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Der Tanz um den wunden Punkt – Andeutungen zu einem Gespräch

Hatte Besuch von zwei Leuten, die auf der anderen Seite des Flusses wohnen. Sie waren für ein Gespräch angemeldet, für ein ausführliches Gespräch über die Grundlagen des 21. Jahrhunderts. Sie stellten die richtigen Fragen, wir mißverstanden uns nicht. Sie sehen vieles ähnlich, ziehen den Karren aber in eine völlig andere Richtung – vor hunderttausenden Lesern.

Manche Fragen waren simpel zu beantworten, etwa die nach dem Wesenskern einer „Neuen Rechten“:
+ Sie ist nicht nostalgisch, begreift den Menschen aber als „historische Existenz“ – ob dieser nun eine sein will oder nicht – und leitet daraus Achtung vor den Vorfahren und Verantwortungsbewußtsein für die Nachkommen ab.
(Während ichs so sagte, kams mir wieder so banal vor, so selbstverständlich, so nicht der Rede wert – aber als das Gespräch weiterlief, wurde mir klar, daß es ganz und gar nichts Selbstverständliches ist, sich selbst als Glied einer Kette zu sehen, die unser Volk auf seinem Weg durch die Zeit bildet).
+ Sie nimmt die Lebensmöglichkeiten der Moderne wahr, ohne über diesen Möglichkeiten die Gefährdungen (die Kehrseite der Medaille) zu verkennen.
+ Die Neue Rechte spielt mit offenen Karten, sie vermummt sich nicht, sie denunziert nicht; das, was sie sagt und denkt, muß sie äußern dürfen – ungehindert, nicht kriminalisiert –, und sie hat mit der Schieflage zu leben, daß es kein Leitmedium gibt, das auf ihrer Seite stünde.
(Großer Widerspruch auf Seiten der Besucher: Dies stimme nicht, dies träfe nicht zu, man müsse sich nur einmal die FAZ vornehmen, usf. – so als hätte es jüngst den Fall Lorenz Jägers nicht gegeben. Mir fiel am Ende nichts anderes mehr ein, als das Thema zu wechseln.)
+ Zuletzt die beiden klassisch rechten Überzeugungen: Auch die Neue Rechte begreift den Menschen als „riskiertes Wesen“, traut ihm also viel, aber nicht zuviel zu; auch die Neue Rechte weiß, daß dieser Mensch auf Ordnung angewiesen ist, und daß man Ordnungen leicht aufs Spiel setzt, aber schwer nur wieder aufrichtet.

Dies zog einen Rattenschwanz nach sich. Woher die Defensive komme, woher die Larmoyanz, das Passive, das Gejammere über die schlechten Zeiten und die schlimmen Entwicklungen. Dies ließ nur eine Gegenfrage zu:
+ Wo bitte würde hier gejammert? Geklagt? Ist es nicht vielmehr so, daß der nüchterne, der desillussionierte, der melancholische und trotzige Habitus verwechselt würde mit Passivität? Denn auch das zeichnet die Neue Rechte aus: daß sie in der Lage lebt – und nicht im Elfenbeinturm.
+ Und natürlich: Wer das Leben an sich bejaht (wieder so eine Formel, die selbstverständlich und banal klingt), der bejaht zunächst einmal alle Blüten und Formen, die das Leben hervortreibt, und der verharrt in Anschauung („Dies alles gibt es also“). Rührt von dorther der passive Ton, den die schlichteren Gemüter etwa einem Ernst Jünger vorwerfen, wenn sie ihn „nur beobachtend“ und mit eiskalter Nadel notierend durch das besetzte Paris streifen sehen?
+ Ja, wie schlicht wieder solcher Vorwurf, wie anmaßend und naiv dieser Sophie-Scholl-Ton, der mir entgegenschlug. Kein Gedanke an ein „Leben-Müssen“ im Räderwerk der Knochenmühlen, an einen Zwiespalt zwischen Deutsch-Sein auf der einen, ins NS-System eingebunden sein auf der anderen Seite. Und immer der Verdacht, man wolle „aufrechnen“. Will man gar nicht, will ich gar nicht. Daß mir aber unsere Opfer näher sind als die der anderen: Das halte ich weiterhin für das Normalempfinden – die Trauer um die Opfer der ganzen Welt hingegen für eine ebenso infantile wie im Kern unredliche Gemütsregung.

