürfte dem lauesten Lüftchen nicht mehr standhalten können. Unsere erste und einzige Sorge sollte daher sein, mit Kelle und Mörtel bereitzustehen, wenn es zum Einsturz kommt.

Die Wulffs dieser Republik indes dürfen weder mit unserer Aufmerksamkeit noch mit unserer Achtung rechnen, da sie im Gegenzug mit jedem Wort und jeder Geste zu verdeutlichen suchen, daß wir Deutsche nicht mehr das vornehmliche Schutzgut ihrer Politik darstellen.

20 Kommentare zu „Die Wulffs dieser Republik“

  1. KW

    Herrlicher Artikel, herrliche Analyse, aus Selbstschutz schalten wir das Fernsehen um, wenn ethnisch Fremde auftauchen. Ein gesundes Volk verträgt einzelne Fremdkörper, aber keine Parallelgesellschaften wie heutzutage. Ich habe aber auch eine kleine Hoffnung, die Deutschen beginnen regional besser zusammenzuhalten. Für die Großstädte sehe ich allerdings schwarz. Und noch was. Leute wie wir sind Patrioten, rechts sind wir nicht, das wurde uns von den internationalistischen Meinungsführern aufgedrückt und ist verschlissen. Die DDR war patriotisch, es gab Pionierlieder von der Heimat, die man lieben soll. Vielleicht sollten wir DA anknüpfen, dann nimmt man den westdeutschen Volksverdünnern die Luft aus dem Segel.

  2. PB

    Joachim Gauck wäre inmitten eines solchen Schmierentheaters jedenfalls kaum vorstellbar.

    Die seltsame Aufstellung hatte unterschwellig auch etwas Rassistisches an sich. Christian Kracht könnte das bestimmt in elegante Worte fassen, etwa durch einen Hinweis auf Hagenbeck’s Völkerschau.

    http://tinyurl.com/75fzq8d

    http://tinyurl.com/84wrhpb

  3. Afrikaforscher

    Also Sezession enttäuscht hier doch schwer, dasselbe bringt der Mainstream auch. Meine Güte.
    Das ganze Theater um Wulff wurde veranstaltet, weil er das ESM-Gesetz nicht unterschreiben wollte. Er hat in seinen Reden genug Anhaltspunkte dafür gegeben, dass er die Rettereien für mehr als bedenklich hält. Und jedenfalls wurde die ESM-Abstimmung, die schon Ende 2011 stattfinden sollte, verschoben – nun auf die Zeit nach seinem Rücktritt.
    Mit Gauck hat sich die Politkaste soweit ersichtlich offenbar jemanden ins Boot geholt, der diese Enteignung durchwinken dürfte. Ich lasse mich natürlich gern vom Gegenteil überzeugen.

    Es ging und geht immer nur darum, wer die faulen Forderungen der Neu-Yorker Spielbanken bezahlt .
    Jetzt, nach Vertreibung des in dieser Hinsicht sturen und nicht kooperativen Präsidenten aus dem Amt, geht es darum, den Selbstbedienungsmechanismus ESM u.a. Instrumente, mit denen mglw. das gesamte deutsche Volksvermögen versenkt wird, durchzuwinken.
    Deutschland wird erst einmal verarmen.
    Und beim Geld hört bekanntlich der Spaß auf. Wenn der Michel merkt, dass seine „Vertreter“ seine Ersparnisse ins Ausland – konkret: an Spielbanken in Neu-York und London, um die USA über Wasser zu halten – verpfändet und damit verschenkt haben, kann das zum Weckruf werden.
    Daher gutes Zeichen: Vom jetzigen System der Hochleistungsanforderungen verbunden mit Niedriglöhnen hat in Deutschland niemand mehr etwas, weder der einzelne noch das Land insgesamt: Das Ergebnis der deutschen Wirtschaftspolitik seit 1989 besteht darin, dass die ehemalige Deutschland-AG gegen US-Subprime-Schrott eingetauscht wurde.
    .
    Es besteht also die Chance zu einem Umbruch, und das ist immerhin zu begrüßen.

  4. Petrus Urinus Minor

    „Das Kartenhaus, das nach Beendigung der Abrißarbeiten übrig zu bleiben droht, dürfte dem lauesten Lüftchen nicht mehr standhalten können. Unsere erste und einzige Sorge sollte daher sein, mit Kelle und Mörtel bereitzustehen, wenn es zum Einsturz kommt.“

    Unsere erste und einzige Sorge sollte sein, das ganze zum rechten Zeitpunkt mit einem kraftvollen Tritt zu Boden zu bringen.

