Afghanistan in Algerien
Kluge Kriegsfilme mit Erkenntniswert sind selten. Einen davon hat die ARD am vergangenen Samstag zwischen all der Halloween-Grusel-Meterware untergebracht. „Der Feind in den eigenen Reihen“ blickt auf den asymetrischen Krieg, den Frankreichs Armee vor einem halben Jahrhundert gegen eine fanatische islamistische Untergrundbewegung in Algerien führte, realistisch, unsentimental und mit bemerkenswerter Aktualität.
In der Hauptperson Leutnant Terrien wird ein zentraler Konflikt auf den Punkt gebracht: Was taugen Normen und Regeln im Kampf mit Terroristen, die keine Regeln anerkennen; wie lange kann man sich gegenüber einem Feind, der Regeln vorsätzlich bricht, an die Regeln halten, ohne den eigenen Erfolg, die eigene Sicherheit, das eigene Leben zu gefährden.
Terrien lernt. Man muß je nach Lage auch auf Frauen schießen, besonders wenn die „Frauen“ Stiefel tragen und in Wahrheit unter dem Schleier getarnte Partisanen sind. Kinder sind in einem solchen Krieg nicht nur Kinder und Greise nicht nur Greise, sondern potentielle Kombattanten. Unter Folter gewonnene Erkenntnisse können Leben auf der eigenen Seite retten. Wen du zu freundlich behandelst, der kann zum Opfer der Rache deiner Feinde werden. Nicht jeder einheimische Verbündete hält stand, wenn er zwischen Loyalität und dem Druck der eigenen Landsleute zerrissen wird. Wer auf vermeintlich als Frauen getarnte Rebellen schießen läßt, riskiert dabei, tatsächlich einmal harmlose Frauen zu töten. Terrien begreift, zerbricht und sucht die Kugel, die ihn schließlich trifft.
Ein Soldat, der die eigenen Kameraden mit in den Mund gestopften abgeschnittenen Geschlechtsteilen findet, der die Leichen massakrierter Frauen und Kinder bergen mußte, urteilt und reagiert anders als Feuilletonisten, Staatsanwälte oder nachgeborene Schnellurteiler. Wie eine kämpfende Truppe mit solchen Lagen umgehen soll, kann keine Heeresdienstvorschrift, keine Taschenkarte und kein Bundestagsbeschluß erschöpfend regeln. Das hat noch jede in einen Partisanenkrieg geworfene reguläre Truppe erfahren müssen – sei es die deutsche Armee in Kreta 1941, in den Partisanengebieten auf dem Balkan und in Rußland und im Kleinkrieg mit der Résistance; seien es Franzosen und Amerikaner in Indochina und Vietnam, die GIs und ihre britischen Verbündeten im Irak oder alle zusammen heute in, eben, Afghanistan.
In der Tat: Der französische Spielfilm aus dem Jahr 2007, der zur Zeit des algerischen Aufstands im Jahr 1959 spielt, ist offenkundig auch ein Film über das Afghanistan-Dilemma der westlichen Streitkräfte, die einen Krieg führen müssen, der mit den vorgegebenen Mitteln und Wegen nicht zu gewinnen ist. Nachdenken läßt das nicht nur über die Absurdität unerfüllbarer Einsatzaufträge, die sich aus humanitären Universalismen ableiten, sondern auch über die Fragwürdigkeit sogenannter Kriegsverbrecherprozesse, die den historischen und militärischen Kontext der zu bewertenden Taten konsequent und vorsätzlich ausblenden. Afghanistan ist überall, nicht nur in Algerien.









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