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lichtmesz Martin Lichtmesz


Fahnen und Fahnenflüchtige

In der aktuellen JF ist eine abtrennbare Schwarz-Rot-Gold-Papierfahne beigelegt, zwecks Herumwedeln und Heraushängen für ein weiteres „deutsches Sommermärchen“. Ich empfinde das als ziemlich töricht, schon allein deswegen, weil der entscheidende emotionale Kern der WM von 2006 war, daß sie eben in Deutschland selbst stattgefunden hat. Eine Wiederholung ist von der Südafrika-WM in dieser Form gewiß nicht zu erwarten.

Fragt sich außerdem, wieviel nationales Vergnügen das Ganze noch bereitet, wenn die Hälfte der Nationalspieler aus migrationshintergründigen Besitzern deutscher Pässe besteht, die auch noch so schäbig sind, das Mitsingen der Bundeshymne zu verweigern. Ein Bild übrigens, das nicht nur die deutsche Nationalmannschaft bietet – ist etwa das denn noch „Frankreich“? Hier haben die kolonialen Hilfstruppen längst das Kommando übernommen. (Bitte sich hier nur einmal auf das Gedankenexperiment einzulassen, und sich eine japanische Mannschaft vorzustellen, die zu drei Vierteln aus blonden Schweden besteht.)

Wenn Fußball so etwas wie das letzte Refugium des Agonalen, der simulakrische Ersatz für das offenbar unausrottbare Kriegsbedürfnis des Menschen ist, und die Nationalmannschaften so etwas wie symbolische Armeen, die ihre Nation vertreten, dann ähnelt Europa heute der Spätzeit des antiken Römischen Reiches, als die imperialen Heere fast nur mehr aus Söldnern aller Herren Länder, nur nicht aus Römern, bestanden.

Der Verfall des einheimischen Sportes, die Unfähigkeit, noch autochthone Sportler zu rekrutieren, nicht nur in Deutschland, ist eines der alarmierendsten Symptome des Verlustes der eigenen vitalen Substanz – vor allem wenn man bedenkt, welche bedeutende Rolle der Sport traditionell als Bannerträger nationaler und demokratischer Bewegungen gespielt hat, von Turnvater Jahn angefangen. Nationalspieler, die sich nicht mit der Nation identifizieren, für die sie antreten, sondern nur wegen der Kohle und der Berühmtheit dabei sind, sind so gesehen auch nichts anderes als Söldner. Sie dienen der Fahne, aber ehren sie nicht.

Davon abgesehen ist die ubiquitäre Banalisierung der Nationalfarben ebenso lästig wie fragwürdig. Der Overkill entwürdigt die Fahne zu einem reinen Konsumartikel. Inzwischen kann man kein Joghurt mehr öffnen, ohne daß einem das leidige Schwarzrotgold entgegenspringt. Dabei riecht dieser saisonal zugelassene Spaßpatriotismus eher nach einem süßlichen Opiat als nach frischem Wind, wie einer dieser klebrigen Energydrinks mit Gummibärchengeschmack, die auf die Dauer eher matt und schlapp als wach machen.

Er wirkt weniger als patriotisches Speed denn als Morphiumspritze für ein Land, in dem es kaum noch ein Gefühl für Zusammenhalt und patriotische Verantwortlichkeit gegenüber der Vergangenheit und der Zukunft gibt. Die massenhafte öffentliche Präsenz der Nationalflagge ist trügerisch. Sie kommt zu einem Zeitpunkt, wo sich das deutsche Volk in seiner rapiden ethnischen und kulturellen Auflösung befindet, und das Land selbst von seinen herrschenden Eliten politisch wie wirtschaftlich mit einer kaum mehr verhohlenen Wurschtigkeit preisgegeben wird. Dem haben die Deutschen, die sich nun überall die Fähnchen ans Auto hängen, nicht einmal einen Patriotismus des Zorns oder der Unzufriedenheit entgegenzusetzen. Sie zeigen nirgends einen wirklichen Willen zur Zukunft.  Die fahnenschwenkende, akklamierende Masse im öffentlichen Raum – auch dieses Urbild der Demokratie als „Volksherrschaft“ ist zum bloßen Simulacrum verkommen.

Im Gegenteil findet eine gewaltige, sich schon über lange Jahre und Jahrzehnte hinwegschleppende Massendesertation statt, die ganz oben an der Spitze des Staates ansetzt, wie die jammervolle Fahnenflucht Horst Köhlers unlängst gezeigt hat.  Man müßte einmal ergründen, wie das mit der deutschen Kriegsniederlagen-Obsession zusammenhängt, die sich weniger bedeutsam in den verbissen-revanchistischen „Trauermärschen“ des politischen lunatic fringe als den diversen Merkelschen Danksagungen und Unterwerfungsgesten äußert.  Desertation ist heute Ehrensache, gerade unter unseren „Mächtigen“.

Der Umgang mit der Vergangenheit spiegelt immer die Gegenwart. Wenn heute in deutschen Großstädten wie Köln oder Stuttgart den Deserteuren von gestern Denkmäler errichtet werden, dann handelt es sich dabei vorrangig um nationalpsychologische Projektionen von heute, die wohl ein unterschwelliges schlechtes Gewissen kaschieren sollen.  Wenn es nun anno 1945 angeblich immer und überall ethisch gerechtfertigt war, zu desertieren, warum dann eigentlich heute auch noch, jetzt, wo wir doch endlich die makellos Guten sind, jetzt, wo wir doch endlich alles richtig gemacht haben und machen?

Als hätte er kein Vertrauen in sich selbst, neutralisiert sich der Staat munter selber, was sich tagtäglich in vielen kleinen und großen Schritten und Entscheidungen, in mehr oder weniger verräterischen Gesten und Worten zeigt. So wurde für die Dauer der WM den Berliner Polizisten wegen des (an sich wohl sinnvollen) „Neutralitätsgebots“ für Beamte verboten, die schwarzrotgoldene Flagge zu zeigen, während gleichzeitig der Senat das Hissen der regenbogenen Schwulenfahne an öffentlichen Gebäuden für den kommenden „Christopher-Street-Day“ bewilligt hat (wie es etwa 2008 im Berliner Polizeipräsidium geschah).

Wer also bereits aus lauter Überdruß schwarzrotgolden kotzt, kann auch schon mal mit dem Scheißen von Regenbogen beginnen,  denn wenn es nach dem Präsidentschaftskandidaten Christian Wulff geht,  „muß“ Deutschland nun noch „bunter und vielfältiger“ werden. Das heißt wohl, daß überall (aber wirklich überall) dort, wo die Schulklassen und Fußballmannschaften noch immer so stinklangweilig einfarbig und homogen sind,  nach dem Smartiesprinzip noch mehr Menschen mit lustigen „bunten“ und „vielfältigen“ Hautfarben (und Kleidern, und Religionen, und Eßgewohnheiten…) reingemischt werden müssen, schon allein um der lieben „Integration“ willen.

Angesichts solcher Absichtserklärungen kann man es Thilo Sarrazin nicht verübeln, wenn seine Ausfälle inzwischen schon beinah eine tourettesyndromartige Qualität erreichen. Dabei hat er die Lage ja noch ziemlich verharmlost: Die Deutschen verdummen auch ohne Einwanderer zusehends. Wie schon Heiner Müller bemerkte: „Zehn Deutsche sind dümmer als fünf Deutsche.“

Und vor diesem Hintergrund sollte man auch die nun grassierende Schwarzrotgold-Besoffenheit und den dümmlichen Kitschpatriotismus bewerten, der an Bord der Titanic vor dem Breitwandbildschirm fähnleinschwänkend auf ein Ballspiel starrt, während im Unterschiff bereits das Wasser eindringt, und der Eisberg näher kommt.

59 Kommentare zu „Fahnen und Fahnenflüchtige“

  1. Sebastian

    Alles gut, alles richtig. Nur: Was soll man da noch groß „debattieren“?

    Es wäre mir lieber gewesen, hätte die Redaktion Lichtmesz‘ Analyse des „semantischen Demokratenzauns“ für Diskussionen freigeschaltet, zumal der heutige Beitrag gegen Ende immer mehr zu einem eher unoriginellen Lamento bezüglich der „allgemeinen Lage“ wird; mit symptomatischen Tagesaktualitäten unterfüttert und in dieser Form sattsam bekannt. Trotzdem natürlich schön zu lesen.

    Kommentar M.L.: Originell muß man nicht sein, nur gründlich.

  2. Emorechter

    Ich finde das Motto „Etiam si omnes, ego non“ hier aber etwas ueberstrapaziert. Wenn man als Patriot Freude an Fussball hat, sehe ich keinen Grund, sich jetzt nicht mit den Nationalfarben zu schmuecken. Ersten ist Fussball nicht weniger daemlich als andere Sportarten und zweitens kann es einem doch ganz egal sein, was andere beim Schwenken der Flagge empfinden. Dass weder durch noch waehrend der WM die Probleme des Landes geloest werden, kann man durch Fussball- und Flaggenabstinenz jedenfalls auch nicht aendern.

