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Sonntag in Sachsen-Anhalt

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pdf der Druckfassung aus Sezession 18/Juni 2007

sez nr 182 Sonntag in Sachsen AnhaltWenn man an einem Sonntag im sonnigen Mai in unserem Dorf mittags um eins versucht, ein schläfriges Kindchen in seinem Wagen unter einen Baum in den Schatten zu stellen, muß man am besten schon vormittags das Treiben der Nachbarn protokollieren, damit man den richtigen Baum erwischt. Denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird einer dieser Nachbarn seinen Rasenmäher oder seine Motorsense anwerfen, um das Luther-Wort zu würdigen, nach dem jede Arbeit ein Gottesdienst sei. Der richtige Baum für das schlafende Kind steht also dort, wo die Nachbarschaft schon am Morgen gemäht hat oder erst am Abend mähen wird. Mit der Zeit weiß man um die Gewohnheiten der Leute und hat von Zaun zu Zaun über diese Gewohnheiten einige Fragen und Antworten gewechselt. Dergestalt: Warum denn der Sonntag im halben Dorf der Tag des Rasenmähens sei? Warum nicht? – Ob denn der Sonntag nichts Besonderes sei? Warum sollte er? – Jetzt aber sei Mittagszeit. Nein, gegessen habe man schon um halb zwölf. – Aber es gebe eine Gemeindeordnung! Nun, man habe auch schon bei uns Verstöße wahrgenommen, etwa das Verbrennen eines Bergs gerodeter Brennesseln oder mangelhaften Winterdienst entlang der Scheune. – Ist ja gut.

Es hat keinen Sinn, weitere Gespräche zu führen. Der Sonntag ist in unserem Dorf, in Schnellroda, im Süden Sachsen-Anhalts, kein Sonntag mehr. Der Sonntag ist ein freier Tag, er ist ein zweiter Samstag, und man erledigt an den beiden Samstagen das, wofür man unter der Woche keine Zeit fand. Neulich trieb einer der Nachbarn den Bau eines Betonsokkels voran, der Mischer lief von Sonntag früh über die Mittagszeit bis in den Abend. Schalungen wurden zugesägt und festgeklopft, Armierungen mit einer Flex zurechtgeschnitten, unüberhörbar die kreischende Metallschleifscheibe selbst ein paar hundert Meter weiter vor der Kirche, in der für zwei Uhr der Gottesdienst angesetzt ist.
Der Gottesdienst heute: sieben Leute, drei alte Frauen, der Kirchendienst und ich mit zweien unserer Kinder. Daß kaum einer kommt, liegt nicht am Pastor. Er versieht sein Amt vorbildlich, stammt aus der Region und predigt von der Kanzel. Er ist gebildet und pflegt doch eine Sprache, die einer dörflichen Gemeinde angemessen ist. Er produziert sich nicht. Er wählt Themen, die den christlichen Jahreskreis auslegen und nicht ohne Forderung an das Leben des Einzelnen bleiben. Seine Gottesdienste sind streng liturgisch, es gibt keine Experimente und keine „Moderation“. Die Liedauswahl ist traditionell, man kann eine Vorliebe für Paul Gerhardt und Christian Renatus von Zinzendorf erkennen, und die Orgelbegleitung ist professionell – ein junger Mann begleitet den Pastor auf seiner sonntäglichen Rundreise durch die Gemeinden.

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