Parteigänger verlorener Sachen – Nicolás Gómez Dávila
Die Empörung, die wir über die Uneinsichtigkeit der Mitmenschen empfinden, wobei „wir“ doch, so könnte man meinen, über die besseren Argumente und Einsichten verfügen, speist sich aus der unzureichend realistischen Sicht dessen, was ist. Der Reaktionär aber ist, kurz gesagt, derjenige, der uneingeschränkt und ungekürzt sehen will, was ist – zwar ohne davor den Kotau zu machen, ohne aber auch vergeblich dagegen anzurennen. Der Reaktionär ist nicht der Illusionär, der sich Hoffnungen hingibt, auch wenn er deshalb nicht ohne Hoffnung ist – und zwar auf Gott. Der Reaktionär erhofft nichts von einer Revolution; wenn es aber einmal durch Langeweile und Ekel eine günstige Zeit geben wird, so Gómez Dávila, werde die Reaktion nicht auf triviale Weise revolutionär, sondern auf radikale Weise metanoetisch sein, also eine geistig-seelische Umkehr herbeiführen.
Der Reaktionär ist ein Kenner der Geschichte, denn was der Mensch sei, das erfährt man in erster Linie durch sie. Es ist daher auch kein Wunder, daß das hervorragendste aller Bücher für Gómez Dávila die Geschichte des peloponnesischen Krieges von Thukydides ist, ein bis heute vor allem auch in Dingen der internationalen Beziehungen unerschöpflicher Klassiker des politischen Realismus. Wer die Natur des Menschen so in Rechnung stellt wie es Thukydides tut, ist notwendigerweise Reaktionär, denn sein Denken ist eine vorweggenommene Reaktion, die bereits vor dem Verbrechen erfolgt, das er unerbittlich kommen sieht. Der Reaktionär ist deshalb kein nostalgischer Träumer, sondern ein unbestechlicher Richter, der das Scheitern der Hoffnungen und Träume des Menschen auf Erden erwartet. Denn: „Alles Leben ist ein gescheitertes Experiment.“
Wie bewertet der Reaktionär unter diesen Maßgaben die Welt der Politik, wie bezieht er Stellung zur Linken und Rechten, was ist seiner Auffassung nach das Basistheorem der Reaktion, falls es ein solches gibt? Ich werde zunächst die Stellung des Reaktionärs zur Linken, dann zur Rechten und abschließend zur Moderne insgesamt skizzieren, um so eine erste Annäherung an das merkwürdige Phänomen des Reaktionärs zu leisten.
Es gibt zahlreiche Abstufungen des Linken, und Gómez Dávila spricht einmal vom Progressisten oder Fortschrittler, einmal vom Revolutionär, einmal vom Liberalen, die durchaus nicht identisch sind. In unterschiedlichen Graden verkörpern sie für den Reaktionär die Konsequenzen, die aus den modernen Prinzipien fließen. Dabei verkennen die Revolutionäre, daß die Gesellschaft nicht auf rein rationalem Wege konstruiert und gestaltet werden kann.
Eine Gesellschaft aber sei nur insoweit erträglich, wie sie sogenannt irrationale Elemente enthalte. Zu guter Letzt, moniert Gómez Dávila, zerstörten die Revolutionäre eben das, was die Gesellschaften erträglich machte, gegen die sie rebellieren.
So scharf der Reaktionär die Linke auch kritisiert, zeigt er doch ein großes Verständnis für den Impuls, der hinter der Wahl für die Linke oder den Kommunismus liegt – denn die Linke spürt, daß die Welt nicht ist, wie sie sein soll. Ihre Vorschläge aber, diesen Zustand zu verändern, die linken Lösungen, führen regelmäßig zu Katastrophen ungekannten Ausmaßes. Das Tragische der Linken besteht aus Sicht des Reaktionärs darin, daß ihre Therapien das Übel immer nur verstärken. Und zwar deshalb, weil der Fortschrittler zuletzt immer von der menschlichen Natur überrascht wird, die er in seinem Enthusiasmus für Veränderung vergessen hatte.









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