    Dass ich nichts tue, nur weil es alle anderen tuen, heisst bekanntlich nicht, dass ich etwas nicht tue, nur weil es alle anderen tuen.

    Kommentar M. L.: Das ist aber nicht das Thema des Beitrags. Auch enthält er keinerlei Appell an Fußball- oder Flaggenabstinenz.

  3. PB

    Lichtmesz & Dorn und, natürlich, Thorsten Hinz/Neujahr sind die Pretiosen unter den Diamanten der neuartig rechten Publizistik: messerscharf in ihren Analysen und brillant in der Formulierung ihrer Zuspitzungen.

    Und wieder einmal stimmt (auch) in diesem Beitrag alles: die Einschätzung der Lage und der weitere Ausblick. Eigentlich gibt es da gar nichts zum Debattieren, außer vielleicht der Frage nachzugehen, warum Sarrazin (derzeit noch bzw. auf Jahre hinaus) offenbar zu feige ist, der JF ein Interview zu geben (Dorn 25.05.10).

    Gilt Burkhard Hirsch (JF 24/10) womöglich schon als zu senil, um in der F.D.P. und drumherum (Annen, Braun, Edathy, Roth etc.) Pawlow’sche Empörungsreflexe auszulösen ?

  4. Druide

    Nach Arif Ünal in NRW – Was soll uns noch erschrecken?
    Scheiß doch auf die Trikolore und die Regenbogenfahne.

    „Und die Moral von der Geschicht: Der Staat ist schwul. Deutsch ist er nicht.“

  5. Nico

    Sie dienen der Fahne, aber ehren sie nicht.

    Wer in diesem Forum ehrt denn diese Fahne und das, was sie repräsentiert?

    Kommentar M.L.: Bestimmt die meisten. Schwarz-Rot-Gold ist älter als die BRD. Aber das ist nicht der Punkt: es geht darum, den Söldner vom Soldaten zu unterscheiden. Und eine Aussage über die faktische integrative Kraft – oder vielmehr Schwäche dieser Fahne zu treffen.

  6. Miraclefruit

    Diese leichtfertige Beimengung der Brd-Fahne in der JF finde ich keine gute Idee, sie erinnert wirklich an eine Marketingaktion von Ferrero.
    Die Stammleser werden es hoffentlich bewerten.
    Die Brd-Fähnchen an den Autos sagen schon alles, wenn man sich Auto
    und Besatzung ansieht.
    Vielen Dank Herr Lichtmesz für diese Zustandsbeschreibung eines
    Volkes, daß es eigentlich schon gar nicht mehr gibt.

  7. Harry

    Eine interessante Frage. Warum verweigert sich ein Teil der deutschen Nationalspieler mit Migrationshintergrund dem Mitsingen der Nationalhymne?

    Komisch…
    … kann man sich doch problemlos mit dem beliebigen und sich selbst ständig beschmutzendem linken Patriotismus anfreunden,
    … kann man sich doch freudig mit dem wirtschaftszentrierten und feigen bürgerlichen Patriotismus identifizieren und
    … kann man sich doch mit anderer Hautfarbe problemlos für den völkisch durchsetzten rechten Patriotismus begeistern.

    Eigentlich wundere ich mich nur, dass sich trotzdem einige Spieler, wie etwa Cacau, mit diesem Land identifizieren und die deutsche Hymne mitsingen.

  8. eo

    Wenn alles eh den Bach heruntergeht, kann man sich ja gleich begraben lassen
    - oder was ? Also, ich stecke mir ein Fähnchen ans Auto.
    1. Weil mir’s gefällt.
    2. Weil ich weiß,
    daß dies so einige ärgern dürfte.

  9. ..ist ja der Hammer..! ggg

    Die Überlegungen zum Thema Legionäre beim Sport und im Alten Rom, und der anschliessende Fall des Imperiums gingen mir die Tage auch so durch den Kopf.. *ggg* (Anflug von kollektivem Bewusstsein..!?) ^^

    Ja.. als in den 80ern (oder warens erst die 90er..!?) bei den Östereichern immer von den „Legionären“ beim Fussball die Rede war, musste ich immer milde -aber auch mitleidig grinsen: „Die haben halt net genug (gute) Hanseln..!“ Niemals hätte ich mir es damals träumen lassen..

  10. Th.R.

    Schwarz-Rot-Gold am Auto signalisiert heute keine politische Gesinnung, sondern deutet an, dass der Fahrer eines solchen Autos ein Herdenmensch ist, der jedem Modetrend willig aufnimmt und nachäfft. Es ist Ausdruck typischen BRD-Micheltums. Patriotismus ist das nicht, höchsten oberflächlicher Fast-Food-Patriotismus.

    Die Linken müssen keine Angst bekommen: Nach der WM wird Michel, der in seiner Blödheit gar nicht weis, was für einen „Staat“ Schwarz-Rot-Gelb heute symbolisiert, artig in den Mülleimer werfen, um sodann in den nächsten Supermarkt zu laufen, wo er sich dann eine rote Clowns-Nase aus Gummi kauft. Nach der WM ist schließlich der von Pro Sieben veranstaltete Red-Nose-Day, und Michel wird auf der nächsten BRD-Party auftanzen.

  11. Sebastian

    Eigentlich wundere ich mich nur, dass sich trotzdem einige Spieler, wie etwa Cacau, mit diesem Land identifizieren und die deutsche Hymne mitsingen.

    Genau genommen finde ich das schon fast bedenklicher, als die Verweigerungshaltung anderer.

  12. Wöschwyb

    @Sebastian
    Was genau ist dein Problem?

  13. Neunundachtziger

    Die Fußballweltmeisterschaft hat endlich angefangen und jetzt darf wieder schwarz-rot-gold geschwenkt werden, ohne sich rassistische Tendenzen vorwerfen lassen zu müssen. Endlich können wir unseren schüchternen Nationalstolz ausleben. Denn jetzt sind endlich wieder die Zeiten des Patriotismus angebrochen. Es ist die Sehnsucht nach politischer Normalität.

  14. Sebastian

    @Wöschwyb
    Dass die ernsthafte Rechte findet, dass Leute, die die BRD-Hymne nicht mitsingen wollen, in der Nationalmannschaft nichts zu suchen haben, ist das eine. Mangelnde Integration hat aber noch den Vorteil, dass sie reversibel ist.

    Ein schwarzafrikanischer Inhaber eines bundesdeutschen Ausweises, der sich mit den „Werten“ dieses Landes wunderbar identifizieren kann, die Hymne mitsingt und vll. auch noch bei der nächsten „Du bist Deutschland“-Kampagne brav das Gesicht in die Kamera hält, ist doch ein weit stärker in die Tiege deutendes Symptom, als ein paar geldgeile Nicht-Deutsche, die für etwas Ruhm, Rummel und Euros ins schwarz-weiße Trikot schlüpfen und die Hymne des Landes, in dem ja eh alles unverbindlich ist und dem folglich auch kein Respekt zu zollen ist, nicht mitsingen wollen.

  15. Nebelheimer

    Genau genommen finde ich das schon fast bedenklicher, als die Verweigerungshaltung anderer.

    So ist es. Warum sollen Polen und andere Nichtdeutsche denn die deutsche Nationalhymne singen? Was ja ein Bekenntnis sein soll, das wäre bestenfalls just for show und schlimmstenfalls Anmaßung. Warum sowas erzwingen?

    Das eigentliche Problem ist, dass das DFB-Team keine deutsche Nationalmannschaft mehr ist. Vielleicht sollte der DFB, einfach aus Gründen der geistigen Hygiene, eine eigene Hymne etablieren.

  16. Theodor Adorno

    Morgen Abend wird Mehmet Özil wieder gedanklich seine Koranverse durchgehen, während der Rest apathisch das BRD-Liedchen mitbrummt.

    Wie tief kann eigentlich eine Nation gesunken sein? Sogar nach dem 30 jährigen Krieg war noch mehr Ehre im Volk vorhanden.

    Gerade für Afrika wüsste ich ein Lied, was besser wäre als der Einigkeit, Recht und Freiheit-Blödsinn:

    http://www.youtube.com/watch?v=jEIm3pe5wbA

  17. nico

    Bestimmt die meisten. Schwarz-Rot-Gold ist älter als die BRD. Aber das ist nicht der Punkt: es geht darum, den Söldner vom Soldaten zu unterscheiden. Und eine Aussage über die faktische integrative Kraft – oder vielmehr Schwäche dieser Fahne zu treffen.

    Dass die Fahne älter als die BRD ist, ist mir klar.
    Aber ich habe bei schwarz-rot-gold dennoch eher die Berliner Beliebigkeitsrepublik vor Augen, als das Hambacher Fest.
    Die schöne Erinnerung ist ist von Jahrzehnten hässlicher Politik bedeckt.
    Ich glaube, dass man diesen Schutt erst beseitigen müsste, bevor diese Fahne eine „integrative Kraft“ haben könnte.

  18. blixa

    Teile i.W. Analyse und Empfindungen von M.L. Mit irgendwelchen Boatengs , Özils und Aogos verbindet mich nichts, sie repräsentieren mich nicht und ich identifiziere mich nicht mit ihnen.