    Und der Obrigkeit danken, dass sie selbst schon die Hälfte der Arbeit getan hat.

  5. Belsøe

    Mal wieder den eigenen Fokus mit zu wenig Tiefenschärfe versehen.

    Dass Wulff gehen musste hat Gründe die auf ganz anderem Niveau angesiedelt sind. Sie wollen mir nicht ernsthaft erzählen, dass sie die Scheisshausparolen von Vorteilsnahme für den tatsächlichen Grund halten? Jede Wette: kein einziger Bundespolitiker zahlt alle Urlaube selbst oder den vollen Preis für seine geleaste Karosse. Macht es nicht richtiger, ist aber eben mitnichten eine singuläre Verfehlung.

    Kleiner Tipp: Europa wird gerade massiv umgebaut, und zwar umgebaut in einem Sinne der wirklichen Konservativen das Herz zuschnüren müsste. Und die Rechte, selbsternannte? Schmeisst weiter mit Sandförmchen weil Wulff peinliche Fernsehbilder und Schwaller-Reden produziert hat. DAS halten sie für den wichtigsten Aspekt der Wulff-Affäre?

    Dann noch viel Spass auf den Nebenschauplätzen.

    Währenddessen unterschreibt Herr Gauck wie bestellt die nächsten Sargnägel der freien europäischen Nationen.

  6. Afrikaforscher

    Die Chance auf einen Umbruch

    Sich der Mainstream-Kampagne gegen Wulff anzuschließen, ist in der jetzigen Lage m.E. eher kontraproduktiv, wobei mir bewusst ist, dass diese dort aus völlig anderen Motiven und mit völlig anderen Begründungen betrieben wurde. Die Grundsatzaussagen im Artikel stimmen aber schon.

    Das ganze Theater um Wulff wurde veranstaltet, weil er das ESM-Gesetz nicht unterschreiben wollte. Er hat in seinen Reden genug Anhaltspunkte dafür gegeben, dass er die Rettereien für mehr als bedenklich hält. Und jedenfalls wurde die ESM-Abstimmung, die schon Ende 2011 stattfinden sollte, verschoben – nun auf die Zeit nach seinem Rücktritt.
    Mit Gauck hat sich die Politkaste soweit ersichtlich offenbar jemanden ins Boot geholt, der diese Enteignung durchwinken dürfte.
    Politik ist die Kunst des Möglichen:
    Solange der Bundespräsident im Amt war, bestand die Chance, durch Unterstützung Wulffs
    – unabhängig von den Meinungsverschiedenheiten auf anderen Feldern –
    der drohenden Finanzdiktatur eins auszuwischen. Die Deutschen haben sie nicht genutzt, die Konservativen unter ihnen offenbar auch nicht.
    Dass man die im Artikel angesprochenen Missstände angehen muss, ist unbestritten. Hat aber mit der Kampagne gegen Wulff, der viele auf den Leim gegangen sind, absolut nichts zu tun.

    Es ging und geht immer nur darum, wer die faulen Forderungen der Neu-Yorker Spielbanken bezahlt. Jetzt, nach Vertreibung des in dieser Hinsicht sturen und nicht kooperativen Präsidenten aus dem Amt, geht es darum, den Selbstbedienungsmechanismus ESM u.a. Instrumente, mit denen mglw. das gesamte deutsche Volksvermögen versenkt wird, durchzuwinken.
    Deutschland wird erst einmal verarmen.
    Und beim Geld hört bekanntlich der Spaß auf. Wenn der Michel merkt, dass seine „Vertreter“ seine Ersparnisse ins Ausland – konkret: an Spielbanken in Neu-York und London, um die USA über Wasser zu halten – verpfändet und damit verschenkt haben, kann das zum Weckruf werden.
    Daher gutes Zeichen: Vom jetzigen System der Hochleistungsanforderungen verbunden mit Niedriglöhnen hat in Deutschland niemand mehr etwas, weder der einzelne noch das Land insgesamt: Das Ergebnis der deutschen Wirtschaftspolitik seit 1989 besteht darin, dass die ehemalige Deutschland-AG gegen US-Subprime-Schrott eingetauscht wurde.
    .
    Es besteht also die Chance auf einen Umbruch, und das ist immerhin zu begrüßen.

