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Tagesarchiv für Montag, den 1. Februar 2010

Götz Kubitschek

Schöne Literatur

von Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

Es gibt – nach einigem Nachdenken und wiederholter Lektüre – keinen Zweifel: Perlensamt ist ein Schlüsselroman des deutschen Schuldstolzes um die Jahrtausendwende, und zwar ein sehr gelungener. Ganz sicher hat Barbara Bongartz den skandalösen Gehalt solcher Sätze bedacht, wie sie etwa auf Seite 178 zu finden sind: »In Berlin mag man heute noch wissen, was mal auf der Wilhelmstraße los war. Wie ich die Deutschen kenne, ist da jeder Pflasterstein numeriert, und denen, die 68 geflogen sind, ist ein Gedenkstein gewidmet. Man badet dort gern im eigenen Schlamm, und inzwischen lockt die Art Folklore ja auch Touristenströme an. Mit dieser Selbstzerfleischung können wir hier in Paris nicht konkurrieren. Wir sind Franzosen, keine boches, die sich an Le Schuldgefühl ergötzen.« Oder auf Seite 232, ganz knapp: »Betroffenheitsadel, schon mal davon gehört?« Der Reihe nach: Martin Saunders ist Amerikaner in der ersten Generation, seine Mutter ist Deutsche, die nach dem Krieg und kurz vor der Niederkunft nach Amerika auswanderte, um ihrem Sohn das Deutsch-Sein zu ersparen. Saunders arbeitet als Kunsthistoriker bei einem Auktionshaus in Berlin und stolpert eines Tages über David Perlensamt, einen reichen Erben, der gerade seine Mutter durch einen Mord verloren hat. In der Vorhalle zu Davids Villa hängen wertvolle Gemälde, und weil eines davon – eine Landschaft am Meer von Courbet – wenig später dem Auktionshaus zum Verkauf angeboten wird, tritt neben das persönliche, homosexuelle Interesse Martins auch ein berufliches: die Provenienzforschung, die Zuordnung von Kunstgegenständen in die Kategorie »Beutekunst«. Bis an die letzten Kapitel heran scheint alles ganz offensichtlich zu sein: David Perlensamt ist der Enkel von Otto Abetz, dem Abgesandten des Dritten Reiches in Paris, einer besatzungspolitischen Idealbesetzung (im doppelten Wortsinn): gebildet, kunstinteressiert, eloquent, gewinnend; stets bemüht, die Härten des Regimes abzumildern sowie die intellektuelle und kunstschaffende Szene Frankreichs zumindest für eine Vorform der Kollaboration zu gewinnen. David Perlensamt behauptet nun, daß Abetz, sein Großvater, eine wertvolle Gemäldesammlung zusammengeraubt habe; nun sei es an ihm, dem Enkel, dieses Unrecht einzugestehen und die Kunstwerke ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben. Jedoch: Nach ebenso raffinierten wie plausiblen Wendungen stellt sich heraus, daß all dies nicht wahr ist. Weder ist David der Enkel von Otto Abetz, noch sind die Gemälde echt. Sie sind vielmehr meisterhafte Kopien, die David in einer Fälscherwerkstatt bei Halberstadt am Harzrand anfertigt. Dieser doppelt falschen Fährte sitzt Martin ebenso auf wie das Berliner Kunstpublikum, das sich nicht fragt, wie ausgerechnet die Privatsammlung eines der exponierten NS-Funktionäre so lange unentdeckt bleiben konnte: Vielmehr benötigt die Öffentlichkeit den Mut und die Einsatzbereitschaft David Perlensamts – denn beides verhilft ihr ebenso wie ihm erst zu dem, was zwischen Identitätsfindung und -erfindung pendelt: »Dabeisein ist alles, und wenn Dabeisein nur durch Betroffenheit entsteht. Eigentlich merkwürdig, daß die Menschen in Deutschland immer noch dabeisein wollen, egal wobei, egal als was, Hauptsache dabei und nicht allein.« Je nach Blickwinkel und Einstellung zu dem, was Norman Finkelstein die »Holocaust- Industrie« nannte, ist David Perlensamt eine tragische oder eine abstoßende Figur – oder beides. So jedenfalls hat Barbara Bongartz ihre Figur gezeichnet und darüber in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk Auskunft gegeben: »Er inthronisiert sich dadurch, daß er sich zum Nazienkel macht. Das berechtigt ihn, sein persönliches Rechtssystem zu erschaffen und so rigide zu sein, wie sonst keiner rigide sein darf. Er braucht diesen Nazihintergrund, um überhaupt handeln zu können. Daß dahinter dann nochmal ein ganz persönlicher Grund steht, ist perfide – auch in der Anlage der Figur perfide. Aber ich habe solche Menschen kennengelernt, genau wie ich Menschen kennengelernt habe, die behaupten, jüdisch zu sein oder jüdische Vorfahren zu haben und es gar nicht sind oder keine jüdischen Vorfahren haben. Menschen, die diese gruselige deutsche Geschichte für ihre eigene Selbstdarstellung und ihre eigene Problemlösung benutzen.« In der Tat: Lea Rosh, Stephan Kramer – die Reihe deutscher Proselyten ist beträchtlich und den Kult mit der Schuld mitzumachen, kann einen je nach Geschick und Unverfrorenheit recht schnell an die prall gefüllten Futtertröge bringen.
»Mir scheint, man kann sein ganzes Leben damit verbringen, ein deutscher Enkel zu sein«, sagt der ins Wirrwarr seiner Gefühle und einer historisch aufgeladenen Lügengeschichte verstrickte Martin Saunders. Er kehrt zuletzt nach Amerika zurück, trägt die Last seiner ungelösten Vergangenheit aber mit sich. Wer ist er, was ist er? Deutscher? Amerikaner? Die Mutter, nach dem deutschen Vater befragt, rät nachdrücklich, sich auf die Seite der Unbeschwerten zu schlagen. Saunders solle das Störende beiseite lassen in New York, diesem Ort des guten Gewissens und des täglichen Neustarts: »Nichts wird dieser Stadt je etwas anhaben können«, behauptet die Mutter. Es ist der 10. September 2001.

