Parteigänger verlorener Sachen – Nicolás Gómez Dávila
Wir sollten uns davor hüten, so Gómez Dávila, von diesem Jahrhundert zu sein, in dem alles, was entsteht, auch wieder verdirbt, weshalb es eines über die Vergänglichkeit der Zeit hinausgehenden Verankerung im Göttlichen bedarf. Gómez Dávila führt die problematischen Seiten der Moderne in letzter Instanz auf eine theologische Problematik zurück; seine Deutung der Moderne ist nur verständlich im Lichte seiner Auseinandersetzung mit dem theologisch-politischen Problem, das im Zentrum seines reichen Werkes steht.
Die Wurzel des Übels ist für den Reaktionär denn auch nichts Geringeres als die Abwendung des Menschen von Gott, die Selbstermächtigung des Menschen, sein Schicksal in die – neuerdings auch gentechnische – Hand zu nehmen, der Glaube, daß der Mensch sich selbst, ohne die Gnade Gottes, heilen könne; so daß die „schlechthinnige Unabhängigkeit“ des Menschen, wie Gómez Dávila Schleiermachers berühmte Definition der Religion auf den Kopf stellt, das Grundprinzip der Moderne genannt werden kann. Wenn aber das Prinzip der Abhängigkeit des Menschen zum Wesen der Religion gehört, dann ist auch die Kirche als institutionelle Entsprechung dieser Tatsache ein antimoderner Faktor. Gegen die Auflösung der traditionellen Religion im Medium der liberalen Beliebigkeit hält der modernitätskritische Katholik deshalb lakonisch fest: „Die wahre Religion ist mönchisch, asketisch, autoritär, hierarchisch.“
Aus den Tiefen der abendländischen Überlieferung heraus präsentiert Gómez Dávila, was der linke Reaktionär Adorno treffend auf den Begriff gebracht hat – Marginalien zum beschädigten Leben. Daß dieses beschädigte Leben sich allerdings selbst nicht als solches sieht, ist Teil des allgemein gewordenen Nihilismus. Dieser findet in der Tatsache seinen Ausdruck, daß weithin keine sittlich hochstehenden Ideale mehr als Maßstab für das Verhalten des Einzelnen akzeptiert, ja, daß sie als ungehörige Zumutung zurückgewiesen werden. „Die moderne Welt“, so hat Gómez Dávila erkannt, „kritisiert niemanden außer denjenigen, der gegen die Verdummung rebelliert.“ Und ähnlich heißt es an anderer Stelle: Das einzige, wofür man sich heute nicht zu entschuldigen braucht sind vulgäre Zerstreuungen und Beschäftigungen. Die moderne Welt kritisiere somit schon nur noch denjenigen, der gegen die Verkommenheit rebelliere. Diese Rebellion erscheint jedoch nur allzuoft zwecklos, denn die Verkommenheit entspringt einem gut verankerten Bedürfnis des modernen Menschen: „Es hat keinen Sinn, dem Zeitgenossen die Vulgarität der heutigen Welt vor Augen zu führen: es ist gerade diese Vulgarität, die ihn verführt und begeistert“. Gómez Dávila schreckt angesichts dieses Befundes nicht davor zurück, das Kind beim rechten Namen zu nennen, und dieser Name lautet „Dekadenz“. Das Faktum der Dekadenz ist für Gómez Dávila schlechterdings unbestreitbar – die zahllosen Versuche seiner Bestreitung legen nur Zeugnis von einer Wirklichkeitsverleugnung ab, die mit dem von Nietzsches Zarathustra diagnostizierten Unvermögen des „letzten Menschen“, Wertungen vorzunehmen, einhergeht.
Wo aber finden sich Arzneien, so fragt sich der Leser dieses „reaktionären Flickenteppichs“, den Gómez Dávila unbarmherzig vor uns ausbreitet, wo finden sich Heilmittel, die das Leben unter diesen Bedingungen erträglich machen? Gómez Dávila findet sie vor allem in der großen Literatur, in der Kunst und Philosophie der Vergangenheit von der Antike bis zur klassischen Moderne. Denn die Kunst sei nichts Geringeres als „das gefährlichste reaktionäre Ferment in einer demokratischen und fortschrittlichen Industriegesellschaft“. Botho Strauß knüpft an diesen potentiell subversiven Gedanken an, wenn er dem Kunstwerk die Eigenschaft zuspricht, „gegen Vergeßlichkeit in jeder Epoche“ zu kämpfen, weshalb jedes große Kunstwerk auf eine zeitlose Weise „reaktionär“ im Sinne Gómez Dávilas sei. Es konspirieren daher aus Sicht des Reaktionärs nur jene erfolgreich gegen die gegenwärtige Welt, die im Geheimen die Bewunderung der Schönheit propagieren.









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