    Zu erwarten steht iÜ , dass jeder Erfolg dieser Multi-Kulti-Truppe gnadenlos publizistisch ausgeschlachtet wird im Sinne der vermeintlichen Überlegenheit gemischter Gesellschaften. Meine Sympathie bei dieser WM gilt grundsätzlich den ethnisch homogenen Mannschaften – auch und gerade bei den Spielen der BRD-Söldnertruppe.

    M.E. werden Deutschstämmige in der Nationalmannschaft iÜ diskriminiert: Anders ist es kaum erklärlich, warum Höwedes und Hummels zu Hause bleiben müssen, während die weitaus schwächeren Tasci und Aogo dabei sind. Und als Einziger aussortiert wurde mit Beck natürlich ein blonder (Russland-) Deutscher…

    Nur noch erbärmlich finde ich, dass der DFB jetzt schon Brasilianer rekrutiert , die es nicht einmal in die brasilanische C-Auswahl schaffen würden (Cacau).

  19. waldemar

    Machen wir uns doch nichts vor, die DFB-Auswahl entspricht im Querschnitt unserer bundesdeutschen Gesellschaft: Eine Versammlung von Individuen die nichts mehr verbindet, außer dem gemeinsamen Geldgeber.
    Und solange der Geldhahn nicht zugedreht wird, ändert sich an der Situation nichts – im Fußball sowie in der Gesellschaft.

  20. Miraclefruit

    Ich glaube die RICHTIGEN DEUTSCHEN sehen vom Paralleluniversum auf uns herab, und lachen sich kaputt !!!

  21. Munjoie.Renuvelent

    Wir müssen den Patriotismus am Flammen halten, auch wenn die Weltmeisterschaft vorbei ist.

  22. Dieter

    Die Fahne schwarz-rot-gold ist die Fahne der deutschen Nation. Ich werde sie nicht der BRD-Regierung überlassen. Ich hänge sie auch nicht wegen Fußball auf, sondern am 17. Juni, zum Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR.

  23. Martin

    … ich stimme den Vorschreibern zu. Die deutsche Mannschaft müsste – im Gegensatz zu Frankreich – rein sportlich betrachtet gar nicht so viele „Söldner“ in den Reihen haben.

    Es gibt mehr als ausreichend Biodeutsche Fußballer … ich habe daher auch den Verdacht, dass man hier mit einigem Krampf eine Mulit-Kulti-Truppe aufstellen wollte, vor allem, damit möglichst jede Minderheit ein bisschen mitfeiern darf und nicht allergisch auf unter Umständen Fußballbesoffene Deutsche reagiert …

  24. KS

    Vielen Dank für diesen herausragenden Artikel. Inhaltlich wie stilistisch wieder erstklassig. Danke. (Besonders für das Tourettesyndrom. Konnte gut lachen.)

    Ob unsere Nationalfahne das alles verdient hat, zog ich schon vor einigen Tagen in Zweifel, als ich die abgebrochenen „Car-Flags“ auf dem Standstreifen der Autobahn zählte. Da lagen sie so rum, neben Coladosen und Zigarettenschachteln. Hinterlassenschaften der Massengesellschaft. Ich hätte es nie so treffend formulieren können, aber der Lichtmeszsche Satz:

    „Der Overkill entwürdigt die Fahne zu einem reinen Konsumartikel.“

    sagt nichts als die reine Wahrheit.

    Insofern ist es traurig sehen zu müssen, daß sich die JF einer Sinnestäuschung hingibt und animmt, hier breche sich ein neues Nationalgefühl Bahn.

  25. eo

    Guter Gedanke,
    Martin. Aber auch ein
    Kritikpunkt – Wie kann man
    eigentlich freiwillig und ernstgemeint
    den Terminus ‚biodeutsch‘
    verwenden, Der ist
    eklig und dann
    noch von
    dem schmierigen
    Kotelettenmann, wenn
    du verstehst.

    M.L.: Und die hartnäckig durchgehaltene nervtötende Formatierung ist Stilelement der „neuen Spryche“, oder wie ist das zu verstehen?

  26. Emorechter

    Lieber Herr Lichtmesz,

    mir ist schon klar, daß der Artikel keinen offenen Appell zur Fußball- oder Flaggenabstinenz enthält. Ich kann Ihnen, wie so oft, in vielen Punkten des Artikels nur zustimmen und halte die hergestellten Querverbindungen für sehr aufschlußreich. Daß es schäbig ist, sich zu weigern, die Nationalhymne mitzusingen, könnte man nicht treffender ausdrücken. Da der Artikel aber zur Debatte und nicht zur Huldigung stand, habe ich mich auf den Punkt beschränkt, der mich störte. Ich entnehme auch vielen der zustimmenden Kommentare hier, daß man Sie durchaus so versteht, daß der nun um sich greifende Fußballpatriotismus (Fast-Food-Patriotismus) irgendwie unter der Würde des wahren Patrioten ist; warum sonst wäre die Aktion der JF zu kritisieren? Das halte ich für etwas verbissen. Selbst wenn sich nur ein Prozent der Fußballpatrioten fragt, wofür Deutschland eigentlich steht (nun ja, stand), dann ist schon etwas gewonnen. Wichtig wäre daher, daß die Rechte in Position wäre, solche Fragen zu beantworten. Falls die JF also mit der Aktion auffällt, wird’s der Sache nicht schaden.

    M.L.: Fußballpatriotismus an sich ist in Ordnung und überhaupt nicht „unter der Würde des wahren Patrioten“. Ich wünsche mir ja, es würde mehr unverwässerten Fußballpatriotismus geben, mit einem vollständig deutschgebürtigen Team aus lauter Beckenbauern, die aus voller Brust mitsingen, am besten gleich alle drei Strophen. Es geht hier vielmehr um die immer absurder werdende Diskrepanz zwischen der Kulisse – des Fahnenschwenk-Overkills –, und dem, was hinter ihr vorgeht – die Fahnenflucht, sowohl der Regierenden, als auch dessen, was vom Staatsvolk noch so übriggeblieben ist.

  27. Toni Roidl

    Lieber Martin Lichtmesz,
    ich bin ein Fan Ihrer Beiträge und auch diesmal haben Sie mit allem Recht.
    Bloß: Wenn durch die Schwarz-Rot-Gold-Folklore beim Fußballvolk ein Fünkchen genuines National(selbst)bewusstsein hängenbleibt und nur 1 oder 2 % die Fahne auch nach der WM mit Stolz weitertragen, hilft das schon etwas gegen die beschriebene Diskrepanz. Gestern beim Rudelgucken im Nachbargarten, sangen plötzlich alle Grill-Gäste die 3. Strophe des Deutschlandliedes lauthals mit. Das ist doch ein bescheidener Anfang.

    M.L.: Wollen wir es hoffen.

  28. eo

    Einfach
    mal reinklicken,
    sich selber ein Bild machen
    und nicht ständig metapolitisch gegen
    alle und jeden Gift und Galle
    versprühen. Merke:
    C‘est le ton,
    qui fait la
    musique !

    http://neue-spryche.blogspot.com/2010/06/gartnernde-bocke_02.html

    PS.
    Humorlose
    Leute habe ich
    bislang immer eher
    unter den Anhängern des
    Profeten vermutet.

    M.L.: Ach so, witzig meinen Sie Musikant das. Na dann…

  29. Thommy

    Guter Artikel, hab mir aber beim lesen die Frage gestellt, was mit den Halbdeutschen ist (die machen ja die Mehrheit aus??). Autochthon sind die ja sicher nicht, aber können Sie ja nirgends sein. Raus oder rein?

  30. Hannibal

    @ Thommy
    Würde mich auch interessieren. Allerdings befürchte ich, Sie werden hier keine befriedigende Antwort darauf bekommen.
    Man kann das einschlägige neu- wie altrechte Problem schon daran erahnen, dass sich die Herrschaften hier bereits unschlüssig sind, wie sie die Hymnenverweigerung denn nun zu bewerten haben. Die einen werfen den nichtsingenden Spielern vor, sich nicht mit dem Land zu indentifizieren, weshalb man sie auch nicht als „Deutsche“ anerkennen will. Die anderen bekennen geradeheraus oder auch konkludent, die „nichtarischen“ Spieler bräuchten auch gar nicht zu singen, da man sie ja aufgrund ihres Phänotyps ohnehin nicht als „Deutsche“ anzuerkennen gewillt ist. Verzwickte Lage einer Rechten, die letzlich keine Ahnung hat , wie sie in Zukunft mit den Millionen Menschen in DEutschland umgehen soll, die ihren völkischen Prämissen nicht genügen können.
    Was will diese Rechte verteidigen außer einem bestimmten europaischen Phänotyp?

    M.L.: Ich denke eher darüber nach, wie in Zukunft diese „Millionen Menschen“ mit uns (und damit meine ich nicht „die Rechte“) umgehen werden, weil wir ihren „völkischen Prämissen“ nicht genügen. Insofern Sie nun selbst einem, wie Sie es nennen, „europäischen Phänotyp“ angehören, bleibt es Ihnen überlassen, ob Sie sich willig beiseite räumen lassen wollen.