  7. Löffelstiel

    ‚Kartenhaus‘? Schön wär’s. Autismus! Wie kann man den heilen?
    Hoffnung gibt es in dem Jungen am rechten unteren Bildrand. Ist der nicht wie ein Raffaelengel, allerdings ohne Flügel?

  8. TORTUGA

    Das Wulff dem ESM Widerstand geleistet hätte, halte ich allerdings auch für sehr… optimistisch.

  9. Unglaublich, daß der sonst so effiziente Apparat nicht einmal mehr in der Lage ist, brauchbare Propagandashows zu drehen. Den Statisten – Botschaftspersonal und vielleicht noch ein paar Hausmeister und Empfangsdamen des Bellevue – sieht man ihre zugedachte Rolle sofort an, sie sollen als Trichter präsidialen Gesülzes dienen. Weiterhin stellt sich die Frage, woher die Kinder herangekarrt wurden, die Kinder der Statisten sind es wohl nicht und im Regierungsviertel laufen die Kleinen auch nicht einfach so auf der Straße herum.

    In England ist man sowieso schon weiter, hier werden Kinder, die sich vermeintlich rassistisch oder homophob äußern, als Haßverbrecher erfaßt.

  10. Eckard Eckstein

    Was sich mir als Freund der Antike bei der Betrachtung dieses Fotos sofort ununterdrückbar meiner Phantasie aufdrängte war ein anderes Bild, sehr sehr viel älter:

    Ein spätantiker römischer Thronsaal in Ravenna, in der Bildmitte in dümmlicher Pose das letze „Kaiserlein“ (Augustulus) des Westreiches Romulus, umstellt von blonden Recken des germanischen Magister Militum Odoaker - der den überflüssig Gewordenen dann einfach in Pension schickte –, und einigen servilen römischen Advokaten und Kirchenmännern.

    Sic transit gloria mundi. Und alles wiederholt sich, nur werden diesmal die neuen Herren nicht blond sein.

  11. tacitus

    @Afrikaforscher

    Muttis Großer hätte sich seiner Mutti widersetzen wollen? Auf welchem fernen Planeten leben Sie denn?

  12. Sebastian Pella

    In dem Gastbeitrag „Das Amt, die Würde und der Boulevard“ (F.A.Z. vom 11. Januar 2012, S. N3) führte Barbara Stollberg-Rilinger die symbol- und medienpolitischen Aspekte der Causa „Wulff“ höchst ansprechend aus:

    „Mit einer Art lustvollem Schauer beobachten wir, wie die Medien einen Amtsinhaber, über dessen Durchschnittlichkeit nie ein Zweifel bestand, in seiner ganzen Mittelmäßigkeit vorführen (selbst die Affären sind von höchst mittelmäßigem Format) und beklagen zugleich mit einem gerüttelten Maß an Heuchelei, dass die Würde des Amtes verlorengeht.“

    Der Artikel kann vollständig im Netzarchiv der F.A.Z. rekapituliert werden:

  13. Freedy

    Allein den Begriff der Fremdenfeindlichkeit muß man sich auf der Zunge zergehen lassen.

    Menschen haben Freunde, Menschen haben auch Feinde, aber die Mehrzahl der Menschen sind und bleiben uns objektiv unbekannt, sind also Fremde.
    Wie aber können Menschen, die uns fremd sind, zugleich unsere Freunde oder gar unsere Feinde sein? Gibt es auch Fremdenfreundlichkeit? Wie sieht die aus? Kann ich einem Menschen, den ich nicht im geringsten kennenlernen konnte, wie einen Freund behandeln, ihm (wem denn?) großes Vertrauen entgegenbringen, auf gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen bauen und sogleich erwarten, daß dieser völlig unbekannte Mensch (wer denn?) dieses Entgegenkommen erwidert?

    Der Fremde, der Unbekannte, der nie Gesehene kann tatsächlich weder Freund noch Feind sein, Freunde oder Feinde kennen wir, Fremde aber kennen wir nicht. Einen fremden Freund und einen fremden Feind kann es demnach auf der persönlichen Ebene logisch nicht geben.

