Schmidts Schnauze
Ich habe ihn gewählt, als die Alternative Franz-Josef Strauß hieß, von meinem Vater übernahm ich den Respekt vor jenem Mann, der Hamburg bei der Sturmflutkatastrophe 1962 rettete. Mich amüsierte immer der Gedanke, welcher Schock das war, als er bei den Jungsozialisten in seinem alten Wehrmachtsledermantel erschien, und seine autoritäre Attitüde – das Offiziersmäßige, wenn man so will – störte mich so wenig wie seine Entschlossenheit im Kampf gegen den RAF-Terror und seine Hartleibigkeit gegenüber den Pazifisten während der Nachrüstungsdebatte, – ganz im Gegenteil.
Aber wenn sich Konservative in den letzten Jahren anerkennend über Helmut Schmidt äußerten, weil der erklärte, daß ein Haufen Narren unsere Geschichte in ein Verbrecheralbum verwandelt hätte, an den Gymnasien nichts mehr gelernt werde, die Zahl der Zuwanderer zu groß und Rechtsradikalismus bei Fallschirmjäger naturgeben sei (weshalb man es dabei bewenden lassen solle) und das Verhalten der Spitzenmanager der „Deutschen Bank“ dem Namen des Hauses Unehre mache, dann spürte ich immer einen gewissen Vorbehalt. Der hing damit zusammen, daß man merkte, wie sehr Schmidt nach Aufmerksamkeit gierte, wie viele Äußerungen dem widersprachen, was er von sich gegeben hatte, als er in Amt und Würden war und Verantwortung trug, und daß seine immer spürbare Eitelkeit ihn verleitete, einfach irgendetwas zu sagen, was dann sowieso mit Respekt zur Kenntnis genommen wurde, nur weil es das Orakel von Langenhorn geäußert hatte.
Dieses Bewußtsein, daß man sagen kann, was man will, und es goutiert wird, erklärt die Plattheit vieler Aussagen Schmidts in den letzten Jahren. Insofern überrascht auch die Ausfälligkeit gegen die „Deutschnationalen“ vom vergangenen Wochenende nicht, vorgekommen in der Rede auf dem Parteitag seiner Nach-wie-vor-Genossen. Ich sinne allerdings darüber nach, ob ich mir nicht früher etwas vorgemacht habe, was die Souveränität Schmidts angeht.
Vielleicht sind die Invektiven nur dem geistigen Abbau im Alter geschuldet, aber vielleicht hat Schmidt die Umerziehungslektionen aus britischer Kriegsgefangenschaft doch nicht unbeschadet überstanden oder klebt stärker als erwartet am Antipatriotismus der deutschen Linken, der immerhin reicht von den Verrätereien August Bebels über den Enthusiasmus, mit dem die USPD den Kriegsschuldartikel des Versailler Vertrags begrüßte, bis zur Bereitschaft der APO und ihrer Erben, die eigenen Landsleute mit der Faschismuskeule zu traktieren, und hat seine letzte Gestalt gefunden in der aktuellen Bereitschaft, dem Moloch Brüssel nationale Interessen mit einem höhnischen Blick auf das eigene Volk zu opfern.










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