Und so ging das immer weiter, und dann war der Moment nahe, an dem ich mich distanzieren sollte: Von den ganz rechten, von den Nazis, von den Radikalen, letztlich auch von der Simplifizierung komplexer Themen. Schuldig geworden sei ich als Mitautor eines Buches über Deutsche Opfer und fremde Täter, das zum Schema mache, was doch bloß immer wieder ein Einzelfall sei.
+ Gelesen hatte dieses Buch keiner der beiden Besucher (vielleicht liests der eine jetzt gerade).
+ Jede These ist eine Simplifizierung, eine Vereinfachung der Komplexität, der Versuch, in den Griff zu bekommen, was stets ein bißchen glitschig bleibt. Und der Umstand, daß wir die ersten waren, die dieses Thema in seiner ganzen Brutalität und seinem ganzen Ausmaß wo nicht beschrieben, so doch wenigstens aufgebohrt haben, legitimiert diese Arbeit.
+ Indes: Sind unter denen, von denen man Applaus für solche Bücher bekommt, nicht auch manche ein bißchen glitschig, vielleicht sogar ziemlich so, daß man sie nicht verteidigen möchte? Jede Menge Leute also, die im Internet anonym nur von „Kamelfickern“ und „Kufnucken“ schreiben, wenn sie Moslems, von „Einmann-Zelten“, wenn sie verschleierte Frauen meinen?

Einer (nicht einer der Gesprächspartner vom vergangenen Mittwoch) schrieb: „Was ist das, wofür Du kämpfst? Weißt Du, dieses noch nicht geführte Gespräch ist wie die leere Mitte, um die wir kreisen. Denn wir beide sind ja nun so, daß wir das, wofür wir brennen, über fast alles andere stellen würden. Du bist diesen Weg gegangen und davon, welchen Weg man einschlägt, hängt vieles ab. Möglich, denke ich, wären Dir auch andere Wege gewesen, mir auch. Ich meine, ich glaube, es widerstreiten sich in Dir Politik und Kunst und ich habe noch nicht verstanden, wie Du das in Einklang bringst.“

Zum Glück sind wir bis zu diesem Punkt im Gespräch nicht gekommen, und so suggestiv und schon mit Teil-Antworten behaftet wäre die Frage auch nicht aufgetaucht, hier in meinem Büro am Mittwochabend. Ich habe darauf übrigens keine rechte Antwort, und ich hätte mich wohl mit einer Gegenfrage gewehrt, zunächst: Wie kommt es, daß einer wie Sie, der so sehr zu anderen Schlüssen kommt als ich (obwohl er sieht, was ich sehe und beschreibe) auf die Frage nach seinem bevorzugten modernen deutschen Schriftsteller antwortet: Christian Kracht? Wie wären ein linker Lebenstraum und diese literarische Vorliebe in Einklang miteinander zu bringen?

Oder ist es so, wie ich es schon immer befürchtet habe: Daß dies alles gar nicht mehr links ist, sondern bloß noch post-modern, d.h. verantwortungslos, d.h. spielerisch  – mit der Gewißheit, daß man den Spieltisch verlassen kann, wenns sich doch nicht so entwickelt, wie man dachte? Und ist es nicht so, daß ich, daß wir uns dieses Spiel verboten, früh schon, mit Anfang zwanzig – vielleicht, weil man nicht spielt mit Ordnungen und Menschen und vor allem nicht mit den eigenen Leuten?

