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Die zweifach verlorene Heimat – Ein Briefwechsel mit Hans Bergel

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56pdf der Druckfassung aus Sezession 56 / Oktober 2013

In diesem Sommer, der ein staubtrockener, heißer Sommer war, beendete ich die Lektüre eines dicken Buches: Die Wiederkehr der Wölfe von Hans Bergel umfaßt siebenhundert Seiten und ist der beste Roman, den ich über das geistige Dilemma gebildeter, nationalbewußter Kreise während des Dritten Reichs kenne.

Er beschreibt die Entwicklung eines jungen Mannes, der die (Selbst-)Zerstörung Europas vom Sommer 1940 bis zum Kriegsende 1945 als Angehöriger der deutschen Volksgruppe in Rumänien erlebt – der Schriftsteller Hans Bergel (Jahrgang 1925) ist selbst ein Siebenbürger Sachse, stammt aus Rosenau bei Kronstadt im Karpatenbogen und lebt erst seit 1968 in Deutschland.

Bergel war einer jener fünf Schriftsteller, die im großen Schauprozeß von 1959 in Kronstadt zu langjährigen Haftstrafen nebst Zwangsarbeit verurteilt wurden. Er hat überlebt, hat den Charakter und die politische Bedeutung des Prozesses in Zusammenarbeit mit Kollegen und Literaturwissenschaftlern aufgearbeitet und vor allem Erzählungen und Romane über diese Zeit veröffentlicht (rezensiert in Sezession 49/August 2012 und 53/April 2013).

Auf Bergel gestoßen bin ich über einen Umweg: Der ebenfalls aus Siebenbürgen stammende und noch immer dort lebende Schriftsteller Eginald Schlattner hat in den vergangenen fünfzehn Jahren drei Romane veröffentlicht, von denen der berühmteste (Rote Handschuhe, 2000) den Kronstädter Schriftsteller-Prozeß aus der Sicht des jungen, unsicheren Kronzeugen schildert. Dieser Kronzeuge war Schlattner selbst, ich besuchte ihn vor zwei Jahren und schrieb danach ein Portrait über diesen ebenso eitlen wie sprachgewandten, großen Erzähler (Sezession 47/April 2012). Schlattner brach danach den Kontakt ab, weil ich seiner Version nicht gefolgt war, sondern seinen im Roman kaum verhüllten Spott über die verurteilten Schriftsteller mehrfach und sehr kritisch angesprochen hatte.

Es war dann ein Sezession-Leser, der Hans Bergel nach einer Lesung in Rastatt dieses Schlattner-Portrait sowie einen Text über eine Wanderung in die Karpaten gab (Sezession 16/Februar 2007): Hans Bergel reagierte prompt, seither stehen wir im Austausch. In seiner Offenheit überrascht hat mich der ausführliche Brief vom 2. Juli 2012, in dem Bergel von seiner rasch begrabenen Hoffnung auf eine neue Heimat nach seiner Ausreise aus Rumänien im Jahr 1968 schreibt: Jemand mit seinen Erfahrungen und seinem Charakter konnte in der BRD nicht heimisch werden, und die Wende hat an dieser völligen Desillusionierung nichts geändert.

Insofern ist der im Folgenden veröffentlichte Auszug aus dem Briefwechsel repräsentativ für die tragische Heimatlosigkeit gerade jener, die von ihrem Volk mehr halten als die Zyniker, die es derzeit in den Ruin treiben und dennoch immer wieder gewählt werden.

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6 Kommentare zu „Die zweifach verlorene Heimat – Ein Briefwechsel mit Hans Bergel“

  1. Wer Schlattner einmal kennengelernt hat, wird von dessen ungewöhnlicher Selbstgefälligkeit, ja, von seinem Narzißmus, beeindruckt sein. Als siebenbürger Pfaff und kontinental renommierter Schriftsteller ist er weder Fisch noch Fleisch: Im Gegensatz zur engstirnigen BRD-Hautevolee hat er wenigstens noch einen Blick über Völkerschaften und Geschichtshorizonte hinweg, zwischen den „dagebliebenen“ Sachsen mit ihren zerfurchten Gesichtern und rauhen Händen ist er aber ein skurriler Paradiesvogel.