(Barbara Bongartz: Perlensamt, Frankfurt a.M.: Weissbooks 2009. 320 S., 19.80 €)

Karlheinz Weißmann

Schere im Kopf

von Karlheinz Weißmann

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

Jörg Schönbohm war der letzte konservative Hoffnungsträger in der Union. Ein Mann nach dem Geschmack aller, die sich den idealen Politiker irgendwie »preußisch« vorstellen, geradlinig, zupackend, fleißig, befehlsgewohnt, ehemaliger General, mit entsprechender Distanz zum »Betrieb«, und als Organisator der Vereinigung von Bundeswehr und NVA ein ausgewiesener Patriot. Schönbohms Nichtwiederwahl in das Präsidium der CDU auf dem Parteitag 2006 war deshalb auch nicht nur ein Inszenierungsfehler am Ende einer politischen Karriere, sondern Signal dafür, daß es nun ganz und gar nichts mehr ist mit den Konservativen in dieser Partei, daß Frau Merkel einen Mann von Schönbohms Verdiensten und mit Schönbohms Stellung fallenlassen kann, ohne negative Rückwirkungen zu fürchten, weder von einem konservativen Flügel noch von einer konservativen Basis. (weiter…)

Autor

Faschisten nach Feierabend

Aus der Druckausgabe

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

von Martin Voelkel

Bei den Untersuchungen zur Geschichte der NSZeit, die sich bewußt auf Erinnerungen von Zeitzeugen stützten und deren Alltagserlebnisse zu erfassen suchten, zeigte sich immer wieder ein hoher Grad von Akzeptanz des Regimes, der aus der Zufriedenheit mit der allgemeinen sozialen Entwicklung resultierte. Es war jedenfalls nicht das Interesse an ideologischen Vorgaben und nicht einmal das Charisma Hitlers, das den Ausschlag gab, sondern die Tatsache, daß es den vielen »gut ging«. Die Gründe für diese Wahrnehmung liegen auf der Hand: Abbau der extremen Arbeitslosigkeit, die in der Endphase der Weimarer Republik vorgeherrscht hatte, Sicherung der Beschäftigungsverhältnisse, ein zumindest relativer Anstieg des Wohlstandsniveaus. Während diese Sachverhalte von der älteren linken Historiographie bestritten oder unter Hinweis auf den Verlust von Mitbestimmungsrechten marginalisiert wurden und neuerdings die These vom braunen »Volksstaat« (Götz Aly) dazu dient, die Behauptung deutscher Kollektivschuld zu zementieren, hat eine eher an den Fakten orientierte Richtung der Interpretation seit den siebziger Jahren immer neue Belege dafür gesammelt, daß die Sozialpolitik des »Dritten Reichs« noch etwas anderes war als Ablenkung der Massen, Bonapartismus oder Kaschierung von Kapitalinteressen. (weiter…)

Autor

Kein zweiter Faschismus

Aus der Druckausgabe

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

Ein Interview mit Dominique Venner