Nun: Wir lesen voneinander.
Test

15 Kommentare zu „Der Tanz um den wunden Punkt – Andeutungen zu einem Gespräch“

  1. Thomas Alva Zapparoni

    Motor vs. Seele

    Lassen Sie es sich gesagt sein: Es gibt hierzulande viele still leidende, die dem „Maelstrom“ (F. G. Jünger) nicht mehr entkommen werden, ja, die mitten drin stecken (und dann möglicherweise in ihrer blinden Verzweiflung jemanden aus der „rechten Ecke“ beschuldigen). Denn die tote Zeit und die Schürfung, die die kapitalistische Automatisierung nach sich zieht, macht vor dem Menschen nicht halt. Es handelt sich wahrhaft um eine Abnutzung von Menschenmaterial, nicht nur im Alltag, sondern auch genetisch. Der Zustand, in dem wir uns jetzt befinden, ist mit nichts anderem mehr zu vergleichen als mit einem Krieg, in dem die stillen Verletzten noch im Paradies vegetieren. (Aber das wissen Sie selbst. Warum sollte ein Krieg also immer laut vor sich gehen?) Unter diesem Aspekt sind auch Ernst Jüngers Stahlgewitter heute zu lesen. Um so größer die Schürfung der eigenen inneren Substanz, desto mehr wird gespielt; jedes Spiel wird recht. Und die Verletzten spielen das Spiel der Herrn der Welt mit. Abstammung, Herkunft spielen in diesem Zustand keinerlei Rolle mehr. Den Kindern werden die Legosteine vor die Füße gelegt; die Eltern schweigen; die Kinder bauen ihre Welten, werden sich „hacken“ bis auf die Türme von Babel. Und bei temperamentloseren Naturen wird sich ein Idealismus einstellen, der sich rasend breit macht, der die Welt mit Linien durchschneidet. Ich denke, dass in den noch wohlbehüteteren deutschen Heimen, in denen noch Geschichten erzählt werden – anstatt vor Bildschirmen zu erstarren –, gar keine Vorstellung herrscht, welches Leiden der Fortschritt von der Substanz, gepaart mit schweigender Zustimmung, in den Menschen verursacht. Es ist schwer, jemanden anzuklagen, denn viele stecken bis zum Hals in diesem Schlammassel. Was ist – mechanisch gesagt – der wunde Punkt? Er ist vergleichbar mit der Achse der Maschine, die sich bis in unsere Seele dreht, als Verletzung des natürlichen Zustandes. Der Motor und die Seele, das passt auf Dauer nicht zusammen.

    Das soll nur ein kleiner, überreizter, polemischer Einblick sein in eine bürgerliche Welt, die noch vor 2 Generationen Substanz und Stolz auf ihre Herkunft besaß, die sie nun blind in die Nacht deligiert hat. Es wird nicht viel bleiben; und vielleicht besteht mit der Hilfe von Engagierten wie Ihnen noch Hoffnung auf die Abwendung des Schlimmsten. Aber ich sehe wenig davon, denn der Raubbau, verbunden mit dem großen Schweigen ist gerade bei den Opfern dieses Systems so subtil, dass ihn schlichtweg kaum jemand wahrnimmt. Wie gesagt: Gerade die Opfer kollaborieren!!

    In diesem Sinne wünsche ich mir mehr Darstellungen von Grenzgängern, die den Weg gemacht haben von einer vielleicht larmoyanten, gar dekadenten, „postmodernen“, verantwortungslosen, linken Haltung hin zu einer Haltung eines bodenständigen Anstands – und dafür steht für mich die Neue Rechte -; und zu diesem Anstand gehört, dass er sich zu verteidigen weiß. Das beobachte ich querweg durch die Reihen der rechten Autoren, durch die ich mich arbeite. Das gibt Kraft! Die, die diesen Anstand haben, können es sich auch nicht anders vorstellen, dass sie ihn gleichzeitig verteidigen. Zu banal muss Ihnen die Maschine scheinen, die das Leiden verursacht. Ja – wie banal ist sie tatsächlich; aber das Leiden der Seele und ihre Heilung sind es nicht!

  2. christian schulz

    Wahrheit, Reinheit, Treue, Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber: Das ist die einzig denkbare Ethik.

    Otto Weininger

  3. Ganz gewiss: Es ist „bloß noch post-modern, d.h. verantwortungslos, d.h. spielerisch  – mit der Gewißheit, daß man den Spieltisch verlassen kann, wenns sich doch nicht so entwickelt, wie man dachte“. Linkes Vokabular kommt diesem Postmodernismus nur am meisten entgegen. In jenem ist die Auflösungstendenz angelegt. Mal für das Volk, mal gegen es, mal gegen Amerika und den Westen, mal dafür, mal für den technischen Fortschritt, mal für das einfache Kommuneleben. Hauptsache „Emanzipation“ – wovon auch immer. So paradox es klingt: De(kon)struktion ist integraler Bestandteil linker Identität.
    Wenn links einmal die Institutionen hochgehalten wurden (die von den Schwachen gebraucht werden) war links rechts, wo rechts einmal Exzess, Schrankenlosigkeit, das wilde Leben (wenn auch nur für wenige Starke) gewollt wurde, war rechts links.
    Heute steht „links“ nur noch für eine kindische Trotzreaktion im Ton von dem, was man für Politik hält und immer läuft linkes Handeln auf das Schönmalen eines synkretistischen Hedonismus´ heraus. Jede Frage nach Substanz, nach dem was bleibt, wird besten Gewissens als faschistische Zumutung zurück gewiesen.
    Ich spreche nicht nur aus eigener Anschauung, sondern aus Erfahrung.
    Hier sich zu bemühen, aus dem „Glitschigen“ heraus zu kommen und die Substanz aufzusuchen, ist – trotz mich oft verstörender Radikalität – bleibendes Verdienst der „Sezession“.