    Der gewöhnlich als Vorwurf gegen Menschen gebrauchte Begriff der Fremdenfeindlichkeit ist demnach als Lügenwort erkennbar. Dieser Vorwurf ist – einmal angenommen – dementsprechend auch durch nichts zu entkräften, denn objektive Kriterien, nach denen ein Mensch nicht als fremdenfeindlich gelten kann, kann es nicht geben: Fremde gibt es immer, seine allgemeine Fremdenfreundlichkeit zu beweisen bleibt dem Menschen unmöglich.

  14. m.dietl

    Hervoragend analysiert !

    Man muß Ihnen ( / dem Redaktionsteam / ) dankbar sein !!
    Gut, daß es wenigstens ein häufchen klar denkender Menschen in diesem Areal wo früher einmal Deutschland existierte gibt, die noch Augen im Kopf haben und sich mithilfe Ihres eigenen Verstandes unabhängig zu artikulieren trauen. Viel Erfolg und Motivation weiterhin.

    M. Dietl

  15. V.K.

    Ein großartiger und sehr wahrer Beitrag. Das rückt die Dinge wahrlich in ein anderes Licht bei Betrachtung des Bildes.

  16. Markward von Annweiler

    Dass ausgerechnet Wulff seine Unterschrift unter die Ratifizierung des ESM Vertrages verweigert hätte, ist sehr unwahrscheinlich. Bisher erschien er doch vor allem als Karrierist und angepasster Befürworter der „bunten Republik.“ Den braven Bundespräsi nun auf einmal zum Gegner des ESM-Gesetzes zu adeln, widerspricht völlig der etablierten Mehrheitsmeinung im rechten Lager. Eben deshalb wurde die Behautung, Wulff habe wegen seines Widerstandes gegen den ESM zurücktreten müssen, wahrscheinlich auch aufgebracht: Der Journalist Gerhard Wisnewski, auf den dies meines Wissens zurückgeht, ist nämlich stets bemüht, seine potentiellen Leser durch die Formulierung unkonventioneller ‚Wahrheiten‘ zu verblüffen.
    Die Zitate, die Wisnewski zur Untermauerung seiner These anführt, können eine solche Absicht Wulffs aber keineswegs beweisen -abgesehen davon, dass die Reden höchstwahrscheinlich von irgendeinem Referenten geschrieben wurden.
    Die Warnungen vor einer Aushöhlung der Rechte des Parlaments und der öffentlichen Verschuldung auf Kosten der nachfolgenden Generationen sind längst Allgemeinplätze geworden. Die von Wisnewski zitierten Passagen scheinen zwar eine kritische Haltung Wulffs zur gemeinsamen Aufnahme von Krediten und der Ausdehnung der Bonität zu Lasten Deutschlands zu belegen, aber dies kann auch als Unterstüzung der derzeitigen Position der Kanzlerin gedeutet werden, die der Forderung nach Eurobonds noch (hinhaltenden) Widerstand leistet. (Dass dies wahrscheinlich nur eine Verhandlungsposition ist, steht auf einem anderen Blatt.)

  17. Waldgänger

    Keine Ahnung woher sich diese Empörung über die politische Realität in diesem Lande speist. Die BRD war, ebensowenig wie die DDR, ein souveräner Staat, Deutschland ist 1945 untergegangen und übrig geblieben sind die Verlierer und ihre Nachkommen – dieses ständig wiederkehrende Gerede von Rettung, Richtungswechsel entbehrt jeder Grundlage. Wo war die Rechte (nicht nur auf die BRD bezogen) in den letzten 40 Jahren um politischen Einfluss auszuüben. Lustigerweise kommt so eine Gestalt wie Wulff aus einem Hort, der gerne (von sich selbst, oder vom politischen „Gegner“) mit Attributen wie konservativ u.ä. bezeichnet wurde. Wulff in seiner ganzen offenbaren (jedenfalls medial so wahrgenommenen) Mittelmäßigkeit steht nicht allein – man blicke ja nur mal auf die Gestalten der „Gegenseite“ und den allgemeinen politischen Nachwuchs, er ist somit Prototyp des neuen BRD_Politikers. Auf Veränderungen innerhalb des Systems zu hoffen ist kompletter Blödsinn. Wo findet ein Diskurs über gesamtgesellschaftliche Streitfragen statt, weder in der Schule, noch Universität, dort werden sie so moderiert, dass letztlich das Ergebnis IMMER im Sinne der Herrschenden ausfallen, (rechte) Gegenmeinungen gerade in diesen Institutionen führen ins gesellschaftliche Abseits – und nur dort werden sie geduldet (solange bis man die rechtliche Grundlage zur Verfolgung geschaffen hat). Oder die Sarrazin-Debatte wird zum Ventil um aufgestauten Frust abzulassen. Wo sind die Alternativen, personell und erst Recht ideell?
    Das das Eigene als so wenig schätzenswert erachtet wird, hat verschiedene Ursachen. Das in den Dreck ziehen des nationalen Erbes (was es auch noch näher zu definieren gilt) durch die „Linke“ konnte doch nur auf fruchtbaren Boden fallen, weil es keine Verteidiger gab, oder die Argumente dieser zu schwach, zu wenig überzeugend waren. Ich für meinen Teil konnte mich weder mit meiner Eltern- noch Grosseltergeneration (in beiden Landesteilen), identifizieren. Wie es um die Anziehungskraft der Rechten bzw. einiger ihrer Protagonisten bestellt ist dürfte hinlänglich bekannt sein. Ganz ehrlich, auch wenn damals der Arte-Bericht über die Session arg verschnitten wurde, so wirkte das ganze auf mich eher komisch. Hausmusik. Wagner, Stauffenberg …

