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lichtmesz Martin Lichtmesz


Das Manifest der Vielen

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Ich habe eine peinliche Entdeckung gemacht: tief drinnen bin ich ein eingefleischter Liberaler. Dem Liberalismus liegt nämlich nach Carl Schmitt der Glaube daran zugrunde, daß es möglich sei „den Gegner mittels rationaler Argumentation von der Wahrheit eines Arguments zu überzeugen.“ (So zusammengefaßt im eben in der Edition Antaios erschienen „Handbuch der Schlüsselwerke“.) 

Wieso sich diese drollige, fixe Idee so hartnäckig in meinem Inneren hält, ist mir selber ein Rätsel, denn gleichzeitig sagt mir mein Verstand, daß es dabei um eine höchst irrationale Vorstellung handelt. Diese Erkenntnis habe ich insbesondere im Umgang mit Liberalen und liberaler Argumentation gewonnen (eine durchaus typische Erfahrung).  Dieser läuft regelmäßig auf ein Schlagworte-Wrestling und ein ermüdendes „Ich-seh-etwas-was-Du-nicht-siehst“-Spielchen hinaus. Spätestens an diesem Punkt, wo über das verhandelt wird, was Heimito von Doderer „Apperzepionsverweigerung“ nannte, erübrigt sich jegliche Diskussion.

Das mag im Prinzip bei jedem fundamentalen Dissens der Fall sein, was die Auseinandersetzung mit den Liberalen so besonders widrig und ärgerlich macht, ist deren verblüffende Fähigkeit, die eigenen Widersprüche nicht wahrzunehmen und sich via selbstreferentieller Rhetorik hermetisch gegen ihre Erkenntnis abzuschotten. Die Lektüre liberaler Texte führt oft zu einem puren „Brainfuck“: es ist, als müßte man den Gedankengängen eines Schizophrenen nachfolgen. Oder in eine Welt hinabtauchen, in der oben und unten, schwarz und weiß vertauscht wurden. Oder die Tiraden eines Irren über sich ergehen, der offenkundig anderen genau das vorwirft, was er selber tut.

Das alles ging mir erneut durch den Kopf, als ich in dem frisch im Blumenbar-Verlag erschienen Anti-Sarrazin-Anthologie „Manifest der Vielen – Deutschland erfindet sich neu“ , herausgegeben von der Doppelpaß-Besitzerin Hilal Sezgin, blätterte. Das „Viele“ im Titel ist dabei irreführend, denn nach „Vielfalt“, Abweichungen und Überraschungen wird man darin vergeblich suchen. Im wesentlichen handelt es sich bei den dreißig Autoren um linksliberal argumentierende, die Assimilation und „deutsche Leitkultur“ ablehnende Deutschtürken und -orientalen , die von Beitrag zu Beitrag diesselbe ermüdende Melodie spielen. Als sachliche Auseinandersetzung ist es fast völlig wertlos, eine reine Propaganda-Nummer; dennoch ist die Lektüre äußerst aufschlußreich.

Die Teilnehmer dieser in Wirklichkeit relativ homogen zusammengesetzten Einheitsfront werden im Geleitwort von Christoph Peters lustigerweise „muslimische Intellektuelle der unterschiedlichsten ethnischen Herkunft und konfessionellen Positionierung“ genannt. Das Manifest zeige „eindrucksvoll“, wie „vielgestaltig, geistreich, aufgeklärt, zeitgenössisch, zukunftsträchtig, analytisch, gesellschaftskonform und gesellschaftskritisch muslimische Positionen in Deutschland heute sind“, wovon allenfalls „zukunftsträchtig“, „zeitgenössisch“ und „gesellschaftskonform“ zutrifft.

Für den Verfasser des „Geleitwortes“soll das Buch „all die kenntnisreichen, differenzierten und reflektierten Muslime, die es in diesem Land in großer Zahl gibt“ zu Wort kommen lassen, um einen „wirklichen Dialog zwischen den verschiedenen Auffassungen darüber zu beginnen, was die Stellung des Menschen in der Welt ist und welche Schlüsse für die Gesellschaft und das individuelle ethische Verhalten daraus zu ziehen sind (…).“ Und das, „statt“ Leute wie eine ungenannte, „von der islamischen Geistesgeschichte unbeleckte türkischstämmige Soziologin“ durch „die deutschen Talkshows“ zu jagen.

Peters selbst gehört jenem kuriosen, immer öfter auftauchenden Patrick-Bahners-Typus des liberalen Intellektuellen an, der sich auf bizarre Weise in den Islam verschossen hat. Peters beklagt, daß „nationale Identität und deutsche Leitkultur aus dem Kartoffelsack gezaubert werden“, während vergessen werde, daß der Islam für die geistige Entwicklung Europas „während der letzten zwölfhundert Jahre in nahezu allen Bereichen, von den Naturwissenschaften bis hin zur Baukunst, immense Bedeutung gehabt hat.“ Die Rede vom „jüdisch-christlichen Abendland“ hält er für heuchlerisch, denn Thora, Bibel und scholastische Theologie kennen keine „Trennung von Kirche und Staat, Toleranz gegenüber Andersgläubigen und Frauenemanzipation.“ (Wie Peters die Wertschätzung dieser Dinge mit seiner glühenden Islam-Liebe in Einklang bringt, bleibt sein Geheimnis.)

Die strahlende Überlegenheit der islamischen Kultur über das „christliche Abendland“, „zu dessen Doktrin jahrzehntelang der Antisemitismus gehört hatte“, hätten indessen schon Lessing, Wieland und Goethe erkannt.  Was heute in Deutschland nach Sarrazin geschehe, sei nichts weiter als ein Wiedergänger der Zeit vor 1945, als Deutschland von „Chauvinismus, Rassismus und stumpfer Propagandahörigkeit“ beherrscht wurde. Das altbekannte Symptombild eben: deutscher Selbsthaß, NS-Neurose, nachgeholte Widerstandsgesten, und eine übertriebene Glorifizierung und Idealisierung des Fremden bei gleichzeitiger Abwertung des Eigenen.

Unter den Verfassern des „Manifests“ finden sich fast sämtliche Unterzeichner des berüchtigten „Offenen Briefes deutscher Muslime und Musliminen an den Bundespräsidenten Christian Wulff“vom letzten September.  Es handelt sich bezeichnenderweise vor allem um eher linke und säkularisierte Vorzeigeintegrierte aus Medien, Politik und dem akademischen Bereich, die nun plötzlich ihre „muslimische“ Identität entdeckt zu haben scheinen.

Es dauerte bekanntlich nicht lange, bis Wulff auf diese Schmeichelei reagierte und in seiner Rede zum Tag der deutschen Einheit den Islam als „Teil Deutschlands“ begrüßte.  Ich habe diesen aufschlußreichen Brief hier analysiert. Der Geist ist derselbe, der aus dem „Manifest der Vielen“ spricht. Darin wird Wulff auch von einer Fereshta Ludin mit den Worten „Thank you, Mr. President!“ gedankt, als wäre er ein deutscher Obama. „Zwanzig Jahre habe ich auf diesen Satz gewartet… Sie haben mit Ihrer Rede ein neues Kapitel des Zusammenlebens in Deutschland aufgeschlagen.“
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