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scheil Stefan Scheil


Legenden, Fakten und Freiheiten

Die Bundesrepublik ist auf der Suche nach positiven deutschen Traditionen, die den bestehenden Staat legitimieren und bestätigen könnten. Das gestaltet sich allein schon deshalb schwierig, weil die BRD offenkundig ein Zufallsprodukt der Geschichte ist, an dessen Existenz in seiner gegenwärtigen Form mindestens in territoraler Hinsicht noch vor zwei Generationen kaum jemand auch nur in seinen kühnsten Alpträumen gedacht hätte.

Andererseits wurde selbst in den Debatten um die Vereinigung mit der DDR die Legitimität eines solchen Staatsgebildes von bedeutenden Teilen der politischen und intellektuellen deutschen Elite bestritten. Die Teilung sei gerechte Strafe. Andere hielten trotz einer prinzipiellen Befürwortung nicht einmal diese Vereinigung für außenpolitisch durchsetzbar, wieder andere und gar nicht so wenige waren der Ansicht, eine solche Vereinigung müsse dann auch tragfähige Antworten auf die offenen Fragen bezüglich des Schicksals Ostdeutschlands finden – der Gebiete östlich von Oder und Neisse nämlich.

Es kam bekanntlich alles ganz anders. Die Bundesrepublik entstand in ihrer heutigen Form und sucht ihren Platz in der Geschichte. Das führt bemerkenswerterweise zu unnötig kuriosen Debatten und steten kleinen Geschichtslügen. So stellte die hochgelobte und in Teilen tatsächlich auch gar nicht so schlechte Fernsehhokumentation der deutschen Geschichte: „Die Deutschen“, die ersten freien Wahlen zu einem gesamtdeutschen Parlament im Jahr 1848 so dar, als hätten sie nur auf Territorium der BRD des Jahres 2008 stattgefunden und nicht etwa auch in Bozen, Brünn, Breslau und Königsberg. Dieser Fehler war nicht weltbewegend, aber symptomatisch. Hier wurden nicht existierende Traditionslinien zu den heutigen Bundestagswahlen gezogen, mit Hilfe nicht von Deutungen, sondern von Falschinformationen. Ähnliche Mechanismen begleiteten nun auch die Reden und Filmbeiträge aus der siebzigsten Wiederkehr des Kriegsausbruchs. So manches, was an zentraler Stelle über den Gang der Dinge und „immerwährende“ „Alleinverantwortung“ gesagt wurde, war ebenfalls nicht nur eine gewagte Deutung, wie sie immer zulässig ist, sondern schlicht indiskutabel unzutreffend. Dennoch wurde es zum politischen Leitsatz erhoben, in einem Versuch, das mutmaßlich negativ-schuldige Geschehen als Besserungsmahnung zum positiv-traditionswürdigen Ereignis zu erheben.

Man fragt sich, wie es einmal sein könnte, wenn die BRD die eigene Zufälligkeit mit ins offizielle Geschichtsbild integrieren würde, vorzugsweise auf Basis von Tatsachen. Das müßte keineswegs den Verzicht auf die Erinnerung an negative Seiten der eigenen Geschichte bedeuten. Doch die Folgen könnten beachtlich sein, etwa im Sinn des alten Leitspruchs der Positivisten: „Facts will make you free.“

Bildquelle: wikipedia

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