    Viele Grüße,

    Holger

  4. G. Staats

    Oha, was war denn da los?! Was hat es mit den reichlich vielen Andeutungen auf sich? Werden sich die zwei Leutchen noch äußern? Wie auch immer: „Wer bekennt, muss sich nicht mehr fürchten. Er hat, indem er bekennt, alles, was er fürchten könnte, hinter sich gelassen. Und so ist er der freie Mensch.“ (K. Barth, zit. nach: Losungen 2011, 119, zu 1. Petr 2,15f)

  5. Ira

    Simpel heißt manchmal auch: ehrlich. Und außerdem: Komplexe Themen in ihre einfachen Bestandteile zu zerlegen, das ist doch ein hehres Diskussionsziel. Zu große „Einfachheit“ kann daher kein ernstzunehmender Vorwurf sein, höchstens Unwahrheit oder Unvollständigkeit in der Darstellung.
    „Rechts sein“ ist schlicht auch ein – durchaus zulässiges – Geschmacksurteil. Ich würde am liebsten zu denen sagen: wir wollen es so haben und sind euch gar keine Rechenschaft schuldig! Wir haben gute Gründe (auf der pragmatischen Seite), aber wir sind keine reinen Materialisten. Seht lieber her, was wir zu bieten haben, nämlich eine gewisse „Lebensschönheit“!
    Ihr Linken wollt ja nur alles kaputt machen, dekonstruieren, emanzipieren, bis nichts mehr übrig ist von Euch. Dann stopft ihr das große Loch mit Drogen und Konsum und ab zum Psychoberater. Man hat euch einen bunten Phrasenbaukasten zurechtgestellt, aus dem ihr euch bedienen könnt, um eure Substanzlosigkeit zu kaschieren. Euren schrankenlosen Egozentrismus formuliert ihr gern als Menschenrecht, damit habt ihr den moralischen Persilschein für alles weitere.
    Sehr witzig auch immer die Frage, warum hier gejammert wird…. das könnte man als blanken Hohn nehmen, wenn man nicht ausschließen könnte, dass sie wirklich so unwissend dumm sind.
    Egal was die Herren schreiben werden, nicht ärgern lassen!

  6. Theosebeios

    „Schuldig geworden sei ich als Mitautor eines Buches über Deutsche Opfer und fremde Täter, das zum Schema mache, was doch bloß immer wieder ein Einzelfall sei.“
    Vielleicht hätte man dem Buch den Titel „Deutsche Täter – fremde Opfer“ geben sollen. Diesem Schema wird ja – als Kondensat vieler Einzelfälle – eine politische Dimension unterstellt. Woher werden Ihre Gesprächspartner wohl wissen, dass das bejahte Schema kein bloßes Konstrukt ist? Als profunde Kenner werden sie auf zahlreiche eindringliche Befragungen (von Tätern und Opfern) und wissenschaftliche Studien verweisen. Gibt es solche Studien auch unabhängig von einer möglichen deutschen Täterrolle? Nein. Warum nicht? Weil … äh … weil es solche Fälle nicht gibt. Und wenn es sie geben sollte (kurzfristig aktiviertes CDU-Stichwort „Deutschenfeindlichkeit“), sind es Einzelfälle. Daher kann es kein Schema geben.
    Sicher werden die Herren (vom „Focus“?) solche Gedanken nicht gelten lassen wollen. Aber es ist nie zu spät, sie ihnen nicht nahe bringen zu wollen, solange man die Kommunikation nicht eingestellt hat. Also: Nicht mürbe machen lassen! (Auch nicht durch unerwünschten Beifall.)

