Startseite
scheil Stefan Scheil


Anachronistische Preisverleihungen

Am Sonntag wurde der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Preisträger diesmal: der Italiener Claudio Magris. Sein Name und sein Werk sind in überschaubarem Maß bekannt oder gewichtig, die Annahme durchaus berechtigt, daß die Preisverleihung als Fußtritt gegen Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi gedacht war, den der Linksintellektuelle Magris auch als Politiker offensiv bekämpft.

Mit Preisverleihungen beehren sich beide Seiten stets wechselseitig. Aus Sicht des Geehrten sind solche großen Preise wie der Friedenspreis dabei auch deshalb immer bedenklich, weil sie für Lebenswerke verliehen werden und daher bei aller Freundlichkeit die Andeutung enthalten, man halte Lebenswerk und Leben des Geehrten im wesentlichen für abgeschlossen. So besteht zugleich die Gefahr, daß der Preisträger sich in seiner Dankesrede in vergangenen Gedankensphären bewegen könnte.

Ungeachtet dessen wurden in Frankfurt schon denkwürdige und streitbare Reden gehalten wie etwa die von Martin Walser, der bei dieser Gelegenheit den Begriff der „Moralkeule“ prägte, der sich umgangssprachlich als Auschwitzkeule durchsetzte. Für Claudio Magris traf dies am Sonntag nicht zu. Seine Rede bewegte sich ganz im Rahmen verbrauchter Diskurswelten. Toleranz für Einwanderer aller Art, Aufhebung aller Grenzen, keine Festung Europa, das hat man alles schon oft gehört, zu oft, um es noch ernst zu nehmen. Man muß nicht den Bürgerkrieg vor der Tür stehen sehen, aber doch wenigstens zur Kenntnis nehmen, daß es mittlerweile in allen großen westeuropäischen Ländern manchmal an der Toleranz der Einwanderer gegenüber den Autochthonen mangelt.

Das hat sich herumgesprochen, auch im Frankfurter Publikum. Es nahm die Rede mit endenwollendem Beifall zur Kenntnis und verließ zügig den Ort. Wolfgang Herles als Reporter aus dem Saal zerrte noch zwei Gesprächspartner vor die Kamera, stellte uninteressierte Fragen und hatte dann die Chuzpe, sich lediglich dafür zu bedanken, daß man ihm geholfen habe, die Zeit zu füllen. Auch das war ein Signal für das Ende bestimmter Argumentationszwänge, wenn auch ein ungewolltes. Mehr war diesmal nicht drin, Sonntag früh in Frankfurt.

ANZEIGE


banner banner sezheader ifs schlange ksa