Briefwechsel mit dem Schriftsteller Richard Wagner

Der Schriftsteller Richard Wagner hat in seinen Büchern Der deutsche Horizont und Es reicht. Vom Ausverkauf unserer Werte...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

jeweils auch einen Blick auf die Edi­ti­on Antai­os und das Insti­tut für Staats­po­li­tik gewor­fen – Grund genug für mich, ihn anzu­schrei­ben und um ein Gespräch zu bit­ten. Wir tra­fen uns in Berlin.

Es war ein leb­haf­tes Gespräch über die Lage der Nati­on und über Wag­ners Autor­schaft. Er ist seit eini­gen Mona­ten noch stär­ker gefragt als frü­her: Wag­ner war mit der Nobel­preis­trä­ge­rin Her­ta Mül­ler ver­hei­ra­tet, gemein­sam mit ihr ver­ließ er das Rumä­ni­en Ceauces­cus, wo er im Banat – in der Nähe Teme­schwars – gebo­ren wor­den war.

Wag­ner ist ein elo­quen­ter Beob­ach­ter der Zeit mit Nei­gung zum Feuil­le­ton-Kom­men­tar. Er lebt die­se Ader in Hen­ryk M. Bro­ders  Netz­ta­ge­buch “Ach­se des Guten” aus. Mir schrieb er in sei­nem Brief  5. März:

Es ist schwer gewor­den, ein Anlie­gen publi­zis­tisch öffent­lich zu machen. Man muß das Anlie­gen nicht nur dem Adres­sa­ten nahe brin­gen, man muß es auch am Jar­gon vor­bei schmug­geln. Das gelingt manch­mal, und manch­mal gelingt es nicht. Für bei­de Situa­tio­nen gibt es zahl­rei­che Grün­de. Man muß davon aus­ge­hen, daß fast alle, an die man sich wen­det, höchst gelang­weilt sind. So, als hät­ten sie das alles, und noch viel mehr, längst gehört und gewußt. Ihnen soll­te man es nicht recht machen wol­len. Das tat­säch­lich Neue an der Situa­ti­on ist, daß Kon­for­mis­mus und Non­kon­for­mis­mus nicht mehr von­ein­an­der getrennt erscheinen.

Die zwei Stun­den des Gesprächs in Ber­lin reich­ten nicht aus, wir setz­ten wir unse­ren Aus­tausch schrift­lich fort. In der Sezes­si­on 35 (April) ist nun ein Teil die­ses Brief­wech­sels abge­druckt. Es geht um die Fra­ge der Schreib- und Sprech­ta­bus, um die Bestim­mung der Frei­heit und um die Bedeu­tung des geschrie­be­nen Worts an sich. Ich stel­le hier mei­nen Ein­lei­tungs­brief frei und ver­wei­se auf die Druck­aus­ga­be, in der alles nach­zu­le­sen ist. Sie kann hier bestellt wer­den.

Schnell­ro­da, 9. II. 2010

Sehr geehr­ter Herr Wagner,

nach unse­rem guten und offe­nen Gespräch, für das ich mich sehr bedan­ke, möch­te ich einen Punkt auf­grei­fen, den wir – zu mei­ner Über­ra­schung – so en pas­sant bespra­chen, ohne merk­li­che Dif­fe­renz, son­dern so, wie man sich ein­mal rasch über die Spiel­re­geln auf dem Bolz­platz ver­stän­digt. Ich spre­che den Punkt auch unter dem Ein­druck der Lek­tü­re eines Bei­trags an, den Sie auf der „Ach­se des Guten“ ver­öf­fent­lich­ten: den über „Demo­kra­tie, (gro­ße) Lite­ra­tur und Mei­nungs­frei­heit“. Sie schüt­teln mei­ner Mei­nung nach mehr als zurecht den Kopf über die Nai­vi­tät der Zeit-Schrei­be­rin Julia Scho­ch, die ich hier noch­mals zitie­ren will, damit wir anknüp­fen können:

„Nichts mehr zu dele­gie­ren. Das faust­schüt­teln­de Flu­chen gilt kei­nem Staats­chef mehr, kei­ner über­mäch­ti­gen Väter­ge­nera­ti­on oder gar Gott. Wir: unser eige­ner Feind. Wo die jahr­hun­der­te­al­te Gän­ge­lung und Bedro­hung ver­schwun­den sind, das Indi­vi­du­um aus den Klau­en von Dis­zi­pli­nar­mäch­ten befreit wur­de und die Ver­pflich­tung zur Eigen­in­itia­ti­ve zur Regel erho­ben wird, ste­hen wir – selt­sam allein gelas­sen – nur noch uns selbst und unse­rem eige­nen Unver­mö­gen gegenüber.“