  2. Johannes Schmalenberg

    Ich habe lange Jahre über die so genannten Volksdeutschen und ihre Geschichte gearbeitet. Klagen, wie Sie Hans Bergel erhebt, sind Standard und waren es „immer“. Schon eine Verständigung zwischen Volksdeutschen und so genannten Reichsdeutschen war kaum möglich. Kaum waren die Volksdeutschen „heim ins Reich“ geholt, gab es von volksdeutscher Seite beinahe nur noch Klagen über Missachtung und Geringschätzung und Benachteiligung.

    Ich sage das, um darauf hin zu weisen, dass die zum Teil Jahrhunderte lange getrennte kulturelle und sonstige soziale und politische Entwicklung reale kulturelle und sonstige Folgen hatte. Das unter den Volksdeutschen hoch gehaltene oder im „Deutschtumskampf“ kämpferisch behauptete „Deutschtum“ stand und steht in erheblicher Differenz zu den in Deutschland, wann und wo auch immer, ob im „Dritten Reich“ oder in de BRD oder in der DDR, gelebten Selbstverständlichkeiten und Nicht-Selbstverständlichkeiten.

    Ein Dialog zwischen beiden Gruppen, will er Ernst genommen werden und soll er fruchtbar sein, muss das reflektieren und versuchen, beiden Seiten gerecht zu werden. Geschieht das nicht, werden die Volksdeutschen weiter als die ewig Zukurzgekommenen in der Jammerecke der Geschichte wahrgenommen – und früher oder später vergessen werden, soweit sie nicht schon vergessen sind.

  3. Daniel

    Mit geradezu existenzieller Erregung, atemlos, ja fiebernd las ich den Briefwechsel, geradezu euphorisiert währenddessen in der Wohnung auf und ab laufend, trotz mehr als zehn Stunden harter, körperlicher Arbeit zuvor! Dies ist kein Feierabendbierchen, hiernach will man sein Leben ändern! Vielleicht spreche ich für manche, die hier seit Jahren schon mitlesen, aber wie Martin Lichtmesz es die Tage schrieb, aus verschiedenen Gründen (noch) den direkten Kontakt zur „rechten Szene“ scheuen, die gerade in anderen Zusammenhängen leben, bei den sich das Rechtssein eher in einer bestimmten Haltung im Alltag ausdrückt, die aber gerade von solch „persönlichen“ Einblicken (die die Veröffentlichung von Briefen ja darstellen) ungeheuer angesprochen und geprägt werden. Und da, über diese Haltung von Leuten, die Sezession lesen, aber nicht sofort als „Rechte“ mit allen Assoziationen und den daraus folgenden „Kontaminationsängsten“ identifiziert werden, und die in ihrem privaten und beruflichen Umfeld wiederum eine anziehende Wirkung auf viele Entwurzelte, Schwache und Richtungslose erzielt haben (in der Sprache, in den Worten, ja durchaus im Davila’schen Sinne mit umgekehrten Vorzeichen), erzielt wiederum die Sezession wahrscheinlich die größte Breitenwirkung, und solcherart „wiedergeborene“ Deutsche (im Mohler’schen Sinne) sorgen mittelfristig dafür, daß die im Briefwechsel geschilderten Auflösungstendenzen aufgehalten werden! Von wem sonst?

    Und Eginald Schlattner, mit dem ich mich nach den Beiträgen hier damals zu beschäftigen begonnen hatte, liegt mir auch nicht. Zwei Romane Hans Bergels wurden dagegen eben geordert.

  4. Hartwig

    Herr Kubitschek, habe den Briefwechsel gerade in der Printausgabe gelesen, und mir ging es wie @Daniel. Eine beeindruckende, tiefgehende,und trotz aller angedeuteten Vergeblichkeit und Aussichtslosigkeit, aktivierende und euphorisierende Lektüre. Falls der Strang noch ein wenig offen bleibt, kann ich vielleicht (!) ausführlicher werden. Im Moment muss ich mich erstmal sammeln.