Dominique Venner ist Historiker, Schriftsteller und Chefredakteur der Pariser Zeitschrift Nouvelle Revue d’Histoire. Zuletzt erschien von ihm die Monographie Ernst Jünger. Un autre destin européen (Le Rocher, Monaco 2009). Zu seinen wichtigsten Buchveröffentlichungen zählen die Großessays Histoire et tradition des Européens (Le Rocher, Monaco 2002/2004) und Le Siècle de 1914 (Pygmalion, Paris 2006), in denen Venner die Grundlagen der europäischen Identität und die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts neu interpretiert. Zudem veröffentlichte er Le coeur rebelle (Belles Lettres, 1994), eine persönliche Reflexion über seine radikale Jugend, den Algerienkrieg, seine Haftzeit, die Bewegung »Europe Action« und die Ursprünge der »Nouvelle Droite«. Sein erstes zeitgeschichtliches Werk (Baltikum, 1974) befaßte sich mit den Freikorps. Die deutsche Ausgabe erschien unter dem Titel Söldner ohne Sold (Paul Neff Verlag, Wien 1974).

Kontakt: www.dominiquevenner.fr (weiter…)

Ellen Kositza

Radikale …

von Ellen Kositza

… Kürze einerseits und ausufernde Länge andererseits: Was das wohl über den aktuellen Kommunikationsstil aussagt? Einerseits wird seit gut einem Jahr getwittert, was das Zeug hält. Andererseits fällt zur selben Zeit auf, daß die Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt einen beinahe absurden Zug zur epischen Länge haben.

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Autor

Faschisten

Aus der Druckausgabe

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

Biographiesche Skizzen

Der Faschist schlechthin existiert nur in der Karikatur. In der Wirklichkeit gibt es ihn nicht. Das erklärt sich schon aus der Dramatik der Epoche, in der der Faschismus zur Geltung kam, aber auch aus der Internationalität dieses Phänomens. Es gab Faschisten, die in der Bewegung eine Kraft des Widerstandes sahen, gegen den Kommunismus vor allem, aber ebenso wichtig – und der Genese nach älter – war der Widerstand gegen die Dekadenz der bürgerlichen Welt. Das Kriegserlebnis hat deshalb für viele Faschisten eine ungleich wichtigere Rolle gespielt als die Oktoberrevolution, die Zahl hochdekorierter Soldaten in ihren Reihen fällt jedem Betrachter auf. In allen Faschismen spielte der Nationalismus eine Rolle, aber viele Faschisten betrachteten sich auch als »gute Europäer«. Einige sahen im Faschismus eine Möglichkeit, den egalisierenden Tendenzen entgegenzutreten, und andere betrachteten ihn als Variante des Sozialismus. Manche verstanden ihn als Revolte gegen die westliche Moderne, andere als Mittel, die Gesellschaft von den Resten des Ancien Régime zu befreien. Es gab unter den Faschisten Idealisten und Ideologen, Theoretiker und Praktiker, Technokraten und Schwärmer, Gemäßigte und Radikale, Verfechter der geistigen Freiheit und Anhänger des Terrors, Juden und Antisemiten. Daher ist für jede sachliche Beschäftigung mit dem Faschismus die Sichtung der Biographien von Faschisten entscheidend. Die hier vorgestellte Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie konzentriert sich bewußt auf die »zweite Reihe«, nicht auf die bekannten Führergestalten, sondern auf einzelne, die man in gewissem Sinn als »typischer« betrachten kann. (weiter…)