Nach der Lek­tü­re des Bei­trags und vor allem die­ser Zei­len von Julia Scho­ch war ich auch sofort über­zeugt, daß intel­lek­tu­el­les Glück­lich­sein bei ihr wohl in einer Mischung aus Beschränkt­heit des Vor­stel­lungs­ver­mö­gens und Wirk­lich­keits­ver­wei­ge­rung besteht. Ich bin mir also sicher, daß Frau Scho­ch wirk­lich kei­nen Begriff über den Zustand unse­res Lan­des im All­ge­mei­nen und über das Aus­maß der Gesin­nungs­kon­trol­le im Beson­de­ren hat. Wie auch? Sie scheint aber dar­über hin­aus auch nicht zu begrei­fen, daß sie mit die­ser Ende-der-Dring­lich­keit-Phi­lo­so­phie sich selbst und den Schrift­stel­ler an sich zum „Pau­sen­clown“ degra­diert (um ein Wort von Ihnen aufzugreifen).

Jeden­falls kann ich das, was Sie dann im fol­gen­den schrei­ben, Satz für Satz unter­schrei­ben: Auch ich bin der fes­ten Über­zeu­gung, daß unse­re Gesell­schaft nicht frei ist, jeden­falls nicht so frei wie sie es ger­ne von sich behaup­tet; den „meß­ba­ren Unter­schied zwi­schen der öffent­li­chen und der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung“, den Sie anspre­chen, kann ich jeder­zeit bele­gen; auch den Vor­wurf der Para­noia ken­ne ich, obwohl mir Ihre Erfah­rung der Autor­schaft in Ceau­ses­cus Rumä­ni­en samt Umstel­lung durch Secu­ri­ta­te-Spit­zel abgeht – noch nicht ein­mal ein paar gedie­ge­ne Jah­re DDR kann ich vor­wei­sen, nur west­deut­sche Erfah­run­gen mit der „Schwei­ge­spi­ra­le“ (Noel­le-Neu­mann) und der „Mau­er aus Kau­tschuk“ (Armin Mohler).

Aber genau damit bin ich bei dem ent­schei­den­den Punkt unse­res Gesprächs ange­langt: Sie sag­ten da, daß Sie bei einer Fra­ge von mir nach einem Bei­trag für die Sezes­si­on oder nach einem Inter­view ins Abwä­gen kämen – inwie­fern es Ihnen selbst und Ihren ander­wei­ti­gen Publi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten gut­tä­te, wenn Sie sich in der Sezes­si­on äußer­ten. Die­sen Vor­gang einer – ich nen­ne es jetzt ein­mal so – „inne­ren Zen­sur“ könn­ten Sie mir doch ein­mal beschrei­ben. In Ihrem oben erwähn­ten Bei­trag für die „Ach­se des Guten“ schrei­ben Sie, daß es einen „Wie-sage-ich-es-Kodex“ gebe, in mei­nen Wor­ten: eine Art Prüf­lis­te des Sag­ba­ren (zum einen) und eine Land­kar­te geis­ti­ger No-Go-Are­as (zum anderen).

Die­ser Kodex, so schrei­ben wie­der­um Sie, ist aber nicht „Ergeb­nis einer Ver­schwö­rung hin­ter den Kulis­sen“, son­dern „infor­mel­ler Natur“. Bit­te: Beschrei­ben Sie mir die­sen Vor­gang der „inne­ren Zen­sur“ ein­mal, und: Was bedeu­tet das so recht eigent­lich für die geis­ti­ge und die poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung in unse­rem Land. Das, was Sie hier und da andeu­ten ist ja eine Unge­heu­er­lich­keit: daß jede Aus­sa­ge und jeder Publi­ka­ti­ons­ort auf ihre Hygie­ne unter­sucht wer­den – aber nicht von einem benenn­ba­ren Gre­mi­um, son­dern durch einen inne­ren Zen­sor, der uns wie ein Krebs­ge­schwür besie­delt und uns zu Duck­mäu­sern macht.

Mit freund­li­chem Gruß!
Götz Kubitschek

(Die Ant­wort Richard Wag­ners sowie die Fort­set­zung des Brief­wech­sels ist unter dem Titel “Wo ist das Gan­ze, was ist es wert?” in Sezes­si­on 35, April 2010 abgedruckt.)

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