  31. Pat Bateman

    Ich muß sagen, ich habe bei diesem Artikel einen „inneren Reichsparteitag“ gefeiert. Hier darf ich das doch sicher noch? Wir sind ja nicht beim ZDF. ;-)

  32. Hannibal

    Zunächst vielen Dank für Ihren Kommentar, Herr Lichtmesz. Obgleich Ihre Gegenfrage durchaus Berechtigung hat, ist es nach wie vor an uns (womit ich ebenfalls nicht „die Rechte“ meine), die von mir formulierte Frage zu beantworten. Wir sind das Staatsvolk und als solches dazu berufen, zu entscheiden wie wir mit den „MIllionen Menschen“ umgehen. Untergangs- oder Bürgerkriegsszenarien oder auch das Phantasieren über irgendwelche vollkommen unrealistischen „Rückführungsprogramme“ ersetzen aber keine ernstzunehmenden Konzepte. Und genau hierzu sehe ich auf der Rechten überhaupt nichts, das über ein Beharren auf einer völkischen Exklusivität hinausginge. Wer noch nicht einmal im Ansatz bereit ist, einen guten Fußballer (oder was auch immer), der sich in ausreichender Form mit diesem Land und seiner Kultur identifiziert, in die Nation aufzunehmen, weil er vielleicht einen schwarzafrikanischen Vater hat, der zementiert und befördert ein für die Zukunft verhängnisvolles Gegeneinander von vergreisenden, dekadent-schwachen deutscher Urbevölkerung und einer vitalen und wachsenden Masse gewollt Exkludierter.

    Und im Übrigen glaube ich nicht, dass sich hier irgendjemand „beiseite räumen lassen“ wird. Außer vielleicht der Fraktion der ewigen Jammer-Rechten von denen Herr Böcker schon einmal geschrieben hat ;-)

    M.L.: Nun, wer Anführungsstriche setzt, wenn er von den Deutschen spricht, wer von „ethnischen Phänotypen“ und „völkischer Exklusivität“ redet, hat sich selbst bereits auf der semantischen Ebene weggeräumt und das Denken des politischen Feindes absorbiert. Wenn erst einmal Basis und Überbau gedanklich getrennt sind, dann ist das Terrain locker genug, um es wegzupusten. Das wird von Ihren weiteren Ausführungen vollauf bestätigt. Was die Aufnahme stark heterogener Elemente in die Nation betrifft, so ist natürlich deren Quantität ausschlaggebend, um deren Substanz nicht zu gefährden. Das Maß, in dem das funktionieren kann, ist natürlich längst bei weitem überschritten. Verhängnisvoller für eine vergreisende „Urbevölkerung“ ist nicht die Exklusion von „vitalen und wachsenden“ Massen, sondern im Gegenteil – und auch logischerweise – deren (auch gewollte, auch forcierte) Inklusion, wie sie heute eben stattfindet, bis das Inklusion-Exklusion-Verhältnis kippt. Was Herrn Böcker betrifft, so hat er zu diesem Thema leider eine Menge Unsinn geschrieben, die sich einer illusorischen Einschätzung der Lage verdankt, vor allem, was die faktische Entscheidungsgewalt des Staatsvolkes betrifft, über die Sie offenbar ähnliche Vorstellungen hegen.

  33. Gardeleutnant

    vollkommen unrealistischen „Rückführungsprogramme“

    Verzeihung, Hannibal, aber das ist Unsinn. Die historische Erfahrung lehrt, daß die politische Gesamtsituation eines Landes sich innerhalb weniger Jahre drastisch ändern kann. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, daß man in Belgien ernsthaft über den Zerfall des Staates würde reden müssen? Wer hätte wenige Jahre vor dem Friedensschluß in Nordirland oder wenige Monate vor dem Zusammenbruch der DDR damit gerechnet? Ist die Situation zu drückend, gibt es einen Knall. Und wenn genügend „Druck von rechts unten“, wie Dr. Weißmann sagte, vorhanden wäre, dann flögen die Ausländer hier schneller raus als sie gucken könnten. Alles eine Machtfrage!

  34. Sebastian

    @ Gardeleutnant
    Von rechts unten wird vermutlich kein „Druck“ kommen; Weißmann überschätzt 1. die Situation in der Schweiz erheblich, auch da werden andere Fakten geschaffen, krawallig-populistische Tropfen auf den heißen Stein bringen auch zwischen Bergen wenig und 2. Ist die Situation in der BRD ganz anders, nicht zuletzt durch Sonderregelungen wie die Feindstaatenklausel etc. Alles hinlänglich bekannt. Ich kann ihn ja verstehen; ich kann verstehen, dass ihn die entwaffnend-naive Entgegnung seiner Gastgeberintief berührt und vielleicht ein wenig elektrisiert hat, wär bei mir sicher ähnlich gewesen. Aber der Artikel hätte dann doch (weißmanntypisch) in der Nachlese etwas kritischer sein können, denn über die verinnerlichte demokratische Tradition der Schweiz weiß ja ohnehin jedes Kind bescheid. Der Erkenntnisgehalt dieser Anekdote war gering.

  35. Nik

    No Fags?
    Musste das sein?
    Der Blog gefällt mir eigentlich sehr gut!Mal schauen…

    M.L.: Das spielt auf Donovans Positionierungen an. Siehe: http://www.jack-donovan.com/androphilia/androphilia-the-book/

  36. Harry

    @ Martin Lichtmesz

    Verstehe ich Sie richtig:

    Sie werfen einigen Leuten vor, dass diese nicht tun, was sie auch gar nicht tun sollen; bzw. konkret formuliert: Sie kritisieren, dass ein Teil (nicht alle, wie Sie unterstellen) der deutschen Nationalspieler mit Migrationshintergrund die deutsche Nationalhymne nicht mitsingen, obwohl sie das – da keine ethnischen Deutschen – dies auch gar nicht tun sollen!? Was den nun?

    Weiter: Sie denken/argumentieren in ethnischen Kategorien, WEIL sie annehmen, dass die Migranten („Millionen Menschen“) in „völkischen Prämissen“ denken!?

    Eine „illusorische Einschätzung der Lage“ von Herrn Böcker? Hm… Ist das wirklich so offensichtlich? Sehen nur Sie (und ein paar wenige sonst) was allen anderen entgeht?

    Verstehen Sie mich nicht falsch, die Fragen sind nicht spöttisch gemeint. Ich will einfach nur verstehen, warum manche Menschen (die ich für intelligent halte), die Wirklichkeit anders sehen als ich. Wenn ein Ideologe etwas anderes sieht – ok, der hat eben eine andere Brille.

    Aber Menschen, welche sich an den Phänomenen orientieren, müssten doch zumindest zu ähnlichen Ergebnissen kommen, oder?

  37. Ijon Tichy

    @Hannibal
    Die turbulenten Ereignisse im 20. Jahrhundert lehren sehr wohl, daß Rückführungsprogramme so unrealistisch nicht sind.

    Gerade von den Völkerschaften des Ostens läßt sich da viel lernen – man muß nur die Gunst der historischen Stunde abwarten und schon ist es völlig egal, ob Leute seit zwei bis drei Generationen oder seit gut 1000 Jahren an einem bestimmten Ort lebten, ob diese Orte mehrheitlich von den zu Rückzuführenden bewohnt waren oder nicht.

    Wenn die Stunde schlägt heißt es im humanen Falle: „6 kg Gepäck pro Nase und in einer halben Stunden auf dem Bahnhof“.

    Solches hat unser Kontinent doch längst gesehen – möglich ist also allerhand.

  38. Sugus

    @ Hannibal
    Wir sollten nicht vergessen, daß die „vollkommen unrealistischen Rückführungsprogramme“ einmal offizielle Politik waren, unter Kohl, Anfang der 80er Jahre.
    Im übrigen: was hätten Sie einem Algerier erzählt, der 1930 von einem franzosenfreien Algerien träumte? Was einem Inder, der um die gleiche Zeit von einem britenfreien Indien träumte? Was ist realistischer:
    daß 3 Millionen Türken in D türkische Exklaven errichten oder daß 65 Millionen Deutschen in dieser Frage mal der Kragen platzt?

  39. @Harry:

    1. Das Nationalteam ist eine Angelegenheit der Repräsentanz, und sollte eine Ehre für jeden Teilnehmer sein. Natürlich soll jeder, der im Nationalteam mitspielt, auch die Hymne mitsingen, ob ethnischer Deutscher oder nicht. Da könnten die Eingebürgerten dann auch zeigen, daß sie mehr sind und sein wollen als bloße Paßdeutsche. So zeigen aber eben genau das nicht – im Gegenteil –, und das offenbar mit voller Absicht. Dergleichen kann auch recht kompliziert zugehen: Klose und Podolski sind „ethnische Deutsche“ (Schlesier), aber ihre Loyalität scheint offenbar stärker Polen zu gehören.

