Ich war dabei (II)
Inzwischen steckten die Rechten auf dem Schlesischen Platz vor dem Bahnhof Neustadt fest. „Die Polizei kann keine Demo gewähren, weil es die Sicherheitslage nicht zuläßt“, verkündete die Sprecherin am Albertplatz triumphierend, und fügte hinzu: „Wir werden die Sicherheitslage entsprechend gestalten, damit das noch möglichst lang so bleibt.“ All das demente „Bunt statt Braun“-Party-Gedöns und „Friedlich-demokratischer Widerstand“-Gesülze versteckte nur notdürftig die latente Gewalt- und Eskalationsandrohung. Damit über die zu erwartenden Folgen auch ja keine Unklarheit bestehe, kippten Antifas schon mal Autos um, ohne daß weit und breit eine einzige Nazisocke die Innenstadt betreten hätte. Andernorts wurde ein großer Müllcontainer mitten auf die Straße gezerrt und in Brand gesteckt, während einige Vermummte davor stolz posierten. Ich habe keinen Zweifel, daß die Polizei aus ihrer Warte heraus richtig gehandelt hat: wäre der JLO-Marsch genehmigt worden, hätte es saftig gekracht in der Stadt, auf eine Weise, die auch der stärkste Schutz des JLO-Demonstrationszugs nicht mehr unter Kontrolle gehabt hätte.
Gegen vier Uhr war mein Ekel dermaßen angewachsen, daß ich Regenbogen kotzen wollte und mir sehnsüchtig wünschte, der Trauermarsch würde doch noch in Bewegung kommen, allein um all den Blockade-Schreihälsen eins auszuwischen. Ich hatte genug gesehen und fotografiert, ich wollte nun auch in den eingeschlossenen Alcazar hinein. An den Absperrungen sagte ich den Polizisten, daß ich auf die andere Seite möchte, um mich den Rechten anzuschließen. Abermals wurde mir nicht geglaubt: „Gehören Sie denn da auch dazu?“ „Naja, wie man’s nimmt!“
Erst nach einem langen Umweg wurde ich zumindest an den Neustädter Bahnhof vorgelassen. Die Trauermärschler waren wie die Tiere in einem Freigehege eingezäunt. Als ich ankam, wurde gerade „Wir sind das Volk“ skandiert und der „Linksfaschismus“ angegriffen. Es war wenige Minuten bevor Björn Clemens die Veranstaltung mit einer zornigen Abschlußrede für beendet erklärte. Er verwies auf das Widerstandsrecht des Grundgesetzes, zitierte gar, wenn ich richtig gehört habe, Brecht: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“, und warf der Polizei vor, inzwischen eine ähnliche volksfeindliche Rolle zu spielen wie die Polizei während des Zerfalls der DDR.
Die Demonstranten fluteten nun in die Bahnhofshalle zurück. Ihre Gesichter unterschieden sich im Guten wie im Schlechten kaum von denen, die ich auf linker Seite gesehen hatte. Sie waren durch die Bank jung bis sehr jung. Sie trugen Fahnen in Schwarzweißrot, die Flaggen von Brandenburg, Ostpreußen, Bayern und anderen Ländern. Nun entlud sich der Frust, der sich stundenlang aufgestaut hatte. Mit einem Schlag ertönte ein lautstarkes und wütendes „Frei, sozial und national“ durch die Bahnhofshalle. Andere griffen tiefer in die Provokationskiste und riefen den verbotenen Slogan „Ruhm und Ehre der Waffen-SS!“, folgten aber insgesamt dem Aufruf der Veranstalter, die Ruhe zu bewahren und sich nicht provozieren zu lassen.
Bis ich nach Berlin zurückkam, vergingen aufgrund der kollabierten Zug- und Busfahrpläne noch etliche Stunden. Das letzte, das ich sah, war eine Szene am Hauptbahnhof. Die Treppen in der Innenhalle waren voll mit wartenden schwarzgekleideten Antifanten. Als einer plötzlich ausrief „Nazis!!“, strömte der ganze Saal blitzartig in die Richtung des Rufes. Die Polizei stürzte hinterher, die Antifamassen fluteten zurück, stießen ein paar Polizisten aus dem Weg, und schrien dabei „Deutsche Polizisten schützen die Faschisten“.
Was lernen wir aus all dem?











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