    Übrigens soll der Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ aufgrund seines die dahinter stehende Geisteshaltung eher verniedlichenden Charakters durch den des „Rassismus“ zu ersetz werden, nach Wunsch von „Menschenrechtsaktivisten“.

  18. erwalf

    - Der Islam gehört historisch so zu Deutschland, wie auch ein Bundespräsident Christian Wulff einmal zu Deutschland gehörte. Ob die Deutschen in Zukunft noch zu Deutschland gehören, ist eine andere Frage.
    - Kein Bundespräsident hat die faktische Macht, ein Gesetz auf Dauer zu verhindern. Das müssen die Parlamentarier schon selber tun. Wolfgang Bosbach zum Beispiel steigt in meiner Achtung.
    - Spielgeld-Banken und Spekulanten zu bekämpfen, ist sicher wichtig und richtig; die neue Camping-Bewegung wie Gauck für Kinderkram zu halten jedoch auch, denn diese linken Freiluft-Okkupanten erstreben fern jeden Realitätssinns grenzenlose Vollversorgung für alle.

  19. Agricola

    Mit dem unsäglichen Herrn W. ist ein Systemkarrierist gegangen worden ( Die Gründe liegen sicherlich nicht sofort auf der Hand, dürften aber mit seiner Naivität im Allgemeinen und insbesondere in Bezug auf seine hochfinanzfeindlichen Reden und Statements zurückzuführen sein!), der es verdient hatte in den Allerwertesten getreten zu werden, damit er schnell genug vom Hofe kommt! (Der „Alte Fritz“ hätte die Reitpeitsche genommen!!) Er hat sich gegen die Lebensinteressen des eigenen Volkes – das er offensichtlich abgehakt hat- gestellt und gehört in die potenzielle Reihe der Volkszerstörer. Er wird einen „würdigen“ Nachfolger finden, egal wie der heißt, und das ist das Allerschlimmste an der aktuellen politischen Situation. Die Masse der Bevölkerung ist geblendet durch Propaganda, den Rest regelt das System selbst in wahrer demokratischer Haltung!

  20. herbstlicht

    Im Artikel geht es auch um die — echte oder simulierte — Traumtänzerei der herrschenden Cliquen. Hierzu will ich einen Zufallsfund aus Schweden berichten.

    Die schwedischen “Eliten'‘ unterscheiden sich nicht wesentlich von ihrem deutschen Gegenstück; der Artikel Vision von einer offenen Gesellschaft von Integrationsminister Erik Ullenhag mag einen Eindruck vermitteln (obwohl Schweden seit über 200 Jahren keinen Krieg mehr verlor und nur eine geringe Kolonialvergangenheit hat). Allerdings wird in Schweden die Freiheit der Meinungsäußerung deutlich höher geachtet als bei uns — man hat nicht seit mindestens 1933 Übung, die Zunge zu hüten.