    Grundsätzlich ist jede Nation bis zu einem gewissen Grad offen und dynamisch. Die weitere Frage ist nun aber, ab welchem Punkt das Mehrheiten-Minderheiten Verhältnis kippt, und eine Integration nicht mehr möglich ist, ohne die Substanz und Einheit der Nation zu gefährden. Ein deutsches Nationalteam, das nur mehr aus Schwarzen bestünde (wie es beinah schon bei den Franzosen der Fall ist), die aber insbrünstig alle drei Stophen der Deutschlandhymne singen, wäre eine genau so absurde Vorstellung, wie ein japanisches Team aus skandinavischen Hünen (oder aus Schwarzen). Da stimmt einfach das Verhältnis Repräsentierende-Repräsentiertes nicht mehr.

    2. Ich denke in „ethnischen Kategorien“, weil diese nun einmal für die Identität und das Selbstverständnis der Menschen und deren politische Willensbildung eine entscheidende Rolle spielen, und zu den tradierten (historischen wie theoretischen) Grundlagen des demokratischen Nationalstaats gehören (Ius sanguis).

    Was die „Migranten“ betrifft, so werden Sie etwa nur äußerst selten einen Türken treffen, der nicht „völkisch“ denkt und fühlt. Das gilt auch und besonders für die vom türkischen Paß und Nationalismus „verschütteten“ Türken, die armenischer und kurdischer Abstammung sind. Dieser haben ein sehr genaues „völkisches“ Gedächtnis.

    3. Böcker: Ausführliche Antworten gab es von Kubitschek, Hinz, Wiesberg und mehrfach von mir. Entscheiden Sie, wer recht hat:
    http://www.dasgespraech.de/?p=1824

    4.

    „Menschen, welche sich an den Phänomenen orientieren, müssten doch zumindest zu ähnlichen Ergebnissen kommen, oder?“

    Tja, das denke ich mir auch immer. Schön wärs. Dann wäre ein „government by discussion“ auch möglich. Aber in Wirklichkeit wird eben „Ich sehe etwas, was Du nicht siehst“ gespielt, werden die Phänomene unterschiedlich interpretiert, unterschiedliche Kontexte und Kausalitäten angenommen, nach Interessenslagen und Perspektiven gefiltert… es gibt tausende Wege zu unterschiedlichen Ergebnissen zu kommen. Es kommt auch auf die sich orientierenden Kapazitäten dessen an, der die Phänomene wahrnimmt. Aber in unserem speziellen Fall sind die Ergebnisse von Böcker und mir gar nicht so weit entfernt, sondern durchaus „ähnlich“. Das Gleiche gilt für die oben angeführten Repliken.

  40. Hannibal

    @ Sugus et Ijon Tichy
    Ich sagte ja nicht, dass Rückführungsprogramme als solche unmöglich wären. Sie dürften nur unter den gegebenen Umständen (die sich im großen und ganzen die entscheidenden nächsten Jahre halten dürften) wenig erfolgversprechend sein. Die von Ihnen angesprochenen, i.Ü. kurzfristig angelegten, gesetzlichen Maßnahmen der Kohl-Regierung waren ja leider auch nicht von durchschlagendem Erfolg. Und von „Rückführungs“programmen ala Jugoslawien bzw. Kosovo wollen SIe doch nicht ernsthaft sprechen, oder?
    Wogegen ich mich nur wende, ist das typisch rechte Hoffen auf den großen Knall, die große Umwälzung, die den eigenen Ideen endlich zum Erfolg verhilft. DIES halte ich für unrealistisch. Ich erwarte da eher eine schleichende Brasilianisierung mit dem Unterschied, daß sich die unteren/dunkleren Brasilianer wenigstens auch als Brasilianer betrachten.
    Und im Ernst:
    Was ist realistischer:
    daß 3 Millionen Türken in D türkische Exklaven errichten oder daß 65 Millionen Deutschen in dieser Frage mal der Kragen platzt?

    Ich befürchte beim Weiterlaufen der gegenwärtigen ünterwürfigen „Integrations“politik: Ersteres.

  41. Zitat Lichtmesz:
    „Aber in unserem speziellen Fall sind die Ergebnisse von Böcker und mir gar nicht so weit entfernt, sondern durchaus „ähnlich“. Das Gleiche gilt für die oben angeführten Repliken.“

    Dem ist tatsächlich so. Kein Grund nicht zu streiten.

  42. Pat Bateman

    Rückführungsprogramme sind natürlich nicht per se unmöglich. Doch muß man auch klar dazu sagen, diese Bundesrepublik wird schon in wenigen Jahren gar nicht mehr in der Lage dazu sein, so etwas umzusetzen. Dazu wäre eine junges, vitales und geistig freies Volk notwendig. Man kann zwar auch weiterhin davon träumen, und historische Vergleiche bemühen. Alldieweil die Verhältnisse gehen über solche Phantasien mitleidlos hinweg.

  43. Harry

    @ Martin Lichtmesz

    In der Tat, es gibt tausend Wege, zu unterschiedlichen Ergebnissen zu kommen.

    Gleichwohl sehe ich auch die Phänomene, dass ein Cacau kein Problem mit der deutschen Nationalhymne hat, dass es durchaus Staaten mit multiethnischen (und natürlich auch multisprachlichen oder -religiösen) Bevölkerungen gab und gibt, dass die „ethnische Kategorie“ eben nicht ausschließlicher Pate für das Selbstverständnis der Menschen, der politischen Willensbildung und der demokratischen Staatswerdung war usw.

    M.L.: Diese Art von Staat ist im demokratischen Zeitalter aber eher die Ausnahme, und ist bisher fast immer schiefgelaufen, zum Teil in entsetzlichen Blutbädern untergegangen. Von der Tschechoslowakei über Jugoslawien und die UdSSR bis zu Südafrika. Nicht zu vergessen den immergrünen Separatismus der Basken, Katalanen, Flamen/Wallonen, Südtiroler etc. etc. Auch die USA stehen inzwischen vor wachsenden ethnischen Spannungen (besonders durch hispanische Einwanderung), die auf einen kritischen Punkt zusteuern. Allenfalls traditionsstarke, geographisch günstig gelegene Kleinstaaten wie die Schweiz können sich einen gewisse Heterogenität leisten, die aber regional verteilt ist. Deutschland in ein multiethnisches oder gar multisprachliches Land zu verwandeln, ist ein riskantes, hochgefährliches Element, und natürlich wird dann nicht mehr viel von dem, was Deutschland historisch war und ist, übrigbleiben.

    Das wissen und sehen Sie auch.

    Und trotzdem setzen Sie (und einige andere von mir geschätzte Personen) auf den „ethnischen Holzhammer“, um damit das ausdifferenzierte und feingliedrige Pflänzchen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zurechtzubiegen und in eine bestimmte Form zu pressen.


    M.L. Wo ist hier bitte ein „Holzhammer“? Die Grundlagen des demokratischen Nationalstaates dürfen nicht preisgegeben werden. Das Ergebnis wird fatal sein. Ich kann niemandem helfen, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, oder die Wiese nicht vor lauter zarten Kleeblättchen. Im „gesellschaftlichen Zusammenleben“ hat sich eine Flora ausgebildet, die als alles andere als „Pflänzchen“ zu bezeichnen ist, Baumstämme oder Dornenhecken wäre da schon treffender.

    Liegt dies womöglich nur an einer unterschiedlichen Gewichtung der Phänomene? Vielleicht.

    M.L. Cacau tut nur, was selbstverständlich ist. Wenn er für Sie den Rest aufwiegt, bitte. Aber logisch begründen können Sie das nicht.

    Viel interessanter finde ich aber die Frage, ob die Ergebnisse letztlich tatsächlich „ähnlich“ sind, wenn Martin Lichtmesz ethnische Trennlinien sieht und Martin Böcker das Bekenntnis zur Nation hervorhebt. Sie sehen sicherlich beide ähnliche Phänomene – doch die Folgerung daraus, wer „uns“ sein soll, ist keineswegs ähnlich.

    M.L.: Natürlich ist das „uns“ ähnlich. Böcker sieht einfach die faktische Integrationsfähigkeit der heutigen Nation und ihres Mehrheitsvolkes (so muß man inzwischen schon sagen – auch ein Symptom) viel optimistischer. Der Rest ist nüchterne Statistik und Demographie, das steht jenseits aller Debatte. In diesen Prozessen entscheidet sich das „Uns“ von selbst, ohne irgendwelche Lichtmesze und Böckers.

  44. Nik

    Vielen Dank, Herr.Lichtmesz

  45. Harry

    @ Martin Lichtmesz

    Ich versuche mich kurz zu fassen.

    Die Staatenwelt ist immer im Fluss. Auch ethnisch homogene Nationalstaaten bleiben nicht gleich.

    Ob ein ethnisch homogenes und nationalbewusstes Deutschland in der Mitte Europas eine geringere Gefahr ist als ein multiethnisches Deutschland halte ich zumindest für diskussionswürdig.

    M.L.: „Gefahr“ für wen oder was?

    Den „Holzhammer“ sehe ich in Ihrer „ethnischen“ Prämisse. In die Praxis umgesetzt, hätte diese eben gewissen Konsequenzen; Hannibal hat ja oben einige mögliche Beispiele genannt.

