Die Fahne
Es gibt Bilder, die uns ganz unmittelbar ansprechen, wegen des Motivs, wegen der Atmosphäre, die sie festhalten. Das gilt für Zeichnungen oder Gemälde, aber es gilt auch für Fotographien.
In diesem Fall ist es eine Schwarzweißaufnahme, etwas unscharf, drei Soldaten mit den französischen Stahlhelmen des Ersten Weltkriegs, die sich halb über eine Brüstung aus Sandsäcken erheben, ein nach vorn gerecktes Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett, ins Bild hinein schauend einer, der in der Rechten eine Fahnenstange mit eingeschlagenem Tuch emporreckt. Das Foto ist genau zu datieren: Champagne, 25. September 1915, 9.15 Uhr.
Es zeigt den Moment vor dem Sturm des 65. Infanterieregiments der französischen Armee auf die deutschen Linien, und es zeigt den wohl letzten Angriff, der in einem modernen Krieg von einem Fahnenträger angeführt wurde. Es war keine wehende Fahne mehr, denn in den ersten Monaten des Krieges hatte man gelernt, wie schnell das Tuch von Maschinengewehrgarben zerfetzt wurde, aber doch eine symbolische Tat. Die Fahne führte der Kommandant des Regiments, Oberst Desgrées du Lou, der mit dem Ruf „Es lebe Frankreich! Vorwärts!“ über den Grabenrand stieg und kurz darauf von einer feindlichen Kugel tödlich getroffen wurde.
Das Bild hat etwas Archetypisches festgehalten – wie das Feldzeichen im letzten Karré, Friedrich mit der Fahne an der Spitze seiner Männer bei Zorndorf, der Schweizer, der in das Tuch gewickelt unter den Hieben des Mobs stirbt, die Fähnriche, die in der Saale mit der Standarte ihres Regiments stehen und die Kapitulation verweigern, bis der Fluß sie wegreißt –, es wurde nicht inszeniert wie die Flaggenhissung von Iwo Jima oder die auf dem zerstörten Reichstagsgebäude. Es wirkt stilisiert, aber eben nicht „gemacht“, authentischer, – ein echtes Sinnbild der Tapferkeit.









Artikel