Autor

Faschismus – außereuropäisch

Aus der Druckausgabe

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

von Josef Schüßlburner

Die Frage, ob der Faschismus per definitionem zeitlich beschränkt und europäisch war, gilt als unbequem. Denn bei Einbeziehung außereuropäischer Gebiete erhält der Faschismusbegriff, der über die nach Selbstdefinition faschistischen Bewegungen hinausgeht, einen neuen Aspekt: Wer den als äußerst verdammenswert angesehenen europäischen Faschismus vor Augen hat, möchte nur ungern sehen, daß die positiv bewerteten antikolonialistischen Unabhängigkeitsbewegungen ein strukturell ähnliches Anliegen vertraten. Hatte nicht der »antiwestliche Revolutionär Goebbels « ein deutsches Bündnis auf seiten der kolonialisierten Völker angestrebt, da diese nämlich »für ihre Freiheit nicht unter dem Rufe: ›es lebe die dritte Internationale!‹ kämpften«, »sondern unter dem Rufe ›China den Chinesen‹«? Selbst Hitler erkannte eine Ähnlichkeit mit diesem »Freiheitskampf«, distanzierte sich aber etwa am 24. Mai 1930 mit einem rassistischen Argument, was zeigt, daß der Rassismus auch die Funktion hatte, NS-Deutschland im westlichen Wertebereich zu halten. (weiter…)

Götz Kubitschek

Faschismus und Avantgarde

von Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

Wer vom Faschismus spricht, darf von der künstlerischen und literarischen Avantgarde nicht schweigen. Es gab in Italien und Deutschland ebenso wie in Frankreich und England Annäherungen und Verschlingungen der neuen Kunst mit der neuen Politik. Diese Feststellung sollte nicht verwundern, seltsam wäre nur das Gegenteil: daß nämlich die Kunst sich selbst revolutioniert und neu erfunden hätte, ohne in Berührung zu geraten mit den politischen Revolutionären, die wiederum eine dezidiert avantgardistische Form der Politik entwarfen. (weiter…)

Martin Lichtmesz

Casa Pound

von Martin Lichtmesz

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

»With usura hath no man a house of good stone«, schrieb der Dichter Ezra Pound in seinem Canto XLV. »Usura« (lateinisch: »der Wucher «) ist hier das Sinnbild für die kulturzerstörende, lebensfeindliche und unmenschliche Herrschaft des Zinses, des Kapitals und der Banken. Pound sagte auch: »Ein Mensch kann ein Haus bewohnen, auch ein zweites, ein drittes aber ist ein Kapital, mit dem er Geld verdienen will.«»Contro ogni Usura«, »gegen jeglichen Wucher« stand in großen, handgemalten Buchstaben auf den Transparenten, die am 27. Dezember 2003 an der Fassade eines leerstehenden sechsstöckigen Hauses in der Via Napoleone III, Nummer 8 im Stadtzentrum von Rom entrollt wurden. Neben einem halben Dutzend Trikoloren war auch eine Fahne mit einer stilisierten Schildkröte auf schwarzem Grund zu sehen. Ein weiteres Transparent verkündete die Taufe des Gebäudes in »Casa Pound«. Das Haus war in einer Blitzaktion von einer Gruppe junger Männer besetzt worden. Kurz darauf wurde in dem Stadtviertel ein Flugblatt mit folgender Erklärung verteilt: »Wir haben ein Gebäude besetzt, das viele Jahre leerstand. Wir haben das Haus an zwanzig Familien übergeben. Wir sind Italiener. Wir sind keine sozialen Außenseiter. Wir sind Arbeiter, Studenten, Mütter und Väter.« (weiter…)