    Das „feingliedrige Pflänzchen“ hat zweifellos auch Dornen und Stacheln. Ob man es wuchern lässt, pflegt und vorsichtig zurechtschneidet oder wie einer Berserker mit der Heckenschere wüten will, das sind die grundsätzlichen Optionen.

    Natürlich tut Cacau das, was selbstverständlich ist. Er passt sich an die Gepflogenheiten einer Solidargemeinschaft (hier: einer Fußballmannschaft, nicht der Bundesrepublik!) an.

    M.L.: Die widerspenstige Nationalelf gehört sozusagen durch den Cacau gezogen. Sorry, irgendwo mußte ich diesen Kalauer endlich anbringen. ;)

    Ob es für jemandem mit Migrationshintergrund selbstverständlich ist, sich in Deutschland heimisch zu fühlen, wenn eine attraktive geistige Leitkultur fehlt und ihn gewisse Gruppen (auch Linke natürlich) zu oft erklären, er wäre Ausländer und müsse gefördert/herausgestellt/ausgewiesen werden, ist m.E. eine Frage der persönlichen Wahrnehmung.

    M.L.: Das ist etwas anderes. Das geht der Aufnahme in die Nationalelf natürlich voraus. Daß hier von „Selbstverständlichkeit“ nicht die Rede sein kann, ist keine „Frage der persönlichen Wahrnehmung“, sondern common sense (sage: Das kann so nicht funktionieren).

    Integrationsfähigkeit…. hm. Herr Lichtmesz, sind Sie sich eigentlich sicher, dass Sie sich in DIESE Bundesrepublik integrieren wollen?

    M.L.: Trotz anderslautender Gerüchte über meinen Assimilierungsgrad betrachte ich meine Integration als abgeschlossen. ;) Gegen eine zumindest territorial nach Süden hin erweiterte Bundesrepublik hätte ich nun auch nichts einzuwenden.

    Aber Pardon, von wegen kurz gefasst…

    Nur noch ein letzter Gedanke: Ist das Problem vielleicht nicht einfach darin zu suchen, dass man sich zu sehr auf ein Feindbild stürzt und zu wenig das EIGENE betont und fördert?

    M.L.: Meine Rede, aber umso mehr das Eigene hervortritt, umso stärker wird einem auch das Nicht-Eigene, Fremde bewußt. Da muß man überhaupt nicht von „Feindbildern“ reden, was etwas anderes ist.

  46. Harry

    @ Nachteule

    Ok, mein letzter Streich (auch auf die Gefahr hin, dass auch dieses Posting wieder mit Wiener Schmäh auseinander gerissen wird).

    Jedenfalls bin ich begeistert, mit einem vollintegrierten Bundesbürger zu diskutieren!

    M.L.: Eingebürgert bin ich noch nicht, und an meiner sprachlichen Integration haperts auch noch etwas. ;)

    Dann brauche ich Ihnen ja eigentlich nicht zu erklären, welche Gefahren durch homogene Nationalstaaten drohen, eben weil sie ihre Homogenität bewahren oder ausweiten wollen (für Minderheiten, föderale Strukturen, in Beziehung zu Nachbarstaaten wegen Gebietsstreitigkeiten oder wegen der bedrohten Minderheit im Nachbarland die geschützt werden muss, uswusf).

    M.L.: Nach innen ist der homogene Staat jedenfalls stabiler, nach außen durchsetzungsfähiger. Daß Konflikte bestehen bleiben, ist nicht aus der Welt zu schaffen. Das hat der Herrgott so eingerichtet. Konflikte mit Minderheiten (religiösen etwa), Gebietsstreitigkeiten, Zentralismus-Föderalismus-Probleme etc. finden sich auch nicht weniger in multinationalen Staaten (z.B. der Habsburger-Monarchie).

    Und ich finde es immer interessant, wenn homogene Nationalstaaten (mit Zubehör) als unabdingbares Muss angepriesen werden. Ob diese Mode des 19/20ten Jahrhunderts auch die nächsten Jahrhunderte beherrscht, wird sich zeigen. Die menschliche Kreativität hat im Laufe der Geschichte eine Vielzahl von Formen des Zusammenlebens entwickelt, mal sehen, was die Zukunft bringt.

    Thema Cacau…

    a) Nachtrag zu Ihrer Einlassung, ich könne nicht logisch begründen, warum er „den Rest“ aufwiegen soll. Nun, das soll er gar nicht. Ich habe ja ausdrücklich festgestellt, dass es mich bei diesen Rahmenbedingungen wundert, dass sich überhaupt jemand in dieser Form zu Deutschland bekennt. Cacau ist ein Phänomen dafür, was möglich wäre. Andere Beispiele wären Leute wie der Berliner Rapper Massiv (Sie treffen ihn vermutlich des öfteren in Berlin um die Ecke beim Dönermampf, right?), der nach einem Besuch in seiner vermeintlichen Heimat Libanon sehr nachdenklich geworden ist… Oder Samy Deluxe, bei dem weniger als bei dem eben genanntem wirtschaftliche und sicherheitstechnische Fragen die Geburtshelfer seiner Identifikation mit Deutschland waren.

    M.L.: Aber bedenken Sie, daß sich mit einem Bekenntnis zu „Deutschland“ auch eine Art von Besitz- und Okkupationsansspruch verbinden kann. Übertragen auf Frankreich siehe z.B. Diam’s Song und Video „Ma France à moi“: http://www.youtube.com/watch?v=mppFev3Q9sM

    b) Selbst ein Neonazi wie Christian Worch hat einmal von einer Solidargemeinschaft mit türkischen Mithäftlingen im Knast gesprochen. Übertragen auf die Nationalelf will ich damit sagen, dass Solidarität doch vorrangig in kleinen (manchmal temporären) Gemeinschaften gelebt wird, bei denen die ethnische Frage doch sekundär ist (wenn überhaupt). Wenn das Singen der Hymne in dieser Gemeinschaft für das Gemeinschaftsgefühl verzichtbar ist, sind die Gesangsverweigerer nicht das Problem.

    M.L.: Nun, die Türken haben nicht gesagt: wir sind alle Knastis, wir müssen zusammenhalten. Sondern: wir sind alle Türken, wir müssen zusammenhalten.

    Auf einer anderen Ebene stellt sich die Frage, ob das Singen der Hymne bei dem gemeinschaftsstiftenden Event Fußball-WM notwendig ist. Mein bescheidener Eindruck: Den meisten ist es egal, ob alle mitsingen.

    c) Und abgesehen davon, selbst wenn einige von den Jungs jetzt noch nicht mitsingen: Das kann ja noch kommen, oder? Österreich ist auch nicht an einem Tag heim ins Reich geholt worden.

    M.L. Die Bewegung ist umgekehrt. Früher haben sie gesungen, heute nicht mehr, und morgen wohl noch weniger.

    d) Wie auch immer: Das Thema führt zu der Frage, ob die Integration der Migranten in Deutschland unter welchen Umständen gelingen kann. Und da stellen sich eben Fragen der Leitkultur, der Akzeptanz usw.

    Jedenfalls stelle ich mit Blick auf die „Phänomene“ fest: es ist grundsätzlich möglich.

    Warum nicht mit Zuckerbrot und Peitsche, mit verlockenden Angeboten und eigenem aufnahmebereiten Stolz versuchen, was möglich ist? Aussondern gehört natürlich mit dazu: kriminelle Ausländer, ausländische Dauertransferleistungsempfänger, Neonazis, Claudia Roth usw… Ich stelle Ihnen gerne eine Liste auf :D

    Aus Ihren Texten lese ich heraus, dass sich die Migranten in etwas integrieren sollen, was von Ihnen immer wieder heftig angegriffen und kritisiert wird, und was – die Vermutung liegt nahe – Sie auch nicht für integrationswürdig halten. Ich verstehe es nicht. Oder ist es gar nicht logisch begründbar? 8)

    M.L.: Lesen Sie noch einmal. Deutschland ist immer noch mehr als die BRD in ihrer jetzigen Verfassung (pun intended). Mit einem Federstrich oder Schwammwischer sind weder die Einwanderer noch der Claudia-Rothismus von der Bildfläche beseitigt. Daß auch in einem nicht-rothischen Deutschland viele Menschen integriert werden müssen, weil es unmöglich ist, alle heimzuschicken, ist wohl eine Unumgänglichkeit. Man muß dort anfangen, wo man steht, und da sollte prinzipiell geklärt werden, ob die Nation substanziell nicht doch mehr ist und mehr sein muß, als das tautologische „Die Nation ist die Intergration“ (Schäuble).

    Mir wäre es jedenfalls lieber, Herr Lichtmesz, Sie würden wieder über Filme, Comics etc. schreiben. Politic sucks!!!

    Gute Nacht. Und wenn ich wegen Ihnen jetzt von Claudia Roth träume, gibt es Ärger!!!