  7. Mit Menschen zu spielen ist zweideutig. Die eine Bedeutung verurteile ich, die andere bejahe ich. Man muß Unsicherheit ertragen können, das ganze Leben ist voll davon. Das Spiel hier zu gewinnen heißt nicht Macht zu erwerben, sondern sie nicht zu fürchten.

  8. Torsten Hesse

    Ein Teil des Problems besteht wohl darin, daß Begriffe und Fronten ziemlich unklar sind. Rechts ist, zumindest aus linker Perspektive, irgendwo zwischen Auschwitz, Dindl, Richard Wagner und Turbokapitalismus. Links ist, aus rechter Perspektive, irgendwo zwischen Gulag, Pol Pot und kiffenden Multikultichaoten.

    Die Dinge sind kompliziert. Es waren nicht die Linken, die massenhaft Türken und andere Südländer als billige Arbeitskräfte ins Land geholt haben, es war die deutsche Wirtschaftswunder-Wirtschaft. Jetzt ruft sie wieder „händeringend“ nach Fachkräften, auch gern aus dem Ausland. Und es ist die globalisierte Wirtschaft (die nicht zuletzt Siemens, VW, Deutsche Telekom, Deutsche Bank usw. heißt), die vom Menschen nur die Arbeitskraft braucht und honoriert – alles andere, Familie, Nation, Kultur, Religion, Verwurzelung ist gleichgültig bis störend. Nicht Identität, sondern Flexibilität ist gefragt. Außerdem: Leuten, die keine Identität haben, kann man sie verkaufen – als Marke. Das erhöht den Absatz und schafft Wachstum.

    Wer sind die Konservativen in Stuttgart – die, die vergeblich versucht haben, die alten Bäume zu schützen, oder die, die den Superbahnhof durchsetzen, damit alles noch schneller geht?

  9. herbstlicht

    Hat uns da GK wirklich ein “ausführliches Gespräch über die Grundlagen des 21. Jahrhunderts [bezogen auf Deutschland, Europa, den Westen]'‘ umrissen?

    Die im historischen und globalen Vergleich herausragenden Leistungen des Abendlandes sind doch die Naturwissenschaften und die Technik: die Methode der behutsamen, vernünftigen und pragmatischen Auseinandersetzung mit der Welt — die Praxis des Landmanns und Handwerkers systematisiert und verfeinert und ergänzt um die Einsicht, daß all unser Wissen über die Außenwelt nur “bis auf weiteres'‘ gültig ist; daß jede Theorie nur für einen bestimmten Bereich der Welt und nur mit beschränkter Genauigkeit gültig ist.

    Ist nicht die Geschichte der naturwissenschaftlichen Ideen ein Musterbeispiel für Konservatismus, den Erfolg geduldigen Anknüpfens an die Vorgänger unter ständigem Abgleich mit dem Realtext (“Realität'‘)? Von der naturwissenschaftlichen Methode her, erscheinen da die derzeit üblichen Vertreter von “Kultur'‘ und Politik nicht als Schamanen und Phantasten? Ist diese Methode nicht eine stärkere Stütze für die “Neue Rechte'‘ als das “christliche Mittelalter'‘?

    Auf’s Große gesehen erwarte ich als wichtigste Entwicklung im 21.Jahrhundert den dritten “Rammstoß'‘: der erste erfolgte im 17.Jah. und verstieß den Menschen aus der Mitte des Universums — Infinitesimalkalkül und Newtonsche Mechanik gaben das Vokabular dazu. Der zweite erfolgte um 1800 und machte die von Gott geschaffene Erdoberfläche samt Lebewesen zu Evolutionsprodukten — Geologie und Vergleichende Anatomie ermöglichten den Ausdruck. Das 21.Jah. wird auch das Phänomen Geist zum Evolutionsprodukt machen. Die Forschungen über tierische und maschinelle Intelligenz liefern hierfür die Formen des Denkens. Sprengstoff gegen die Menschenbilder der Schamanen.