Götz Kubitschek

Schöne Literatur

von Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

Es gibt – nach einigem Nachdenken und wiederholter Lektüre – keinen Zweifel: Perlensamt ist ein Schlüsselroman des deutschen Schuldstolzes um die Jahrtausendwende, und zwar ein sehr gelungener. Ganz sicher hat Barbara Bongartz den skandalösen Gehalt solcher Sätze bedacht, wie sie etwa auf Seite 178 zu finden sind: »In Berlin mag man heute noch wissen, was mal auf der Wilhelmstraße los war. Wie ich die Deutschen kenne, ist da jeder Pflasterstein numeriert, und denen, die 68 geflogen sind, ist ein Gedenkstein gewidmet. Man badet dort gern im eigenen Schlamm, und inzwischen lockt die Art Folklore ja auch Touristenströme an. Mit dieser Selbstzerfleischung können wir hier in Paris nicht konkurrieren. Wir sind Franzosen, keine boches, die sich an Le Schuldgefühl ergötzen.« Oder auf Seite 232, ganz knapp: »Betroffenheitsadel, schon mal davon gehört?« Der Reihe nach: Martin Saunders ist Amerikaner in der ersten Generation, seine Mutter ist Deutsche, die nach dem Krieg und kurz vor der Niederkunft nach Amerika auswanderte, um ihrem Sohn das Deutsch-Sein zu ersparen. Saunders arbeitet als Kunsthistoriker bei einem Auktionshaus in Berlin und stolpert eines Tages über David Perlensamt, einen reichen Erben, der gerade seine Mutter durch einen Mord verloren hat. In der Vorhalle zu Davids Villa hängen wertvolle Gemälde, und weil eines davon – eine Landschaft am Meer von Courbet – wenig später dem Auktionshaus zum Verkauf angeboten wird, tritt neben das persönliche, homosexuelle Interesse Martins auch ein berufliches: die Provenienzforschung, die Zuordnung von Kunstgegenständen in die Kategorie »Beutekunst«. Bis an die letzten Kapitel heran scheint alles ganz offensichtlich zu sein: David Perlensamt ist der Enkel von Otto Abetz, dem Abgesandten des Dritten Reiches in Paris, einer besatzungspolitischen Idealbesetzung (im doppelten Wortsinn): gebildet, kunstinteressiert, eloquent, gewinnend; stets bemüht, die Härten des Regimes abzumildern sowie die intellektuelle und kunstschaffende Szene Frankreichs zumindest für eine Vorform der Kollaboration zu gewinnen. David Perlensamt behauptet nun, daß Abetz, sein Großvater, eine wertvolle Gemäldesammlung zusammengeraubt habe; nun sei es an ihm, dem Enkel, dieses Unrecht einzugestehen und die Kunstwerke ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben. Jedoch: Nach ebenso raffinierten wie plausiblen Wendungen stellt sich heraus, daß all dies nicht wahr ist. Weder ist David der Enkel von Otto Abetz, noch sind die Gemälde echt. Sie sind vielmehr meisterhafte Kopien, die David in einer Fälscherwerkstatt bei Halberstadt am Harzrand anfertigt. Dieser doppelt falschen Fährte sitzt Martin ebenso auf wie das Berliner Kunstpublikum, das sich nicht fragt, wie ausgerechnet die Privatsammlung eines der exponierten NS-Funktionäre so lange unentdeckt bleiben konnte: Vielmehr benötigt die Öffentlichkeit den Mut und die Einsatzbereitschaft David Perlensamts – denn beides verhilft ihr ebenso wie ihm erst zu dem, was zwischen Identitätsfindung und -erfindung pendelt: »Dabeisein ist alles, und wenn Dabeisein nur durch Betroffenheit entsteht. Eigentlich merkwürdig, daß die Menschen in Deutschland immer noch dabeisein wollen, egal wobei, egal als was, Hauptsache dabei und nicht allein.« Je nach Blickwinkel und Einstellung zu dem, was Norman Finkelstein die »Holocaust- Industrie« nannte, ist David Perlensamt eine tragische oder eine abstoßende Figur – oder beides. So jedenfalls hat Barbara Bongartz ihre Figur gezeichnet und darüber in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk Auskunft gegeben: »Er inthronisiert sich dadurch, daß er sich zum Nazienkel macht. Das berechtigt ihn, sein persönliches Rechtssystem zu erschaffen und so rigide zu sein, wie sonst keiner rigide sein darf. Er braucht diesen Nazihintergrund, um überhaupt handeln zu können. Daß dahinter dann nochmal ein ganz persönlicher Grund steht, ist perfide – auch in der Anlage der Figur perfide. Aber ich habe solche Menschen kennengelernt, genau wie ich Menschen kennengelernt habe, die behaupten, jüdisch zu sein oder jüdische Vorfahren zu haben und es gar nicht sind oder keine jüdischen Vorfahren haben. Menschen, die diese gruselige deutsche Geschichte für ihre eigene Selbstdarstellung und ihre eigene Problemlösung benutzen.« In der Tat: Lea Rosh, Stephan Kramer – die Reihe deutscher Proselyten ist beträchtlich und den Kult mit der Schuld mitzumachen, kann einen je nach Geschick und Unverfrorenheit recht schnell an die prall gefüllten Futtertröge bringen.
»Mir scheint, man kann sein ganzes Leben damit verbringen, ein deutscher Enkel zu sein«, sagt der ins Wirrwarr seiner Gefühle und einer historisch aufgeladenen Lügengeschichte verstrickte Martin Saunders. Er kehrt zuletzt nach Amerika zurück, trägt die Last seiner ungelösten Vergangenheit aber mit sich. Wer ist er, was ist er? Deutscher? Amerikaner? Die Mutter, nach dem deutschen Vater befragt, rät nachdrücklich, sich auf die Seite der Unbeschwerten zu schlagen. Saunders solle das Störende beiseite lassen in New York, diesem Ort des guten Gewissens und des täglichen Neustarts: »Nichts wird dieser Stadt je etwas anhaben können«, behauptet die Mutter. Es ist der 10. September 2001.