    PS: Ach, und warum werden eigentlich sinnlose Jubelperserkommentare (siehe Nik) freigeschaltet? Ich bin fast versucht, mir unter anderem Namen selbst zuzujubeln ;)

  47. Georg Bernson

    Besonders dem, was Sie zum Überstrapazieren von schwarz-rot-gold und zur Identifikation „unserer“ Nationalspieler mit der Fahne gesagt haben kann ich mich nur anschließen.

    Das trifft sicherlich auf viele Mannschaften zu und ist nichtmal ein genuin europäisches Phänomen. In der Nationalmannschaft von Paraguay z.B. spielen 3 gebürtige Argentinier, einer davon (Lucas Barrios) wurde erst kürzlich eingebürgert. Die Liste ist endlos.

    Dies nur als Ergänzung. Der Artikel spricht mir als Fußballfreund und Patrioten sehr aus dem Herzen!

  48. Harry

    @ Martin Lichtmesz

    Ich stimme Ihnen zu: In ethnisch homogenen Staaten gibt es weniger ethnische Konflikte. Das ist aber kein Grund für Langeweile. Es gibt viele Gründe, sich zu streiten.

    Gleichwohl ist es natürlich alles andere als erfreulich, wenn z.B. hier lebende und geborene ethnische Türken für die Interessen des türkischen Staates eintreten. Das tun sie aber nicht, weil sie ethnische Türken sind, sondern weil sie sich mit dem hiesigen Gemeinwesen nicht identifizieren (können).

    Genau wie Sie. Deutschland ist mehr als die BRD? Hm, und wo oder was ist dann dieses mystische Deutschland? Ist das „Geheime Deutschland“ womöglich zwischenzeitlich so geheim, dass es niemand mehr findet?

    Tatsächlich gibt es nur ein Deutschland, und das ist die Bundesrepublik. Was spricht dagegen, da anzufangen, „wo man steht“? Man kann sich ja überlegen, welches „Leitbild“ man ansteuert, gut. Doch dann sollte man mit den Beständen rechnen und nicht versuchen, der Realität ein theoretisches Konstrukt und einen erdachten Idealzustand überzustülpen.

    Ich verstehe Ihren „völkischen Eiertanz“ (bzw. das Gedankenkonstrukt und deren Grundlagen, die Sie mir zu erklären versucht haben) ehrlich gesagt nicht. Muss ich auch nicht.

    Trotzdem finde ich Ihre Idee eines innen stabilen und außen durchsetzungsfähigen Staates sehr interessant. Innen Teletubbies-Welt und außen spartanische Phalanx? Das hat was.

    Trotzdem ziehe ich mich doch lieber wieder auf mein Sofa zurück, um die Phänomene passiv zu beobachten. Weil, wie ein Deutschtümler sagen würde: Politik saugt!!!

    Winke winke ;)

    PS: Wie wäre es mal mit einem Text über David Cronenberg aus Ihrer Feder? Würde mir gefallen.

  49. Harry

    @ Martin Lichtmesz
    Ich stimme Ihnen zu: In ethnisch homogenen Staaten gibt es weniger ethnische Konflikte. Das ist aber kein Grund für Langeweile. Es gibt viele Gründe für, sich zu streiten.

    M. L.: Eben. Darum braucht man ethnische Konflikte nicht auch noch auf das eigene Staatsgebiet zu importieren, wenn man schon das Glück hat, sie nicht zu haben.

    Gleichwohl ist es natürlich alles andere als erfreulich, wenn z.B. hier lebende und geborene ethnische Türken für die Interessen des türkischen Staates eintreten. Das tun sie aber nicht, weil sie ethnische Türken sind, sondern weil sie sich mit dem hiesigen Gemeinwesen nicht identifizieren (können).


    M.L.: Was erwarten Sie denn? Es ist völlig natürlich, wenn ein großer Teil der Türken in Deutschland auf Erdogan statt auf Merkel guckt. Und das nicht nur, weil Erdogan weniger windelweich und selbstverleugnend auftritt. Möglicherweise können sie sich auch deswegen mit dem „hiesigen Gemeinwesen“ nicht identifizieren, weil man seine ethnisch-kulturelle (was man ja nicht trennen kann wie die Schichten einer Oblatentorte) Herkunft nicht einfach ausziehen und wechseln kann wie einen Schuh. Und wenn ich nur mehr von Leuten umgeben bin, die so aussehen, sprechen, denken, beten, essen und eine ähnliche Geschichte haben wie ich, dann ist die Entscheidung, mit was man sich „identifiziert“ quasi von selbst abgenommen.

    Genau wie Sie.
    M.L.: Nein, eben nicht genau wie ich. Kein Türke hat ein Interesse an einem stärkeren, nationalbewußteren Deutschland mit mehr Anpassungsdruck, in das er sich dann freudig assimilieren würde.

    Deutschland ist mehr als die BRD? Hm, und wo oder was ist dann dieses mystische Deutschland? Ist das „Geheime Deutschland“ womöglich mittlerweile so geheim, dass es niemand mehr findet?

    M.L.: Da ist nichts Mystisches dran. Deutschland als historische Größe ist vor allem gemeint. Das, was als Substanz bleibt, während sich Verfassungen, Staaten, Herrscher abwechseln. Alles, was hinter der Mauer von 1949 liegt und von mir aus bis zu Tacitus reicht. Das finden sie in jedem Geschichtsbuch, sogar der BRD.

    Es gibt nur ein Deutschland, und das ist die Bundesrepublik.

    M.L.: Haha. Das sieht man in Dresden und Leipzig aber anders. Und nicht nur dort.

    Was spricht dagegen, da anzufangen, „wo man steht“? Man kann sich ja überlegen, welches „Leitbild“ man ansteuert, gut. Doch dann sollte man mit den Beständen rechnen und nicht versuchen, der Realität ein theoretisches Konstrukt und einen erdachten Idealzustand überzustülpen.

    M.L.: Meine Rede. Aber nicht vergessen, die Bestände, die in den Ecken vergammeln, heraufzuholen.

    Ich verstehe Ihren „völkischen Eiertanz“ (bzw. das von Ihnen präsentierte Konstrukt und dessen theoretische Grundlagen) ehrlich gesagt nicht. Dieser ständige Wechsel zwischen ethnischen und kulturellen Argumenten, Motiven, Beobachtungen usw. Muss ich auch nicht. Ohne Ironie gesprochen: Ist ja vielleicht auch einfach nur als freies assoziieren gedacht und erfüllt insofern seinen Zweck.

    M.L.: Was für ein Unfug. Das hat überhaupt nichts mit „freiem Assoziieren“ zu tun. Sondern mit einer präzisen Beschreibung der Realität und den Lektionen der Geschichte. Statt tatsächlich einer „Phänomenologie“ zu folgen, substrahieren sie abstrakte Begriffe. Ich verstehe Ihren reichlich gespreizten Eiertanz um das Wörtchen „ethnisch“ nicht, ganz so als wäre dieser Begriff bähbäh und müßte man ihn mit Fingerspitzen anfassen. Ganz so, als ob das, was damit gemeint ist, in den 200 Jahren des europäischen Nationalstaats der Neuzeit bis in unsere Tage hinein keine Rolle gespielt hätte. Haben sie denn noch nie etwas vom Begriff des „ius sanguis“ in der Staatsbürgerlehre gehört? Die Trennung ethnisch-kulturell, als handele es sich um die Basis-Überbau-Schichten einer Oblatentorte, die man wie Legosteine auseinander nehmen könnte, existiert in dieser Form nicht, und hat auch niemals nirgends so existiert. Genausowenig übrigens, wie man das Kulturelle und das Ethnische vom Geographischen abtrennen kann. Insofern findet hier kein „Wechsel“ des Arguments statt, ganz im Gegenteil. Wie Bundeskanzler Kreisky zu sagen pflegte: Lernen’s Geschichte.

    Trotzdem finde ich Ihre Idee eines innen stabilen und außen durchsetzungsfähigen Staates sehr interessant.


    M.L.: „Interessant“ finden Sie das? Soso. Und nach innen unstabile und nach außen durchsetzungsschwache Staaten finden Sie wahrscheinlich „spannend“?

    Innen Teletubbies-Welt und außen spartanische Phalanx? Das hat was! :D

    M.L.: Was Teletubbies mit innerer Stabilität zu tun haben, das wissen wohl nur Ihre phänomenologischen Filter.

    Trotzdem ziehe ich mich doch lieber wieder auf mein Sofa zurück, um die Phänomene passiv zu verfolgen. Weil, wie ein Deutschtümler sagen würde: Politik saugt!!!

    Winke winke ;)

    PS: Wie wäre es mal mit einem Text über David Cronenberg aus Ihrer Feder? Würde mir gefallen.

  50. Harry

    Immer locker bleiben.

    M.L.: Tut mir leid, Harry, aber der Rest Ihres Kommentars hat den Qualitäts-Spam-Filter leider nicht mehr passiert. Er war offenbar zu intelligent und zu geistreich für dieses Blog. Tja, wo Perlen sind, sind eben auch Säue. Ist nur zu Ihrem Besten. Und zu meinem auch: langsam komme ich mir vor wie in der Sonderschule.

