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weissmann Karlheinz Weißmann


Endstation Vaterland

plakat 001Endstation rechts läßt eine neue Serie laufen: „Die Linke und die Nation“. Es handelt sich um einen Wiedergänger, ein Thema, das Sozialdemokraten, Sozialisten, Grüne und Kommunisten in unregelmäßigen Abständen aufbringen, weil sie sich über entscheidende politische Tatsachen nicht im klaren sind. Zu den entscheidenden politischen Tatsachen aber gehört die Nation.

Man kann das Problem sehr deutlich an dem einleitenden Text von Stephan Bliemel (22. Juni) erkennen. Er entwickelt einen Begriff von Nation, der direkt aus dem Oberstufen-Politik-Unterricht eines eher CDU-orientierten Studienrats stammen könnte. Die Vorstellung, die Nation sei praktisch durch die „Atlantische Doppelrevolution“ kreiert worden, in Frankreich habe sich das Volk mittels Gesellschaftsvertrag selbst erfunden und die USA seien als multiethnische, multikulturelle, multirassische Demokratie gedacht gewesen, das alles gehört bloß zu den „conventionellen Lügen der Cultur-Menschheit“ (Max Nordau), mit den historischen Fakten hat es nichts zu tun.

Das ist einem Mann wie Kurt Schumacher noch bewußt gewesen, von dem gestern Ausschnitte einer Rede präsentiert wurden, die der damalige SPD-Vorsitzende im Mai 1950 gehalten hat. Bedenkt man, wo „Endstation rechts“ politisch steht, muß man nicht nur den Hinweis auf die westpreußische (also nach neuester Lesart: polnische?) Herkunft Schumachers bemerkenswert finden, sondern auch die Informationen über dessen Weigerung, die Oder-Neiße-Linie zu akzeptieren und das Beharren auf der Bedeutung des Nationalstaats in einem vereinten Europa.

Eine Haltung, die allerdings nicht erklärt wird, obwohl die dahinter stehenden Grunderfahrungen Schumachers wichtig waren und für eine tatsächliche Klärung der Beziehung von Linker und Nation bedeutsam: das „Augusterlebnis“ von 1914, als sich Arbeiter genauso wie Bürger und Adel entschlossen zeigten, das Vaterland zu verteidigen und die Gedankenblässe des „Internationalismus“ offenkundig wurde, und der Zusammenbruch der SPD 1933, als die verkannte Bedeutung des Nationalen zu den „Todesursachen der deutschen Sozialdemokratie“ (Julius Leber) gehörte.

Solche Einsichten wird man heute in der SPD vergeblich suchen, aber es gibt offenbar unorthodoxe Linke, die weiter sind. In einem Interview mit Jürgen Elsässer, das „Endstation rechts“ am 23. Juni freigestellt hat, entwickelt der Ex-Kommunist und Ex-Antideutsche einige bemerkenswerte Ansichten zum Zusammenhang von Globalisierung und Kapitalismus einerseits, Nation und Sozialismus andererseits. Da ist vieles richtig gesehen und wenig verkehrt; was allerdings etwas deprimiert: Wo Elsässer heute angekommen ist, waren die klügeren Köpfe rechts schon vor zwanzig Jahren.

Nachbemerkung: Angesichts des patriotischen Fortschritts schickt sich das Prosecco-Trinken während des Interviews nicht; zu empfehlen ist deutscher Rieslingsekt, den es auch in  Bio-Qualität gibt, – fragen Sie Ihren Fachhändler.

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