  5. Hartwig

    Nochmal ich. Was ist es, was mich am Briefwechsel, speziell an den Zeilen von Bergel aufwühlt. Es ist die Erinnerung an die Zeiten der DDR; mit Rumänien nicht vergleichbar, mit der Situation von Bergel als dortiger Deutscher auch nicht, aber es ist die schmerzvolle Bewusstmachung an die eigene Halbherzigkeit damals, und schlimmer noch, an das Fortbestehen dieser Halbherzigkeit heute.
    Kleine Scharmützel, Provokationen und Verweigerungen, die ich mir damals leistete. Schon dies kostete Mut und war doch letztlich nichts. Nicht mehr, als die Möglichkeit, noch in den Spiegel schauen zu können. Nicht mehr, als einen Reststolz zu bewahren. Ohne dies ging es nicht und hätte ich es nicht ertragen, aber zu MEHR war ich dann auch nicht fähig.
    Und heute? Ähnlich! Zu einer wahrhaften Aktion des Widerstandes fehlt es. Es fehlt der Mumm, und es fehlt der Mitstreiter. Stattdessen wie damals Provozierendes, das offene Wort. Zuweilen verspüre ich Fremdschämen, … also man schämt sich für mich.
    Aber was bedeutet das alles? Es ist allenfalls ein kleiner Hinweis an die Außenwelt, das der große Konsens noch nicht vollumfänglich verwirklicht ist. Und auch hier wieder das Gefühl, dass es ohne dieses bischen Aufbegehren nicht mehr geht, aber auch, dass fast jegliches nennenswerte Risiko gescheut wird. Antifa-Plakate überkleben – im Dunkeln! Antifa-Plakate überkleben in vollem Licht, unter missgönnendem Publikum?? Nein, dafür reichts nicht. Und wenn man dagegen stellt, was man, was ich zu verlieren habe, so wird die ganze Sache noch beschämender. Stehe ganz gut da, und alles gesetzlich nicht Verbotene hätte für mich nur Folgen im persönlichen Bereich.
    Weiter oben schrieb ich von „aktivierender Lektüre“. Wir werde sehen.

  6. Toni München

    Sehr geehrter Herr Kubitschek, sehr geehrter Herr Bergel,

    heute am späten Nachmittag, nach des Tages Qual und Mühe, im Wohnzimmersessel beim ungestörten, zweimaligen Lesen Ihres eindrucksvollen Zweier-Briefwechsels in der jüngsten Druckausgabe der Sezession, Nr. 56, sind mir die Schiller’schen Verszeilen „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte“ in den traurigen Sinn gekommen und seitdem nicht mehr verschwunden. Ich will Ihnen sagen, warum.

    Ich, als Nachkriegswestdeutscher, habe selbstverständlich (bei weitem) nicht ein Schicksal, wie Herr Bergel, und es fehlt mir auch die oppositionelle Kraft und Leistungsfähigkeit eines Herrn Kubitschek, aber ich habe, wenn ich an unser Land denke, dasselbe fassungslose, wütende Empfinden in Anbetracht der „Verrottungstendenzen“ und in Anbetracht der „niederträchtigen Geschmeidigkeit“ unserer „unsichtbaren Gegner“. Wie es ausschaut, werden wir wohl verlieren, aber dann möglichst mit Anstand und aufrecht.

    Ja, die „Bürgschaft“, aus der ich oben zitiert habe, ist schon eine wunderschöne Ballade von unverbrüchlicher Freundschaft und fester Entschlossenheit. Nicht nur etwas für Jungs. Ich weiß noch, selbst meine jungen Töchter waren davon tief beeindruckt, als wir vor Jahren u.a. mit dieser Ballade unsere deutsche Sprachfertigkeit übten.

    Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor,
    Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
    Das die Menge gaffend umstehet;
    An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
    Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
    „Mich, Henker“, ruft er, „erwürget!
    Da bin ich, für den er gebürget!“

    Ich hoffe, ich disqualifiziere mich nicht in den Augen des Verfassungsschutzes, wenn ich zugebe, dass ich, um meine allzu herbstliche Stimmung zu verbessern, im Anschluss an die heutige Lektüre der Sezession eine CD eingelegt habe, mit (soweit ich weiß, noch immer nicht verbotenen) Liedern von Lützows wilder verwegener Jagd, von der Wacht am Rhein (passend zu K. Weißmanns „Begrenzung des Eigenen“, Sezession, S.24) oder auch von der Sonne, die rot scheint.

Diskussion geschlossen. :-)

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