Parteigänger verlorener Sachen – Nicolás Gómez Dávila
Der Reaktionär sieht mit scharfem Blick, daß die bürgerliche Welt in ihrem Verhältnis zu links und rechts unterschiedlich reagiert. Während sie sich angesichts ihrer Feinde auf der Rechten erbreche, absorbiere sie die auf der Linken ohne größere Bauchschmerzen – eine Wahrheit, die sich immer wieder neu bestätigt. Gómez Dávila verteilt seine Abneigung im Gegensatz zu dieser bürgerlichen Delikatesse fast gleichgewichtig, wenn er sagt: „Was man in diesem Jahrhundert die Rechte genannt hat, ist nichts als ein gegen die Heuchelei der Linken aufmarschierter Zynismus“. Obzwar Gómez Dávila mit Konservativen und Rechten an der biblischen und klassisch griechischen Einsicht festhält, daß der Mensch ein riskiertes Wesen ist, verbietet sich für ihn als Christen doch jede Form des Zynismus. Dieser stellt für ihn vielmehr die spezifische Versuchung der Konservativen dar, weil er eine Einsicht in die rauhen Wirklichkeiten des Daseins und der menschlichen Natur ohne jede Chance auf Gnade oder Erlösung, aber auch ohne wirkliche Versöhnung mit der Schwäche des Menschen sei, wodurch aber jene Einsichten selbst wieder unwahr würden. Und gegen die Meinung, ein Christ müsse logischerweise Linker und Sozialist werden, weist Gómez Dávila auf die tiefe Kluft hin, die das wahre Christentum von seinen sozialen Fehldeutungen trennt. Während nämlich die Demokratie (und auch der Sozialismus) die Souveränität des Menschen proklamiere, verkünde das Christentum die Souveränität Gottes. Tertium non datur.
Der Reaktionär sieht nur mit großer Skepsis auf die Konservativen, denn „wenn der Reaktionär nicht im Konservativen erwacht, handelt es sich lediglich um einen paralysierten Progressisten“. Die zeitgenössischen Konservativen seien nichts als von der Demokratie mißhandelte Liberale. Selbst der rechte Flügel einer gegebenen Rechten erscheint ihm immer noch zu weit links. So ist der Konservative die Karikatur des Reaktionärs, wie der Linke die Karikatur des Marxisten ist. Doch auch vom Reaktionär gibt es Spielarten; keineswegs alle Reaktionäre sind gleichermaßen wahrhaft reaktionär, wie schon der Titel von Gómez Dávilas Essay „Der wahre Reaktionär“ andeutet, der in diesem Herbst zum ersten Mal in deutscher Übersetzung greifbar wird. Gómez Dávila versucht in diesem Text, von dem sich Versatzstücke auch in seinem weitläufigen Glossenwerk finden, diesen echten Reaktionär genauer zu kennzeichnen, doch bedient er sich dazu einer zum Teil unscharf poetischen Sprache, die eher Anmutungscharakter hat, als daß sie eine begrifflich präzise Klärung brächte, die über das hinausgeht, was er in seinen zahlreichen Glossen ausführt.
Es war Gómez Dávilas feste Überzeugung, daß die Moderne an sich das Problem ist, vor dem wir stehen – geistig, seelisch, ästhetisch, sittlich. Doch wußte er sehr wohl, daß politischer Widerstand – die Umsetzung reaktionärer Prinzipien in eine politische Bewegung – nur zu fatalen Konsequenzen führen könnte. So resultiert aus der reaktionären Kritik der Moderne keine politische Rebellion, sondern eine gedankliche Überwindung der Moderne. Diese Überwindung der Moderne im Geiste soll es dem Einzelnen ermöglichen, angesichts der faktischen Unhintergehbarkeit der Moderne doch ein Leben zu führen, das der Seele einen angemessenen Raum gibt, sich um sich selbst zu kümmern, und zwar nicht im trivialen Sinne von Selbsterfahrung, sondern als Arbeit an der Schönheit der Seele durch die Errichtung einer Rangordnung der Werte. Das aber heißt nichts anderes, als sich von der Vulgarität und Dekadenz dadurch abzugrenzen, daß man so gut wie möglich eine intellektuelle und gefühlsmäßige Distanz zur Kultur der Gegenwart aufbaut, die sich tunlichst auch im eigenen, zum Beispiel pädagogischen, Wirken erkennen lassen sollte. Daß eine solche reaktionäre Position schließlich paradox ist, wußte Gómez Dávila nur zu gut. Aber gerade das ist auch reaktionär – die oft stille, immer jedoch entschiedene Zurückweisung der modernen Sucht, für alles und jedes eine „Lösung“ zu finden, alle Paradoxien der menschlichen Existenz auflösen zu wollen.









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