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lichtmesz Martin Lichtmesz


Christian Kracht und die Methode Diez

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Nun zum unterhaltsameren Teil der dieswöchigen Nazijäger-Nummer des Spiegels. Unter dem Titel „Die Methode Kracht“ versucht Georg Diez auf vier epischen Seiten den Nachweis zu erbringen, daß Krachts neuer Roman „Imperium“ seine (Friß, Phrasenschweinchen!) „Nähe zu rechtem Gedankengut“ zeige, wobei „rechts“ natürlich gleichgesetzt wird mit allen bekannten Braunauer Spezialitäten.

Da kam Diez wie die große Aufklärungskavallerie zur Rettung in letzter Sekunde, denn ohne ihn hätte wohl kaum einer die Brandgefährlichkeit des bereits allerorten rezensierten Buches bemerkt und ließe sich unheilbar infiltrieren.

Die FAZ beschrieb es als „einen lässigen Abenteuerroman über einen deutschen Romantiker“, für Diez ist es eine fragwürdige, ja gefährliche „krude Geschichte“, „durchdrungen von rassistischer Weltsicht“, ihr Held, der obskure Lebensreformer und Weltverbesserer August Engelhardt (1875-1919), ein „Hitler ohne Hakenkreuz und Holocaust“. Und mehr noch als das: Kracht sei zwar ein guter Schriftsteller, aber „das macht ihn nicht zum guten Menschen“. Das steht allen Ernstes genau so dort.

Die dabei angewandte Methode ist sattsam bekannt und kein Versatzteil des antifantischen Anprangerungsgenres fehlt: zwischen den und zwischen die Zeilen lesende und dichtende „Mimikry“-Entlarvung, Assoziationsketten als Beweisführung, das ganze abgemischt mit stirnrunzelnder Betroffenheitspose, dräuendem Geraune und Alarmglockengebimmel.  Diez spielt also die antifaschistisch empörte Drama-Queen, die sich zum quasi stalinistischen Inquisitor aufschwingt. Wer die Götter nicht bewegen kann, kann wenigstens die Hühner aufscheuchen, und vom moralisierenden Podest herab den Talentierteren ans Bein pinkeln. Diezens Verdikt:  der schlechte Mensch Kracht sei der „Türsteher der rechten Gedanken. An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream.“

Der Türsteher der linken Beschränktheiten braucht sich da eigentlich keine Sorgen zu machen, denn das „totalitäre Denken“ ist ja schon längst im Mainstream angekommen. Und zwar in Form von guten Menschen und schlechten Schriftstellern wie eben Georg Diez, die verbissen darüber wachen, daß das „Crimestop“ nicht nachläßt und die ihr anvertraute gute Menschheit ja keine schlechten Gedanken (oder vermutlich überhaupt Gedanken) in den Kopf bekommt. Das gibt es in allen politischen Systemen: je nach Herrschaftslage verlangen sie vom Schriftsteller und Künstler, er solle „faschistisch“ oder „nationalsozialistisch“ oder „sozialistisch“ und nun eben „demokratisch“ schreiben und bitteschön darauf achten, ob man seine Bücher etwa als grundgesetzfeindlich auslegen können. All das erzeugt genau jene ausgetrocknete, ästhetisch dürftige Langweilerwüste, von der Krachts Debüt „Faserland“ (1995) unter anderem handelt. Daß es den weltenbummelnden Autor seither nicht nur geographisch von der Bundesrepublik weggetrieben hat, ist kaum verwunderlich.

Als besonderes Belastungsindiz und Blick hinter die Kulissen gilt Diez der eben erschienene, frei nach David Bowie „Five Years“ betitelte Email-Wechsel zwischen Christian Kracht und dem kalifornischen Schriftsteller und Musiker David Woodard.  Und hier wird es vollends unfreiwillig komisch, denn Diez hat das für Outsider eher langweilige und mit nicht weiter ausgeführtem Namedropping gespickte Buch nach „bösen Gedanken“ durchforstet wie der Sittenwächter das Pornoheft. Dabei muß er wohl vor lauter Freude rote Ohren und Wangen bekommen haben, wie folgende Zeilen nahelegen:

Dieser Email-Wechsel funktioniert wie ein Weihnachtskalender des Teufels: Hinter fast jeder Tür, die man öffnet, hinter fast jedem Namen, den die beiden nennen, tauchen satanische, antisemitische, rechtsradikale Gedanken auf.

Das muß ja das reinste Ostereiersuchen gewesen sein, gefolgt von multiplen Orgasmen! Denn der „Briefwechsel“ ist tatsächlich voll mit Referenzen über abseitige, unkorrekte, subkulturelle Gestalten, Visionäre und Philosophen, allerdings keineswegs bloß von „rechts“, sondern von allen nur erdenklichen Seiten, was Diez völlig unterschlägt: Namen wie William S. Burroughs, Kenneth Anger, Aleister Crowley und Christoph Schlingensief spielen eine ebenso große Rolle wie Nietzsche, Wagner oder Kim Jong Il.

Nun ist es bekanntlich so, daß man Puritanern niemals über den Weg trauen sollte, denn man weiß bei ihnen nie, ob sie nicht klammheimlich das begehren, was sie verfolgen. Mindestens so nervtötend wie der Verfolgerwahn ist die verkrampfte Humorlosigkeit dieses Typus, die auch immer etwas Heuchlerisches hat. Diez führt etwa Woodards und Krachts Interesse für Kim Jong Il als ein weiteres Indiz für deren Schlechtmenschentum an, denn obwohl dieser „sein Volk hungern läßt“, scheint das Kracht und Woodard „nicht sonderlich zu stören“.  Meine Güte, gleich kommen einem die Tränen über diese menschenverachtenden Rohlinge! Inzwischen kümmert sich keine linke Socke weit und breit um die Untaten ihrer popkompatibel gemachten kommunistischen Idole, und Dietmar Dath darf in der FAZ offen seinen Lenin abfeiern, ohne daß ein Diez „demokratiefeindliche, totalitäre“ Übernahmen des Mainstreams befürchtet.

Der Mangel an Humor und Leichtigkeit ist es wohl vor allem, der Diez den Zugang zu Krachts Welt verwehrt, die voller Ironie, Spiel und Doppelbödigkeit ist. Sie macht ihm richtiggehend Angst. Aber nicht nur deswegen ist er nicht imstande, die selektiv herausgepickten und zum Teil völlig verzerrt dargestellten Referenzen des „Briefwechsels“ richtig einzuordnen. Ihn scheint vor allem zu irritieren, daß sich Woodard und Kracht mit einer völligen Nonchalance und Losgelöstheit von den Spielregeln des sozialdemokratisch moderierten Sandkastendiskurses bewegen, als dessen Einpeitscher und Oberaufseher er sich geriert.
Test

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