    Vor einigen Wochen begann auf dem Website von Dagens Nyheter eine Debatte über die (angebliche) linkslastigkeit des Kulturbetriebs. In dieser äußerte sich auch Maria Sveland, links-feministische Journalistin, mit dem Artikel Hatet som gör mig politiskt deprimerad (“Der Haß, welcher mich politisch bedrückt'‘; Titelbild bereitet mir Vergnügen: Luftballonpaar PK, “Politische Korrektheit'‘) in welchem sie ihre Angst schildert — “Schwedische Angst'‘, daß nun finstere Mächte die Herrschaft in Europa übernehmen, wie in den Dreißigern. Bei ihr äußert sich die Angst in körperlichen Beschwerden und sie schließt mit dem Satz: “Die Grenzen haben sich verschoben, die Karte wird umgezeichnet und mein Herz klopft verzweifelt'‘.

    Hierauf antwortete ein Politologe der Uni Göteborg mit dem Artikel Bo Rothstein: Vänstern måste rannsaka sig själv (“Die Linke muß sich selber prüfen'‘ von Bo Rothstein).

    Rothstein stellt zunächst fest, daß das Schicksal der europäischen Linken in den Dreißigern durchaus unterschiedlich war — während sie in vielen Ländern zerschlagen oder zurückgedrängt wurde, kam sie in Skandinavien und insbesondere Schweden an’s Ruder — und fragt weiter, warum dies so war.

    Rothstein nennt dafür fünf Gründe: Erstens gab man den frontalen Klassenkampf auf, hörte auf den Gegner zu verteufeln. Zweitens gab man zu, daß Schweden ein Rechtsstaat ist in welchem nichts zum Rechtsbruch legitimiert; auch nicht die eigenen hehren Ziele. Drittens sah man ein, daß man über den Lohn verhandeln kann und daß Streik allen schadet. Viertens erkannte man, daß es tatsächlich ein nationales Ziel gibt: man sprach nicht mehr vom Klassenkampf sondern vom Volksheim (“Folkhemmet'‘; wohl ziemlich das gleiche wie die “Volksgemeinschaft'‘ im deutschen NS-Staat.)

    Den Rest des Artikels übersetze ich nachfolgend:

    Hinzu kam der vielleicht beste Trick auf politischer Bühne, welchen unser Land je gesehen hat; nämlich, wie es dem damaligen Sozialminister Gustav Möller gelang, das klassische Paradepferd der Rechten, die Bevölkerungsfrage, zu einem linken Thema zu machen, welches das Fundament für den Bau des Wohlfahrtsstaates bildete unter dem Motto: “Nur das Beste für unser Volk'‘. Hieraus resultierten in den Dreißigern nicht zuletzt eine Anzahl Reformen, welche die Stellung der Mütter und der Kinder erheblich stärkten.

    Alle diese fünf Strategien, welche in den Dreißigern zur Vorherrschaft der Linken führten, beruhten darauf, daß man es wagte anzuerkennen, daß die Probleme, auf welche die Rechte, einschließlich der extremen Rechten, hinwies, tatsächlich existierten. Durch eigene radikale Lösungen für diese Probleme gelang es, nicht nur die extreme Rechte zu entwaffnen, sondern auch unsere gemäßigte Rechte. Hier haben wir einen völligen Gegensatz zur heutigen Linken, soweit es um Frage der Integration geht. Die Angst davor, auf irgend eine Weise mit Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit verknüpft zu werden, veranlaßt die Linke dazu, die Augen zu verschließen vor den tatsächlich bestehenden Problemen, welche die Leute alltäglich sehen und welche — was schlimmer ist — die Leute in die Arme der extremen Rechten treiben. Man kann das anhaltende Bestreiten von Gewalt um der Ehre willen [“Ehrenmord'‘ etc.] durch die feministische Linken herausgreifen; genauso die Stützung der Ansicht, daß es sich in jedem Fall, in welchem ein Einwanderer schlechter wegkommt als ein ethnischer Schwede, um Rassisimus handelt; man kann hinweisen auf den Verrat an jungen muslimischen Frauen welche unterdrückt werden und man kann auf die Weigerung hinweisen, den Zusammenhang zu sehen zwischen bestimmten Einwanderern und Kriminalität.

    Maria Sveland hat vollkommen recht, daß Bengt Ohlsson eine Trivialdiskussion [über den Kulturbetrieb] begonnen hat. Die große Frage ist jedoch die: Eine Rechte, welche wieder die politische Hegemonie erlangen will, muß aufhören sich als Opfer zu verstehen und — wie in den Dreißigern — wagen, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen und damit ihre eigenen Tabus einer Prüfung unterziehen. Die Frage ist, wer den Mut haben wird, das zu machen.

Diskussion geschlossen. :-)

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