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scheil Stefan Scheil


Brodkorbs Entdeckungsreisen

Matthias Brodkorb hat eine Entdeckung gemacht. Der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern hat Hitlers „Zweites Buch“ aus dem Jahr 1928 gelesen und ist sichtlich beeindruckt von einem Konzept, das er dort gefunden hat.

Er ist sogar versucht, Hitler „prophetische“ Gaben zu attestieren und meint: „Fast gewinnt man das Gefühl, seine Konzeption eines Bundes freiheitlicher Nationen Europas, die den USA auf dem Weltmarkt die Stirn bieten, wäre eine unerwähnte Blaupause heutiger Rechtsextremisten, die bekanntlich die Globalisierung und die USA zugunsten einer „Vielfalt der Völker“ zu ihren Hauptfeinden erklärt haben.“ Dies läßt Brodkorb auf seiner Seite Endstation Rechts wissen.

Nun gibt es auch des Rechtsextremismus unverdächtige Organisationen wie ATTAC, die gegen Globalisierung und die USA auftreten. Auch ein Konzept des regionalen Wirtschaftens und der Rettung wenigstens regionaler Kultur wird dort vertreten, das theoretisch nicht unkompatibel mit dem der „Vielfalt der Völker“ ist. Man kann zudem etwas erstaunt sein, wenn Brodkorb „entdeckt“, daß Hitlers wiederholt formulierte Absage an die Weltmarktkonkurrenz gerade eine Absage an die aus dieser Konkurrenz entstehenden Kriege sein soll. So unbekannt sollte dies doch wirklich nicht sein.

Wir seufzen an dieser Stelle leicht und denken daran, was uns alles an politischer Polemik vorgeworfen wurde, seit wir vor jetzt schon gut zehn Jahren in „Logik der Mächte“ auf eben diese Stellen im Zweiten Buch hingewiesen haben und darauf, daß es eine Entwicklung gibt. Sie führt von dem Parteiagitator Hitler, der in „Mein Kampf“ vom nachgeholten Sieges- und Siedlungsmarsch nach Rußland schwadronierte, bis zu jenem Staats- und Parteichef Hitler, der 1937 laut der Hoßbach-Niederschrift erklärte, man müsse sich für Generationen mit Deutschland plus Österreich und der Tschechei bescheiden. So ziemlich in der Mitte dieser Entwicklung steht das „Zweite Buch“ mit seiner Absage an europäische Eroberungsfeldzüge und dem statt dessen entwickelten Konzept des europäischen Bundes, der – ausdrücklich nach ähnlichen Rasseprinzipien organisiert wie die USA der 1920er Jahre – dem Globalisierungsdruck durch die USA standhalten soll.

Es ist in jedem Fall bemerkenswert, daß Hitler hier von Brodkorb als politischer Denker entdeckt wird. Tatsächlich führt erst dieser selten – und im politischen Bereich fast nie – beschrittene Weg zu einem Verständnis dessen, was der Nationalsozialismus wollte und tat, als zeittypische politische Bewegung, die nicht in den psychoanalytischen Banalitäten analysiert werden kann, wie dies selbst in der akademischen Zeitgeschichte nach 1945 häufig üblich gewesen ist.

Wir wünschen dem sozialdemokratischen Abgeordneten Brodkorb noch weitere Lektüregewinne in dieser Richtung und weisen mögliche Nachahmer darauf hin, daß das „Zweite Buch“ keineswegs nur antiquarisch zu bekommen ist, wie Brodborb meint. Es wurde 1995 als „Aussenpolitische Standortbestimmung nach der Reichstagswahl Juni-Juli 1928″ in die vom Saur-Verlag herausgebene wissenschaftliche Edition von Hitlers „Reden, Schriften, Anordnungen“ aufgenommen. So geheimnisvoll ist das alles gar nicht, wenn man nur genau hinsieht.

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