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scheil Stefan Scheil


Widerstand

widerstandZwanzig Jahre Mauerfall und Paris, beide Stichworte machen in diesen Tagen Schlagzeilen. In meiner Erinnerung gehört beides ohnehin zusammen, denn genau dort, in Paris, habe ich selbst den Mauerfall erlebt. Man hatte damals den Eindruck einer merkwürdigen Spannung, die über der Stadt lag.

Zeitungen waren plötzlich und an den Folgetagen samt und sonders ausverkauft. Die Pariser schienen aber nicht recht zu wissen, was sie mit diesen Neuigkeiten anfangen sollten, überwältigende Freude war jedenfalls nicht zu beobachten. Wir pilgerten in diesen Tagen irgendwann abends auch zum Triumphbogen, wo ein Häuflein Veteranen jenseits der offiziellen Veranstaltungen im üblich tristen Novemberwetter weiter das Gedenken hielt. Es schien damals, 1989, auch noch der eine oder andere echte Veteran des Weltkriegs dabei zu sein. Die Szene wirkte sehr ernst, vielleicht sogar ein stummer Kommentar zu den Nachrichten aus Berlin.

„Das machen die doch nur für Touristen“, lautete die verächtliche Mehrheitsmeinung meiner bundesdeutschen Begleitung. Anderslautende Aufklärungsversuche meinerseits liefen ins Leere. Ich habe sie wohl auch nicht sehr energisch vorgetragen, sondern diesen Stand der Dinge im Gegenzug ebenfalls mit Verachtung quittiert. Ein Gespür für das Ungeheuere des Weltkriegs gab es in der Bundesrepublik bereits damals nicht mehr, auch kein Gespür für die Würde und den Sinn nationaler Gedenktage.

Daran hat sich in jüngster Zeit höchstens soviel geändert, als die Offiziellen der BRD verschiedene Anstrengungen unternehmen, die Jahre 1933-1945 gedenkpolitisch noch weiter auszudehnen, unter anderem in Richtung 1918. Auch das folgt einem vielfach verankerten Bedürfnis, darüber muß man sich im klaren sein. So fragte mich neulich einer, was ich über das NAZI-Denkmal wüßte, das auf den Bergen über Heidelberg liegt. Einige Nachfragen ergaben, daß er den Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg meinte. So gesehen, folgt die eben gegebene einseitige Erklärung der Regierungschefin über das Leid, das Franzosen von Deutschen zugefügt worden sei, einer verwurzelten Perspektive, sei sie so dümmlich, wie sie wolle. Dagegen ist Widerstand angezeigt, für die Würde der Toten und die Zukunft der Lebenden – auch und gerade auf ungebetene Weise.

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