    Wer jetzt “Materialismus'‘ meint, der möge sich auf die Reise machen durch die Theoretische Physik, bis sich die “Materie'‘ auflöst in mathematische Formen, bis das Leistungsvermögen des eigenen Hirns spürbar wird als Begrenzung der Einsicht in die Welt. Die Grundstimmung des Weltbildes, mit welchem man von dieser Reise zurückkommen wird, stellen etwa Stephen Toulmin und Jane Goodfield (The Discovery of Time) durch ein Zitat aus Lawrence Durrells “Prospero’s Cell'‘ dar:

    “Ich denke gerade'‘, sagt Zarian, “daß es für nichts in der Welt jemals eine endgültige Lösung gibt. In jedem Zeitalter, von jedem Standpunkt aus, sehen wir uns den gleichen Naturphänomenen gegenüber: Mondlicht, Tod, Religion, Lachen, Furcht. Wie die Götzendiener versuchen wir sie in Begriffssysteme zu pressen. Und doch verändern sie sich fortwährend unter unseren Augen.'‘

    “Wenn man das zugibt'‘, sagte der Graf orakelhaft, “gibt man auch zu, daß es Glück gibt — oder Seelenfrieden, wie Sie wollen: sich vorzustellen, daß keine unserer Abstraktionen über Gott und die Menschen gültig ist, und sie doch zu lieben, weil sie die Fehlbarkeit unseres Geistes in sich tragen.'‘

  10. herbstlicht,

    das Denken ist nur eine Strategie, Verbindungen aufzufinden, weiter nichts.

    Was für einen Rammstoß erwarten Sie denn da noch? Das ist doch alles längst bekannt. Zu Gödels Zeiten haben wir uns ernsthaft mit diesen Fragen beschäftigt. Heute, Gott, auch Affen können auf farbige Bilder kucken.

    Wie neuronale Netze prinzipiell funktionieren ist bekannt. Schopenhauer hat es doch schon gesagt, als er meinte, daß der Verstand, das Gehirn nichts anderes mache, als verschiedene Reize in eine Beziehung von Ursache und Wirkung zu bringen.

    Sie sind doch letztlich wie alle, die glauben, Magnettomographen würden irgendetwas wichtiges beantworten, völlig unbeleckt von allen interessanten Fragen.

  11. Gast

    Es ist nicht allein das schamanische, irrationale präzivilisatorische Denken, welches unsere Vertreter von „Kultur, Medien, Politik und sogenannten Geisteswissenschaften beherrscht, die weitgehend dem sogenannten „linken“ Spektrum angehören; es ist nicht allein die Anwesenheit von rationalem, erfahrungsgestütztem Wissen, wie es vorwiegend bei Konservativen vorherrscht, sondern es ist die Unfähigkeit, beide Denkstrukturen zu erkennen. Es ist die Unfähigkeit, beide Einstellungen wie Feuer und Eis nebeneinander bestehen zu lassen und ihre Charakteristiken zu erkennen. Beides kann sehr wohl in einem Menschen nebeneinander existieren. Man muß es aber erkennen können, identifizieren und als miteinander unvereinbare Gegensätze nebeneinander stehen lassen können. Wenn man dies tut, dann erschließen sich Breiche und Räume, die weit über den Rahmen des jetzt Denkbaren hinausgehen.

  12. Asenkrieger

    Das Zeitfenster schließt sich bald. Der Islam steht in unserer Mitte. Wollen wir uns die letzten Jahrzehnte unserer noch relativ vorhandenen Handlungsfreiheit von solchen Typen neutralisieren lassen? Vielleicht spricht Herr Kubitschek mit den falschen Leuten.

  13. herbstlicht

    @Ein Fremder aus Elea Mittwoch, 15. Februar 2012, 19:39

    Sind Sie im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften über ein paar populörwissenschaftliche Bücher hinausgekommen?

  14. Torsten Hesse

    Ja, da ist noch ein Problem: Intellektuelle wie Sarrazin oder „fjordman“ schreiben und veröffentlichen, worüber sie nachgedacht haben und wovon sie überzeugt sind. Das ist normal und sollte kein Problem sein. Leider gibt es tatendurstige junge Leute mit Sendungsbewusstsein, die einiges missverstehen…

    Das ist kein spezifisches Problem der Rechten und Linken. Vor kurzem ist es gelungen, im Labor ein Vogelgrippevirus so zu verändern, dass es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Man wollte wissen, wie ein solches Virus beschaffen ist, um, falls es in der Natur auftauchen sollte, schnell einen Impfstoff bereitstellen zu können. Jetzt geht eine Diskussion darum. ob die Studie veröffentlicht oder unter Verschluss gehalten werden soll.

  15. herbstlicht,

    Sie verstehen vielleicht, daß es nicht den geringsten Grund dafür gibt, etwas solches von sich selbst zu behaupten.

Diskussion geschlossen. :-)

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