Der Fall Steinbach
Wer Erika Steinbach persönlich begegnet ist, kann ein gewisses Verständnis für die Affekte haben, die sie weckt. Sie verkörpert einen Typus Frau, den es sonst kaum noch gibt: nicht nur Dame, sondern „Herrin“. Man kann sie sich gut vorstellen auf der Freitreppe eines Gutes oder zu Pferd, Anweisungen erteilend, die auch Männer klaglos ausführen. Aber das ist natürlich keine hinreichende Erklärung für den „Fall Steinbach“, wie er sich immer deutlicher abzeichnet.
Bei dem Streit um ihre Aufnahme in den Rat der Stiftung gegen Vertreibungen spielen politische und kollektiv-psychologische Faktoren mit, die über das Persönliche hinausgehen. Erika Steinbach ist weniger Person als Symbol und mit dem Streit gegen das Symbol geht es darum, die lange Geschichte der Vertriebenen an ein Ende zu bringen.
Es ist noch lange nicht heraus, was 1945 wirklich passierte, denn der Zeiten Fluß hat es noch nicht freigegeben.
Alfred Heuß: Versagen und Verhängnis, Berlin 1984, S. 155
Es ist diese Geschichte die Geschichte des Verfalls eines gesellschaftlichen Faktors, dem man in der frühen Bundesrepublik beinahe revolutionäres Potential zugetraut hat. Daß Millionen von Menschen, denen man auf brutale Weise ihre Heimat geraubt hatte, die nicht nur ihr Eigentum verloren, sondern unter Todesgefahr geflohen waren, die am eigenen Leib erfahren oder miterlebt hatten, wie gemordet, verschleppt und vergewaltigt wurde, zumindest Wiedergutmachung verlangen oder zum Kern eines neuen deutschen Nationalismus werden würden, fürchtete man nicht nur in der neuen Politischen Klasse Westdeutschlands – man lese die Stellungnahmen zur Oder-Neiße-Linie, die Marion Gräfin Dönhoff in den vierziger und fünfziger Jahren abgab –, sondern auch in Kreisen der Siegermächte. Allerdings waren die Mächtigen entschlossen, das Problem taktisch zu behandeln, an eine Restitution Ostdeutschlands dachte keiner.
Konrad Adenauer hat jedenfalls nie geglaubt, daß man Schlesien, Pommern, Ostpreußen, Danzig und Ostbrandenburg zurückgewinnen könne und hat es vielleicht nicht einmal gewünscht. Er band aber diejenigen in die Unionsspitze ein, die als glaubwürdige Repräsentanten der Vertriebenen gelten konnten, um sich Stimmen zu sichern. Damit lag er ganz auf der Linie der Alliierten, die im Potsdamer Protokoll zwar keine völkerrechtlich eindeutige, aber eine faktische Übertragung Ostdeutschlands an Polen und die Sowjetunion samt Vertreibung der Restbevölkerung akzeptiert hatten. Bezeichnender Weise wurde den Deutschen die Möglichkeit einer Rückgabe immer nur als Köder präsentiert, etwa in der berühmten „Stuttgarter Rede“ des US-Außenminister Byrnes am 6. September 1946. Da hatte der Kalte Krieg schon begonnen, und man brauchte „seine“ Deutschen für den Westblock und war durchaus bereit, sich der Affekte des alten Feindes zu bedienen, wenn das im Kampf gegen den neuen nützte.
Der Grund für Kurt Schumachers Ablehnung der Integrationspolitik Adenauers lag auch darin begründet, daß er dieses Spiel durchschaute. Der SPD-Vorsitzende, ein geborener Westpreuße, gehörte zu den wenigen führenden Politiker der Bundesrepublik, die ehrlichen Herzens eine Wiederherstellung Gesamtdeutschlands forderten. Noch seine Ablehnung von Aufrüstung und EVG begründete er damit, daß künftige Panzerschlachten deutsches Gebiet zerstören würden, – das jenseits der Oder-Neiße-Linie. Die SPD hat auf viele Vertriebene, schon wegen der großen Armut in der sie lebten, eine erhebliche Anziehungskraft ausgeübt, und die sozialdemokratische Führung ihrerseits legte Wert auf Funktionäre des BdV in ihren Reihen; Herbert Hupka, der Vorsitzende der Schlesischen Landsmannschaft, war ursprünglich Bundestagsabgeordneter der SPD.
Die Integration der Vertriebenen in die großen Parteien hat alle Versuche scheitern lassen, sie als eigenständige Kraft zu etablieren. Organisationen wie der BHE, der „Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten“, gingen an inneren Querelen, zu kurzer und zu schlechter Personaldecke und den erfolgreichen Bestechungsversuchen der Union zu Grunde. Am Ende der sechziger Jahre war zu erkennen, daß sich die Vertriebenen, vor allem ihr Dachverband BdV, ganz in die Gefangenschaft der CDU / CSU begeben hatten, die einerseits für finanzielle Unterstützung aus öffentlichen Kassen sorgten und andererseits darauf achteten, dass die politischen Äußerungen sich im Rahmen von Loyalitätsbekundungen, unverbindlichem Verlangen nach „Heimatrecht“ und Nostalgie bewegten.
Die Hitlerschen Untaten in Polen waren eine Ungeheuerlichkeit, aber am Ende ist Polen als Staat und Volk Gewininer des Hitlerschen Wahnsinns, denn ohne ihn hätte nie die Konstellation eintreten können, die ihm diesen Zug nach dem Westen erlaubt hätte. Was Hitler in Polen zwischen 1939 und 1945 verbrach, ist eine unselige Erinnerung, aber die Vertreibung der Deutschen ist ein bleibendes Ergebnis.
Alfred Heuß: Versagen und Verhängnis, Berlin 1984, S. 143
Der damit einhergehende Bedeutungsverlust der Vertriebenen wurde von der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft mit Wohlwollen beobachtet, die im Konsumieren nicht länger belästigt werden wollte durch die Erinnerung an Niederlage, Kriegsverluste und das neue Geschichtsbild irritierende Tatsachen wie deutsche Opfer von Massenmord, Lagerhaft, Flucht und Deportation. Der Historiker Alfred Heuss hat schon vor mehr als zwanzig Jahren bitter bemerkt, daß der Verlust Ostdeutschlands eine Amputation gewesen sei, die den Deutschen nicht einmal mehr Phantomschmerzen bereite. Das war eine ebenso bittere wie zutreffende Feststellung, an der heute nichts mehr zu ändern ist: weder durch das verbissene Festhalten an längst erledigten Rechtspositionen, noch durch späte, allzu späte Empathie, noch durch die überklugen Schachzüge einer Erika Steinbach. Ihr Bündnis mit den Pensionären der Gegenseite – Peter Glotz und Ralph Giordano – und das stete Kreisen um das Zentrum der Macht haben nicht verhindern können, daß die Haltlosigkeit ihrer Position jetzt offenbar wird: eingekeilt zwischen einem unbußfertigen Polen und dem „inneren Polen“ der Meckel, Thierse und anderer, hat sie weder sichere Verbündete noch Spielraum. Mag sein, daß die CSU ihrer Klientel kein öffentliches Einknicken zumuten will. Aber in einzelnen Kommentaren wurde schon gemutmaßt, daß man Frau Steinbach zum „freiwilligen“ Rückzug nötigen und mit irgendeinem Posten abfinden werde. – Ein Muster, das für die CDU ebenso typisch wäre wie für die etablierte Spitze der Vertriebenenfunktionäre.









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