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kositza Ellen Kositza


Autorenportrait Camille Paglia

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pdf der Druckfassung aus Sezession 36 / Juni 2010

Frauen, die nicht einstimmen ins radikaldemokratische, feministische Grundrauschen, sind hierzulande nahezu unsichtbar. Christa Meves und Gabriele Kuby dürfen in ihren begrenzten christlichen Kreisen wirken, Karin Struck und Eva Herman wurden gebrandmarkt, in krassen Szenen bei Talkshows ausgebootet und hernach der Lächerlichkeit preisgegeben, Alice Schwarzers Kontrahentin Esther Vilar sah sich aufgrund von ausufernder Hetze gar gezwungen, das Land zu verlassen. Zwar habe es an diese Frauen zahlreiche Solidaritätsnoten »aus dem Volk« gegeben, Zustimmungen aus dem Privaten. Mehr als einen gewissen Niederschlag auf Leserbriefseiten brachte es nicht: Feminismus ist Leitkultur. Die mangelnde mediale Präsenz kühner Feminismuskritikerinnen umgibt daher ihr Anliegen mit einer harmlos-rosigen Aura oder dem Ruch von Mottenkugeln jenseits des Haltbarkeitsdatums.»Die meisten Frauen haben keinen Mut zur Unbeliebtheit, deshalb glucken sie zusammen und praktizieren Gruppendenken. Ich schon. Ich brauche bloß Respekt. Ob man mich mag, ist mir egal«, sagt Camille Paglia und spricht damit eine Halbwahrheit aus. Keine Frage, Paglia, die mal als »Anti-Feministin«, mal als »Radikalfeministin« Apostrophierte, ist furchtlos; richtig auch, daß man Kampfschwimmerinnen gegen den (Gender-)Mainstream mit der Lupe suchen muß; daß sich medienpräsente Frauen stärker als Männer im politischen Mittelmaß breitmachen und Akademikerinnen an den reichhaltigen Töpfen des Gender Budgets. Wenn Anne Will und ihre publizistischen Schwestern mal »richtig kritisch « einhaken, dann tun sie es zur Verteidigung der Allgemeinplätze. Das ist natürlich eine Anerkennungsneurose.
Andererseits wird das »Gruppendenken«, die Konformitätsneigung, die Paglia für typisch weiblich hält, in Deutschland rigide von Maßgaben der Medienindustrie befördert. In Paglias Heimat, den USA, dürfen Frauen, die weit jenseits des linksliberalen Spektrums stehen, Kolumnen in den Leitmedien führen, sie sind gesuchte Interviewpartner und dürfen in politischen Fernsehformaten den streitbaren, jedoch respektierten Gegenpart geben. Karrieren wie die von Ann Coulter, Christina Hoff Sommers, Sarah Palin sind in Deutschland schlicht undenkbar. Ohne daß sie einer politischen Clique je angehörte, ist Camille Paglia seit zwanzig Jahren mit weitgehend ununterbrochener Medienpräsenz das intellektuelle enfant terrible unter den Antifeministinnen. Paglia wuchs als Kind einer italienischen Einwandererfamilie in New York auf, entdeckte früh ihre lesbische Neigung und graduierte als Philosophin in Yale.
Ihr Ruf als »akademischer Rottweiler« wurde beizeiten gefestigt: Ihr Betragen war bisweilen unverschämt, ihre Sprache unverblümt, ihre wissenschaftlichen Leistungen enorm. Die erweiterte Fassung ihrer Dissertation lag 1981 vor. Es sollte ein Jahrzehnt vergehen, bis sie einen Verlag für ihr Mammutwerk fand, von dem sie mutmaßt, es sei das dickste Buch, das je von einer Frau geschrieben wurde. Sexual personae umfasst allein in der deutschen Taschenbuchübersetzung knapp 900 Seiten. Sowohl dieses Opus magnum als auch der hübsche Extrakt (Sexualität und Gewalt. Oder: Natur und Kunst), den dtv Mitte der Neunziger publizierte, sind heute vergriffen, antiquarisch sind Buch und Büchlein gelegentlich zu finden.

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