  51. Sugus

    @ Harry

    „Gleichwohl ist es natürlich alles andere als erfreulich, wenn z.B. hier lebende und geborene ethnische Türken für die Interessen des türkischen Staates eintreten. Das tun sie aber nicht, weil sie ethnische Türken sind, sondern weil sie sich mit dem hiesigen Gemeinwesen nicht identifizieren (können).“
    Was müßte denn gegeben sein, damit sie sich identifizieren können?
    Außerdem identifizieren sie sich doch mit bestimmten „Gemeinwesen“ – solange sie nur das Wort „Deutsch“ dabei nicht aussprechen müssen. „Ich bin Berliner, Ich bin Neuköllner“ – fragt sich nur, ob diese lokale Identifikation auch den größeren Staat mittragen kann…

  52. Harry

    @ Martin Lichtmesz

    Mein Kommentar hat wohl weniger einen Qualitäts-Spam-Filter als Ihren Ego-Selbstdarstellungs-Filter nicht passiert. Ihr letzter Kommentar beantwortet trotzdem einige Fragen, die mir Ihre Ausführungen zu dem Thema bisher nicht beantworten konnten. Danke.

    M.L.: Putzig! Na, wenn Ihnen das hilft, über das Trauma hinwegzukommen…

    @ Sugus

    Ein interessanter Aspekt, ob die lokale Identifikation den größeren Staat mittragen könnte. Jedenfalls beschäftigt mich die gleiche Frage wie Sie, was den gegeben sein müsste, damit sich Migranten mit unserem Staat identifizieren können (und „wir“ uns gleichzeitig nicht selbst aufgeben).

    Meine Position ist eben, dass eine ethnische Komponente in einer Leitkultur eine Identifikation für solche Menschen unmöglich macht.

    Dazu sind m.E. zudem vitale, selbstbewusste Elemente in einer solchen Idee notwendig, ohne Schuldkomplexe und mit einer positiven Erinnerungskultur. (Flankiert natürlich von entsprechenden Lehrplänen, Denkmälern, Feiertagen, Einbürgerungsfeiern und gewissen Hürden bei der Einbürgerung.) So in etwa. Das kann man nicht am grünen Tisch planen und ich kann es auch nur skizzieren. Aber meine These ist, dass es in diese Richtung gehen wird, einfach weil alle anderen Möglichkeiten (die ich in meinem Kommentar von 12.06.2010 angerissen habe) in diesem Land keine Identität mehr stiften könnten.

    Oder sehen Sie eine andere Möglichkeit?

  53. Faschist

    @harry

    „Ein interessanter Aspekt, ob die lokale Identifikation den größeren Staat mittragen könnte.“

    Wie soll das bitte gehen?
    Meines Erachtens war das eine rein rethorische Frage von Sugus; ausschließlich lokale Identitäten machen einen Staat im Extremfall unregierbar, die lokale Identität muss immer in den größeren Kontext einer gesamtstaatlichen Identität eingebettet sein.

    „Meine Position ist eben, dass eine ethnische Komponente in einer Leitkultur eine Identifikation für solche Menschen unmöglich macht.“

    Lichtmesz hat es doch mehrmals auf den Punkt gebracht: die ethnische Zugehörigkeit zur Nation ist ein Faktor unter anderen, die gemeinsam die Staatsidentität hervorbringen.
    Und es macht auch keinen Sinn, darüber zu diskutieren, ob das sinnvoll ist oder verwerflich oder sonstwie, es ist ganz einfach Fakt.
    Dass die ethnische Komponente aber nur eine unter mehreren ist – Kultur, Religion, Sprache – ist auch klar, dass Einwanderung nicht per se abzulehnen ist.
    Auch hier stellt Lichtmesz eindeutig heraus, dass die Quantität – und wie ich hinzufügen möchte, die Qualität – der Immigranten von ausschlaggebender Bedeutung ist.
    Beispiele für gewinnbringende Zuwanderug finden sich geschichtliche viele, etwa die Deutschen in Russland oder die Hugenotten in Preußen.

  54. Harry

    @ Faschist

    Bzgl. „lokaler Identifikation“: wenn sich jemand nicht mal in einer deutschen Heimatregion wohlfühlt, fehlt ihm in jedem Fall der Bezug zu ganzen Land. Gibt es dazu mehr zu sagen?

    Niemand hat hier abgestritten, dass bei der Zuwanderung die Quantität (und die Qualität) Berücksichtigung finden müssen, um Verwerfungen zu vermeiden.

    Und dass die ethnische Zugehörigkeit zu einer „Staatsidentität“ gehören KANN streite ich ja nicht ab. Kann – aber nicht muss.

    Darum geht es aber (bei dieser Diskussion): Versucht man, eine deutsche „Staatsidentität“ zu bewahren, indem man

    a) alle Migranten separiert oder

    b) sie tlw. integriert und teilweise separiert.

    Definiert man die ethnische Zugehörigkeit als notwendige Bedingung für die „Staatsidentät“, bliebe nur Möglichkeit a.

    Ein anderes Thema ist aber doch die Frage, ob eine Zuwanderung gewinnbringend ist (kulturell, ökonomisch, …).

  55. Harry

    @ Faschist

    Bzgl. „lokaler Identifikation“: wenn sich jemand nicht mal in seiner deutschen Heimatregion wohlfühlt, fehlt ihm in jedem Fall der Bezug zu ganzen Land. Gibt es dazu mehr zu sagen?

    Niemand hat abgestritten, dass bei der Zuwanderung die Quantität (und die Qualität, bezogen auf einzelne Personen) Berücksichtigung finden müssen, um Verwerfungen zu vermeiden.

    Und dass die ethnische Zugehörigkeit zu einer „Staatsidentität“ gehören KANN streite ich ja nicht ab. Kann – aber nicht muss.

    Darum geht es doch (bei dieser Diskussion): Versucht man, eine deutsche „Staatsidentität“ zu bewahren, indem man
    a) alle Migranten separiert oder
    b) sie tlw. integriert und teilweise separiert.

    Definiert man die ethnische Zugehörigkeit nämlich als notwendige (!) Bedingung für die „Staatsidentät“, bliebe nur Möglichkeit a.

    Ein anderes Thema ist i.Ü. die Frage, ob eine Zuwanderung gewinnbringend ist (kulturell, ökonomisch, …).

    Bitte nicht noch ein Fass aufmachen…

  56. Okkupation, wie ich sagte:

    Die Flagge hänge dort „nicht wegen des Zweiten Weltkriegs, sondern wegen der deutschen Mannschaft: Weil die deutsche Mannschaft ja nicht mehr richtig deutsch ist; das ist ja Multikulti, wir gehören dazu”, erläuterte Bassal gegenüber der JF.

    http://www.jungefreiheit.de/Single-News-Display-mit-Komm.154+M5e7aa1001a3.0.html

  57. Harry

    Beides stimmt doch, oder?

    Mit einem Deutschland, welches die Zugehörigkeit zur Nation nicht an eine Ethnie bindet (hier: in Gestalt der deutschen Nationalelf), können sich auch Bassal & Co. identifizieren.

    Und – einverstanden – natürlich kann man das auch als „Okkupation“ sehen, nämlich als Verlust des „alten Deutschland“ (das i.Ü. womöglich bereits 1968 die letzte entscheidende Schlacht verloren hat ist) und als Anspruch der Neubürger an Teilhabe, an Gleichberechtigung usw.

    Eine Nation ist immer im Wandel und gerade Deutschland hat auch schon manchen Bruch in seiner Geschichte überlebt. Wird Deutschland multiethnisch, multikulturell, multilingual oder gibt es die „Auflösung aller Dinge“? Oder gibt es einen „roll back“ (wohin auch immer)?

    Was ist richtig und was ist überhaupt noch möglich?

    Und was ist von Menschen zu halten, die bei all diesen Dingen „Gewissheit“ haben, die wissen, was richtig und falsch ist?

    Nur bei der letzten Frage kenne ich meine Antwort ;)

    M.L.: Und was ist von Menschen zu halten, die nicht wissen, wer sie sind und was sie wollen und was sie besitzen; nicht wissen, wer sie sein sollen, was sie wollen sollen und was zu besitzen sie legitimen Anspruch haben; die sich somit von anderen definieren, dirigieren und enteignen lassen?

  58. Harry

    @ Martin Lichtmesz

    Ich kann jedes Wort Ihrer Anmerkung unterschreiben. Und bezogen auf die Ebene des Individuums, der Familie, der Nachbarschaft o.ä. kann man auch leicht feststellen, wer man ist und was man will. Doch wer ist „wir“ und was ist „Deutschland“ im Jahr 2010? Ist uns Bassal näher oder Claudia Roth? Wie steht man zu Migranten, die stolz auf Deutschland sind? Die für die deutsche Nationalelf spielen? Werden wir durch Migranten „enteignet“? Welche Raster („die Migranten“) können wir anlegen, ohne der Wirklichkeit Gewalt anzutun?… Viele offene Fragen, die ständig heiß diskutiert werden. Deswegen steht hier ganz oben auch völlig zu Recht „Zur Debatte“.

Diskussion geschlossen. :-)

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