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Aus der Druckausgabe Autor


Parteigänger verlorener Sachen – Nicolás Gómez Dávila

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Ein nicht zu unterschätzender Ansatzpunkt für jene Verschwörung ist für Gómez Dávila die liebevolle Pflege der alten Sprachen, des Griechischen und Lateinischen, die hierzulande in den letzten Jahrzehnten gezielt zurückgedrängt worden sind (Gómez Dávila hätte wohl sein helle Freude an Kojèves – bekanntermaßen wirkungslos verhallter – Mahnung an die revoltierenden Studenten von 1968 gehabt, das eine, was not tue, sei … Griechisch zu lernen).
Die großen griechischen und römischen Autoren erziehen, dies war Gómez Dávilas Überzeugung, weil sie ein Denken und eine Weltsicht verkörpern, die sich in wesentlichen Punkten von der unsrigen unterscheidet. Diese Literatur biete damit ein Gegengewicht zu den Gemeinplätzen des Tages, durch welche der Verstand des Menschen geschwächt werde. Durch die ewigen Gemeinplätze mit ihren Wahrheiten über das Leben des Menschen werde er dagegen gestärkt. Daher ist es für den Reaktionär von elementarer Bedeutung, sich der in den Gemeinplätzen enthaltenen Wirklichkeitserkenntnis zu bedienen, auch wenn sie nicht umstandslos für unsere Zeit übernommen werden können. Eine Vernachlässigung dieser Überlieferung setzt den Menschen indes schutzlos der aktuellen Mode des Denkens und Fühlens aus.
Reaktionäres Denken setzt den Verheerungen des modernen Lebens den – so scheint es – ohnmächtigen Protest des Einzelnen entgegen, der als Guerillero des Geistes den Krieg niemals gewinnen kann. Gómez Dávila bekennt sich ohne weiteres zur Polemik als literarischer Taktik, die sich der „Strategeme des Guerilleros“ bedient. Weil die Taktik der üblichen Polemik am unerschrockenen Dogmatismus des zeitgenössischen Menschen scheitere, dürfe man diesem nicht mit systematischen Gründen oder gar methodisch, das heißt in wohlgemessenen Schritten kommen. Es gehe vielmehr darum, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und dort anzugreifen, wo es gerade möglich und halbwegs erfolgversprechend ist. Der reaktionäre Denker wird zum Guerillero der Gegen-Aufklärung, gleichsam zum intellektuellen Freischärler ohne die Hilfe regulärer Truppen. Die Entscheidung für den kurzen und elliptischen Stil, den Gómez Dávila in seinen Glossen zu einer glanzvollen Höhe der Kunst entwickelt hat, ist so nie bloß ästhetisch oder gar ästhetizistisch begründet – es handelt sich um nichts Geringeres als um ein Kriegsmittel, das eingesetzt werden soll, um an möglichst vielen einzelnen Stellen der „Wahrheit, die nicht untergeht“, wenn nicht zum Sieg, so doch zu einer ehrenvollen Niederlage zu verhelfen. Gómez Dávila bietet mit seiner Entscheidung für den aphoristischen Glossenstil nichts weniger als eine veritable Ästhetik des intellektuellen Widerstands gegen die moderne Welt der Massengesellschaft, die in ihrer Häßlichkeit und mit ihrer Versuchung zur Denkfaulheit ein Affront gegen die Bedürfnisse von Geist und Seele ist. Weil aber im geistigen Guerillakrieg auch kleine Erfolge zählen, ist jeder taktische Gewinn schon von Wert – die Guerilla hat bekanntlich schon gewonnnen, wenn sie nicht verloren hat. Und vielleicht ist das reaktionäre Denken dann gar so ohnmächtig nicht, denn: „Der Reaktionär argumentiert nicht gegen die moderne Welt in der Hoffnung, sie zu besiegen, sondern damit die Rechte der Seele nicht verjähren.“ Gómez Dávila macht damit den für ihn entscheidenden Punkt deutlich: Der Reaktionär ist ein Anwalt des Anspruchs der Seele auf Schönheit und Intelligenz, wo diese nicht gebührend geschätzt werden. Der Widerstand des reaktionären Denkens gegen eine Welt ohne Schönheit und Würde ist ein mühevoller und gleichwohl erhebender Untergrundkampf, dessen bloße Existenz einen Widerschein jener inzwischen verblaßten Schönheit in Erinnerung ruft. Die Reaktion ist eine Notwendigkeit geistiger Selbstachtung im Zeitalter des Nihilismus: „Das reaktionäre Denken sichert seinen Adepten keinerlei Erfolg, es bewahrt sie lediglich davor, Dummheiten von sich zu geben.“

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