(Barbara Bongartz: Perlensamt, Frankfurt a.M.: Weissbooks 2009. 320 S., 19.80 €)

Karlheinz Weißmann

Schere im Kopf

von Karlheinz Weißmann

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

Jörg Schönbohm war der letzte konservative Hoffnungsträger in der Union. Ein Mann nach dem Geschmack aller, die sich den idealen Politiker irgendwie »preußisch« vorstellen, geradlinig, zupackend, fleißig, befehlsgewohnt, ehemaliger General, mit entsprechender Distanz zum »Betrieb«, und als Organisator der Vereinigung von Bundeswehr und NVA ein ausgewiesener Patriot. Schönbohms Nichtwiederwahl in das Präsidium der CDU auf dem Parteitag 2006 war deshalb auch nicht nur ein Inszenierungsfehler am Ende einer politischen Karriere, sondern Signal dafür, daß es nun ganz und gar nichts mehr ist mit den Konservativen in dieser Partei, daß Frau Merkel einen Mann von Schönbohms Verdiensten und mit Schönbohms Stellung fallenlassen kann, ohne negative Rückwirkungen zu fürchten, weder von einem konservativen Flügel noch von einer konservativen Basis. (weiter…)

Erik Lehnert

Gibt es eine faschistische Philosophie?

von Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

In einem geistigen Klima, in dem Faschismus keine Meinung, sondern ein Verbrechen darstellt, der Marxismus hingegen nach wie vor eine Alternative zum Liberalismus, ist es schwierig, die Frage nach der faschistischen Philosophie zu beantworten. Niemand wird derzeit von sich behaupten, daß er ein faschistischer Philosoph sei. Wir sind im Fall des Faschismus also auf Fremdzuschreibungen angewiesen, während wir im Fall des Marxismus, neben denen, die es nicht zugeben wollen, genügend Denker finden, die dieses Bekenntnis offensiv vertreten. Man denke nur an den Schriftsteller und Philosophen Dietmar Dath oder an den Politologen Antonio Negri, der vor kurzem in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau ungerührt behauptete: »Den Faschismus gibt es, der ist heute aber das demokratische System. Wir müssen endlich den Mut haben, es zu erkennen.« (weiter…)

Autor

Faschistische Politik – Vollzug einer Ideologie oder Abbild einer Ära?

Aus der Druckausgabe

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

von Stefan Scheil

Vor einigen Jahren habe ich in einem Vortrag am Institut für Staatspolitik (IfS) den Gedanken entwickelt, Faschismus als Begriff für ein auf die Zukunft gerichtetes nationalistisches Phänomen zu deuten, als einen »utopischen Nationalismus«. Dieser utopische Nationalismus zielte demnach darauf ab, aus einem bestehenden Nationalstaat oder einer vorhandenen nationalen Tradition etwas Neues und noch nicht Dagewesenes werden zu lassen, nach innen wie nach außen. Das schloß die Absicht zu territorialen Veränderungen bestehender Grenzen mit ein. Die von Ernst Nolte in Der Faschismus in seiner Epoche beschriebene Eigenschaft des Faschismus, sich im »undurchbrechbaren Rahmen nationaler Selbstbehauptung« zu bewegen, läßt sich insofern um die Feststellung erweitern, daß dabei »nationale Selbstentwicklung« mit eingeschlossen ist. Unter Rückgriff auf diese Definition soll im folgenden der Frage nachgegangen werden, ob faschistische Staaten für die Verfolgung dieser Ziele spezifische außenpolitische Methoden entwickelt haben, so daß von einer faschistischen Außenpolitik als ideologiebedingtem Typus gesprochen werden könnte. (weiter…)

Autor

Faschismus an der Macht

Aus der Druckausgabe

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

von Hugo Hermans

Am 29. Oktober 1922 bestieg Benito Mussolini im Mailänder Hauptbahnhof, gekleidet wie ein Al Capone im Schwarzhemd, den Nachtzug nach Rom, um dort am Folgetag durch König Viktor Emanuel III. zum italienischen Ministerpräsidenten ernannt zu werden. Vor der Abreise versäumte er es nicht, seine Mitstreiter anzuweisen, die Redaktionsräume der Tageszeitung Avanti! in Brand zu setzen. Derartige Maßnahmen gehörten zu diesem Zeitpunkt längst zum Traditionsbestand seiner noch jungen Bewegung, es handelte sich bereits um den vierten Übergriff der Faschisten auf das Parteiorgan der Sozialisten seit 1919. Dieses zog daraus die überfällige Konsequenz und verlegte den Erscheinungsort nach Turin. (weiter…)

Karlheinz Weißmann

Autorenportrait Zeev Sternhell

von Karlheinz Weißmann

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

Zeev Sternhell ist ein Musterbeispiel für den engagé, für den »engagierten Intellektuellen«. Er mischt sich in öffentliche Debatten ein, schreibt Kommentare für Tageszeitungen und unterzeichnet Petitionen. Das ist in Europa, vor allem in Deutschland, weniger bekannt, weil die inneren Verhältnisse seiner Heimat Israel weit entfernt scheinen. Der Bombenanschlag auf Sternhells Haus im Herbst 2008 hat allerdings international und auch hierzulande für Aufmerksamkeit gesorgt. Ursache war seine Mitgliedschaft in der Bewegung Peace now, die sich nicht nur für die Anerkennung eines Palästinenserstaates einsetzt, sondern auch massive Kritik an der Siedlerbewegung übt. Unter deren Anhängern vermutet man die Attentäter. (weiter…)

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